Teil 8

Es liegt was in der Luft

© Jens Mende, 2024
Kapitel:

1

Inzwischen war die Siedlung der Menschen schon ganz nahe an den Wald herangewachsen. Vor Jahren noch war hier freies Land, dachte der Fuchs bekümmert, als er auf einem seiner Streifzüge am südlichen Waldrand nach dem Rechten sah. Ein sanft abfallendes Gelände, damals eine riesige Wiese, bewachsen mit saftigem Gras, hin und wieder ein paar Stängel Sauerampfer, Butterblumen und Traubenhyazinthenschatz. Es war die ideale Deckung, um sich hinunter ins Dorf zu schleichen und im Hühnerstall des alten Bauern für Ordnung zu sorgen!
Den Bauernhof gab es längst nicht mehr. Der alte Mann hatte verkauft und war zu den Kindern in die Stadt gezogen. Den Hof hatten junge Leute übernommen, die dort Seminare zum Thema Tierschutz anboten. Hühner hielten sie leider nicht mehr.

Damals führte durch die Wiese ein schmaler Feldweg, breit genug, dass ein Auto auf ihm fahren konnte. Entgegenkommende Fahrzeuge mussten ausweichen und standen dann zur Hälfte im Gras. Im Sommer war der Weg so trocken, dass die Menschen, die diese Route gern als Abkürzung hinunter ins Dorf nutzten, lange Staubfahnen hinter ihren Autos und Fahrrädern herzogen. Im Herbst machte ihn der Regen nahezu unpassierbar.
Später bauten sich die Menschen eine breite Straße durch die Wiese, dann wühlten große Bagger das Erdreich auf, Betonpumpen versiegelten den Boden und nach und nach nahm die jetzige Siedlung Gestalt an.

Mit Schaudern dachte Fred an letztes Jahr, als sie die Hochzeitskleidung für Kati und Brumm aus der Siedlung besorgten. Weit und breit keine Deckung! Auf offener Straße mussten sie sich zum Haus des dicken Mannes schleichen. Zum Glück ist alles gut gegangen, wenn man von den Blessuren des Esels absehen konnte, der zweimal unglücklich von umher geworfenen Paketen am Kopf getroffen wurde! Und wenn man Schafis schlimmen Sauerampferrausch vernachlässigen wollte. Und Freds gequetschten Brustkorb, als er sich unter großen Schmerzen durch das angekippte Badezimmerfenster der Rentnerin Erna B. hindurchzwängen musste. Zum Glück hatte er sich bei dieser riskanten Aktion keine Rippe gebrochen! Mit einem Kopfschütteln verjagte Fred die unangenehme Erinnerung.

Früher konnte man von hier den Kirchturm des Dorfes am Horizont erkennen, erinnerte sich der Fuchs und dachte mit Wehmut an jene Zeit zurück, als auf der ehemals fruchtbaren Wiese noch keine Häuser dicht an dicht standen und die Sicht hinunter ins Tal versperrten.

Das Leben ist Veränderung, dachte der Fuchs sentimental und trottete nach Hause. Doch je mehr er sich von der Siedlung entfernte, um so größer wurde die Unruhe in ihm. Man müsste den Menschen in ihrem Drang nach Ausbreitung Einhalt gebieten. Nicht dass sie am Ende noch beginnen, den Wald zu roden und ihm und seinen Freunden das Zuhause raubten!
Aber es gab noch etwas, das dem Fuchs Sorgen bereitete: Seit Tagen schon war die Luft im Wald nicht nur unerträglich heiß. Nein, sie kratze auch im Hals und sorgte bei einigen seiner Freunde bereits für Kurzatmigkeit. Vor allem Brumm, der Bär, beklagte sich lautstark, er bekäme kaum noch Luft beim Essen. Und griff danach erneut und sehr beherzt zur Dose mit den leckeren Haselnusskeksen, die sein liebes Eichhörnchen für ihn gebacken hatte.

"Wenn du nicht so viele Kekse auf einmal in dich hineinstopfen würdest, könntest du ganz normal atmen", hatte Fred lächelnd zu Brumm gesagt. Und doch, es stimmte: Neuerdings kratzte die Luft beim Atmen. Man sollte der Sache auf den Grund gehen!

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2

Herr Esel liebte es, mit seiner Leni in lauen Sommernächten im warmen Gras zu liegen und die Sterne zu betrachten. Sie hatten sich das bei Kati und Brumm abgeguckt. Die beiden gingen an milden Sommerabenden nach Anbruch der Dämmerung regelmäßig zur großen Wiese, redeten über dies und das - manchmal flüsterten sie und kicherten dann albern - und beobachteten den Sternenhimmel. Der Bär hielt sein Eichhörnchen ganz eng bei sich und sog mit klopfendem Herzen Katis Geruch ein. Es war eine Mischung aus Nüssen, Sonne und Gras und diesen Duft liebte der Bär sehr. Und weil es so romantisch aussah, wie das Eichhörnchen eng an Brumm angekuschelt lag und der Bär an ihm herum schnupperte und weil Einhörner nun mal von Geburt an einen Hang für das Romantische haben, wollte Leni fortan mit Herrn Esel kuschelnd im Gras liegen und in den Sternenhimmel sehen. Und so schlossen sich die beiden dem Eichhörnchen und dem Bären an.

Meist gingen Kati, Brumm, Leni und Herr Esel, sobald die Sonne hinter den hohen Bäumen am Waldrand untergegangen war, gemeinsam zur großen Wiese. Das Eichhörnchen hatte vorsorglich einen stattlichen Picknickkorb mit allerlei Köstlichkeiten gepackt, den Brumm gern und voller Vorfreude auf das späte Abendmahl trug und dabei vergnügt vor sich hin brummte. Für Herrn Esel und Leni fand sich im Körbchen stets eine große Mohrrübe. Dabei stellte sich heraus, dass Leni die zarten Spitzen bevorzugte. Die dicken Enden überließ sie Herrn Esel.

Vor einigen Tagen aber hatte sich der Himmel verändert. Tagsüber war er von dicken, rötlichen Wolken verhangen, die das Firnament beim Sonnenuntergang einem Inferno gleich in sämtlichen Rottönen erstrahlen ließ. "Als stünde die Welt in Flammen", flüsterte Isabel Igel an einem solchem Abend ehrfürchtig und beschloss, angesichts des bevorstehenden Weltuntergangs noch eine letzte Sonderausgabe der Waldzeitung herauszubringen.

Schließlich ging die Sonne unter, doch der Nachthimmel blieb von Sternen ungeschmückt. Herr Esel, Leni, Kati und Brumm lagen auf dem Rücken im Gras und starrten mit weit aufgerissenen Augen in die Nacht, aber kein Stern, der die Dunkelheit durchdringen konnte.
"Es macht keinen Spaß, in die Sterne zu gucken, wenn keine Sterne zu sehen sind!", brummte der Bär verärgert. Schade, dachte Kati. Aber Brumm hatte recht. So ganz ohne Sterne am Himmel machte der Ausflug auf die große Wiese keinen Spaß!
"Ja und außerdem kratzt mir die Luft im Hals ganz doll!", beschwerte sich Leni.
"Sei nicht so empfindlich!", schimpfte Brumm mit dem Einhorn. "Wie kann Luft denn im Hals kratzen?"
"Wohl kann sie kratzen! Wohl!", widersprach Leni. Und zur Bekräftigung noch einmal: "Wo-hohl!"
Der Bär wollte zu einer Antwort ansetzen...
"Wohl!", unterbrach ihn Leni sofort.

Kati verhinderte eine Eskalation des Streits, in dem sie den leckeren Proviant ausbreitete. Sofort übernahm jenes uralte Areal in der Hirnrinde des Bären das Kommando, dass für die Nahrungsaufnahme zuständig war. Der Bär griff sich einen Keks, biss hinein und - hielt überrascht inne. Schmeckt irgendwie nach... Sand. Seltsam, dachte Brumm. Hatte Kati plötzlich das Backen verlernt? Oder handelte es sich hier gar um eine Spezialität, die er nicht zu schätzen wusste? - Sandgebäck?
Aus Sorge, sich zu blamieren, schwieg der Bär und schluckte tapfer das nach altem Hausschuh schmeckende Plätzchen. Er nahm sich einen zweiten Keks, aber es wurde nicht besser.

Schließlich erhob er sich. "Unsere abendlichen Ausflüge sind irgendwie nicht mehr so schön." Mit der Tatze versuchte er sich den sandartigen Keks von der Zunge zu kratzen. "Da kann ich auch nach Hause gehen und mir eine Geschichte ausdenken!"

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3

Was noch gar nicht zur Sprache gekommen war: Brumm hatte ein neues Hobby. Er dachte sich lustige Geschichten aus und trug diese dann von Zeit zu Zeit im Kreise seiner Freunde vor. Insgeheim war es sein Protest gegen das omnipräsente Fernsehen, das einem - Originalton Brumm - "jegliche Kreativität raubte und Zeit für wichtigeres stahl".
Dem Bären war nämlich aufgefallen, dass er nur noch selten Zeit allein mit seinem lieben Eichhörnchen hatte, seit das Fernsehgerät in ihrem Höhlenkobel stand. Fast jeden Abend saßen nun die Freunde bei Brumm und Kati und schauten gemeinsam Krimis, Fußball oder Unterhaltungssendungen, in denen bekannte Prominente gegen weniger bekannte Prominente für den guten Zweck seltsame Spiele spielten und dabei übertrieben lachten und sehr jenen Gestalten ähnelten, die sich in diesen kleinen Filmchen auf YouTube immer zum Horst machten.

Brumm war dessen überdrüssig. Er fand, dass er nun, da er ein verheirateter Bär war, seine Zeit sinnvoll nutzen müsste. So setzte er sich an den großen Tisch in der Küche des Höhlenkobels, machte ein kluges Gesicht und begann mit ungelenker Pfote all die Abenteuer aufzuschreiben, die er gern erlebt hätte. Während nebenan seine Freunde mit Kati versammelt vor dem Fernseher saßen, füllte Brumm Seite um Seite des kleinen Notizbuches, dass ihm der Fuchs für diesen Zweck überlassen hatte, mit seinen Gedanken und sah es voller Genugtuung.

Auf Brumms Veranlassung also blieb der Fernsehschirm an manchen Abenden dunkel. Dann setzte er sich, seinen Freunden zugewandt, in seinen Lieblingssessel und las eine neue Geschichte vor:
"Es war einmal vor langer, langer Zeit", begann der Bär seine Erzählung. Doch schon schweifte er ab. Oh, dachte Brumm, der Lieblingssessel ist wirklich sehr bequem. So bequem, dass man gar nicht mehr aus ihm aufstehen möchte. Und überhaupt war der Sessel so bequem, dass Brumm beschloss, nach der Erfindung des Vollkomfortbettes sogleich mit der Erfindung des Vollkomfortsessels zu beginnen. Aber woher sollte er nur die Zeit dafür nehmen?

Plötzlich wurde er sich der Stille im Höhlenkobel gewahr. Voller Spannung blickten ihn seine Freunde an. Offensichtlich war er, als er seinen Gedanken nachhing, so abgeschweift, dass er aufgehört hatte, vorzulesen. Aber das ist ja auch kein Wunder. Schließlich sind Bären nicht multitasking-fähig. Das einzige, was kleine und große Bären gleichzeitig tun können, ist schlafen und träumen. Oder sitzen und essen. Das können Bären auch gleichzeitig. Da fiel Brumm jene furchtbare Nacht wieder ein, als er mit Fred und Hansi unterwegs war, um Schafis Mama zu suchen. Sie hatten sich gerade ihr Lager für die Nacht vorbereitet, als sie von einer Rotte Wildschweine überfallen wurden. In panischer Angst konnte sich Brumm auf einen Baum retten, der Proviant aber, den Kati für sie eingepackt hatte, war verloren.

Seltsam, dachte Brumm. Vor Wölfen hatte er keine Angst. Wölfe konnte er verjagen. Bei Wildschweinen war er sich da nicht so sicher. Außerdem hatten ihm Wölfe noch nie seinen Proviant weg gefuttert, Wildschweine aber schon!
"Diese blöden Schweine!"
Irritiert sah Brumm auf. Hatte er das etwa laut gesagt?

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4

Umringt von seinen Freunden, die eng aneinander geschmiegt in Brumm und Katis Höhlenkobel saßen und den Bären erwartungsfroh ansahen, schob Brumm die Lesebrille, die er inzwischen brauchte, ein Stück höher. Dann räusperte er sich und setzte seine Erzählung fort: "In einem Wald, weit, weit entfernt von den Menschen, zumindest niemanden, den wir kennen, lebten viele verschiedene Tiere in Freundschaft vereint. Sie waren sich so freundschaftlich zugewandt, dass sich sogar Hase und Fuchs regelmäßig gute Nacht sagten..."
"Das gehört sich so als gut erzogener Fuchs", warf Fred ein.
"Dito", murmelte der Hase.

Irritiert sah Brumm auf. "Kann ich jetzt weiter lesen?", fragte er streng in die Runde.
Schweigen.
"Also gut", fuhr der Bär fort. "...lebten viele verschiedene Tiere in Freundschaft vereint. Hase, Elster...",
"Die Arschkuh!", entfuhr es Kati. Dröhnendes Gelächter im Höhlenkobel.

Missbilligend sah Brumm das Eichörnchen an und musste dann doch schmunzeln. Schließlich fuhr er fort: "...Fuchs, Hirsch, Schaf,Esel und sogar ein Einhorn; Bär und Eichhörnchen - und jeder von ihnen hatte eine liebenswürdige Eigenart, für die man ihn sehr schätzte oder die man ihm großzügig verzieh, selbst wenn man ihm manchmal am liebsten zur Strafe das Fell über die Ohren zöge. Und jeder hatte auf seine Weise schon eine Heldentat vollbracht..."

"Quatsch mit Soße!", rief da das Schaf vorlaut dazwischen. Irritiert sah Brumm von seinem Buch auf und sah das Schaf fragend an.
"Wie bitte?"
"Ich habe noch keine Heldentat vollbracht!", klagte das Schaf und sah betrübt in die Runde.
"Aber natürlich hast du!", widersprach Kati, das kleine Eichhörnchen, vehement. "Du bist doch der Hüter des Portals und außerdem hast du gemeinsam mit Brumm die weißen Wölfe verjagt, als wir zu Besuch am Nordpol waren. Erinnerst du dich denn gar nicht mehr daran? Enigmatischer Blick und so?", half das Eichhörnchen nach.
"Hab ich?", fragte das Schaf zweifelnd. "Enig- was? Hm..." und machte ein ratloses Gesicht.

"Ich glaube, der Sauerampferkonsum ist nicht gut für dein Langzeitgedächtnis", warf der Fuchs in Richtung Schaf ein und wollte soeben zu einer längeren Belehrung ansetzen, als der Bär mit einem tiefen Brummen die Aufmerksamkeit auf sich lenkte.
"Kann ich jetzt weiter die Geschichte vorlesen?"
"Selbstverständlich", murmelte Fred und senkte den Kopf.
"Also", fuhr Brumm fort und räusperte sich erneut.
"Aber na klar doch", rief da das Schaf und schlug sich mit der Vorderpfote an die Stirn. "Jetzt erinnere ich mich wieder! Von wegen Kurzzeitschädigung des Langzeitgedächtnisses durch Sauerampfer. Du hast ja keine Ahnung, Fred!" Dann wandte sich das Schaf an seine Freunde: "Enigmatischer Blick! Und die Polarwölfe haben den Schwachsinn geglaubt!" Jetzt kicherte Schafi und sah dann das kleine Eichhörnchen an und sagte mit ernstem Tonfall: "Aber das war doch gar nichts im Vergleich zu Brumm und Hansi Hases Mut, als sie sich auf den weiten Weg zur Silbernen Tanne machten. Weißt du noch? Du hast es mir selbst erzählt."

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5

Aber natürlich erinnerte sich Kati an jenes Jahr, als sie so krank war, dass Brumm und Hansi ihr die Zapfen der Silbernen Tanne bringen mussten, damit Dr. Uhu die dringend benötigte Medizin daraus für sie herstellen konnte. Was für eine aufregende Zeit das war! Und dann war da noch der Baummarder, der sie fangen und fressen wollte! Oje! Kati verdrehte die Augen und war dankbar, im Kreise ihrer Freunde zu sitzen, die sie damals so heldenhaft beschützt und geholfen hatten, den Bösewicht zu fangen. Und noch einmal wurde sie sich der Freude und Erleichterung gewahr, als ihr geliebter Brumm nach der langen und gefährlichen Reise wohlbehalten zu ihr zurückgekehrt war.

Der Bär nahm unter geräuschvollem Räuspern das Buch wieder auf und setzte erneut an, um weiter daraus vorzulesen.
"...lebten also viele verschiedene Tiere im Wald, die in Freundschaft vereint waren..." - Hust, hust! Das war Herr Esel.
Brumm holte tief Luft, dann las er weiter: "Sie waren sich so freundschaftlich zugewandt, dass sie gemeinsam einen Stall für den Esel und..." - Hust, hust! Frau Igel entschuldigte sich sofort für ihren kleinen Hustenanfall.
Brumm, nun lauter: "...sein Einhorn bauten, weil sich das Einhorn etwas mehr Privatsphäre für sich und den Esel wünschte. Eines Tages aber..."
Es wollte einfach keine Ruhe in den Höhlenkobel einkehren. Ständig wurde der Bär vom Husten der Tiere unterbrochen.

"Nein, so macht das keinen Spaß!", sagte er schließlich, nahm die Brille ab und legte resignierend das Buch zur Seite. "Heilt erst mal euren Kratzehusten aus, dann lese ich euch wieder vor. Gute Nacht!" Und ohne eine Antwort abzuwarten, ging er ins Bett.
Bedauernd sah Kati dem Bären nach, während die Tiere wild durcheinander plapperten. "Menno! Ich hatte mich so auf die Geschichte gefreut!", schimpfte Sebastian Spatz.

"Vielleicht sollte Kati Brumms Buch nehmen und weiter vorlesen?", schlug Herr Esel vor.
"Das geht leider nicht", antwortete das Eichhörnchen und schüttelte den Kopf. "Brumms Bärenhandschrift kann leider niemand außer Brumm entziffern."
"Dann müssen wir Brumms Geschichte eben von Freds ENIGMA übersetzen lassen!", schlug das Schaf vor. "Ja? Ja ja ja ja ja?" Alle schauten gespannt auf den Fuchs. Und Fred, ganz in seinen Gedanken versunken, nickte. "Brumm hat Recht", sagte er schließlich. "So hat das keinen Sinn. Wir müssen die Ursache dafür finden, weshalb die Luft in letzter Zeit so sehr beim Atmen im Hals kratzt."

"Siehste!", rief nun Leni triumphierend in Richtung Schlafzimmertür, hinter der sie Brumm in seinem Bett liegen wusste. "Die Luft kratzt wohl!"
Irritiert sah Fred das Einhorn an, dessen Einwand er nicht verstand. Egal, dachte er und machte eine Bewegung mit seiner rechten Vorderpfote, als wolle er Lenis letzte Bemerkung einfach fortwischen. Ein kluger Fuchs wusste Wichtiges von Nebensächlichem zu unterscheiden. Die Gäste in Brumm und Katis Höhlenkobel aber interpretierten Freds Geste anders: Das Geplapper verstummte und es kehrte Ruhe ein.

"Wir müssen der Sache auf den Grund gehen!", schlug Fred vor. "Jeder zweite von uns röchelt beim Atmen und viele leiden unter einem schlimmen Husten, weil die Luft im Hals kratzt." Jetzt sah Fred das Einhorn an. "Ja Leni, die Luft kratzt wohl!" Und so berief der Fuchs mit ernster Mine eine Versammlung der Tiere ein. Diese sollte, der Dringlichkeit des Anliegens wegen, bereits am nächsten Tag nach dem Abendessen stattfinden. Auf der großen Wiese, auf der im letzten Sommer noch die Hochzeit von Kati und Brumm gefeiert wurde, musste nun ein sehr ernstes Thema besprochen werden.

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6

Nach und nach füllte sich am folgenden Abend die Wiese. Aufgeregt plapperten die Tiere durcheinander. In das wilde Stimmengewirr mischte sich ein tiefes Grummeln, das stetig anstieg. Opa Hirsch verschaffte sich mit einem wunderschönen röhrenden Laut Gehör. Schließlich verstummte die Menge. "Na bitte", zeigte sich der alte Hirsch zufrieden. "Klappt immer noch!"

Die Stille nutzend, begann Fred seine Rede an die Tiere: "Ihr habt es alle bemerkt, dass die Luft in letzter Zeit sehr kratzig geworden ist. Viele von euch haben bereits einen schlimmen Husten bekommen und fast allen von uns verursacht das Atmen Schmerzen. Zudem sind auch die Blätter der Laubbäume mit einer feinen Schicht aus rötlichem Staub bedeckt."
"Ja!", rief da die Elster dazwischen, "Mein schöner weißer Latz am Hals ist auch schon seit Tagen rot und ich bekomme und bekomme ihn einfach nicht sauber", klagte sie. Erika hatte sogar schon die Waschbären um Rat gefragt, die seit kurzem am Waldrand, ganz in Sichtweite zur Menschensiedlung, wohnten. Aber selbst die wussten kein Mittel gegen diesen seltsamen Schmutz.

"Wie dem auch sei", fuhr Fred fort. "Wir müssen die Ursache für die Luftveränderung herausfinden und wenn möglich dafür sorgen, dass wir alle wieder normal atmen können."
Dann übergab er das Wort an Prof. Rabe von der Walduniversität, der in sehr gelehrten Worten das Phänomen beschrieb, letztlich aber eingestehen musste, sich auf die Sache keinen Reim machen zu können. Und schon diskutierten die Tier aufgeregt durcheinander. Opa Hirsch musste lange und tief röhren, damit wieder Ruhe auf der großen Wiese herrschte.

"Gibt es Wortmeldungen?", fragte Fred in die Runde.
Stille.
Da scharrte Herr Esel mit dem rechten Vorderhuf als Zeichen, dass er etwas sagen möchte. Fred nickte ihm aufmunternd zu.
"Wir müssten einen Freiwilligen finden, der das rötliche Zeug auf den Blättern der Laubbäume kostet", schlug der Esel vor. "Am Ende ist es harmloser Möhrenstaub."
"Ist es nicht", warf Brumm ein. "Hab schon gekostet. Schmeckt wie alter Turnschuh."
"Möhrenstaub? Alter Turnschuh?", wiederholte der Fuchs. Dann winkte er ab. "Ihr habt vielleicht Ideen!"
Nun meldete sich Kati zu Wort: "Ob es vielleicht mit den Menschen zu tun hat? Ich meine, als sie noch fern von uns wohnten, hatten wir keine Probleme mit ihnen. Aber nun stehen ihre Häuser schon in Sichtweite zum Waldrand. Vielleicht hat es ja mit ihnen zu tun."

Da flatterte aufgeregt die Elster von ihrem Baum und pflichtete dem Eichhörnchen bei: "Ganz bestimmt hat das mit den Menschen zu tun! Kein Wunder auch nach der letzten Aktion im Sommer! Ihr klaut denen einen Frack, eine Badezimmergardine und wenn ich mich recht entsinne, hat Brumm in der Siedlung auch ein Fernsehgerät für das Eichhörnchen mitgehen lassen." Betretenes Schweigen auf der Wiese.
"Nicht zu vergessen den Kupferdraht!", schob die Elster nach.

Brumm versuchte, völlig unbeteiligt zu wirken und blickte in den Abendhimmel.
"Ich meine, sind wir doch mal ehrlich", setzte Erika Elster ihre Überlegung fort: "Da kommt doch schon ganz schön was zusammen. Klar sind die Menschen dann irgendwann sauer auf uns. Und dann wollen sie Rache nehmen mit so einem Staub, an dem wir ersticken sollen! So sieht's doch aus! Am besten, wir fesseln den Fuchs und übergeben ihn den Menschen als Wiedergutmachung. Schließlich war es seine Idee! Das wird die Menschen milde stimmen und wir können wieder ganz normal in unserem Wald wohnen."

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7

In der Folge spielten sich tumultartige Szenen auf der großen Wiese ab. Am Ende musste sich die Elster auf den höchsten Baum des Waldes flüchten, weil Freds Freunde ihr angedroht hatten, ihr für jedes ihrer bösen Worte eine Feder auszureißen. "Da hat es sich ganz bald ausgeflattert, Fräulein Elster!", rief Brumm dem diebischen Vogel erbost nach und Hansi Hase ballte seine rechte Vorderpfote zu einer Faust und drohte der Elster: "Lass dich hier bloß nicht so schnell wieder sehen!"

"Wie ich bereits bei anderer Gelegenheit sagte, sie ist eben eine Arschkuh!", gab das Eichhörnchen kund und die Tiere brachen in Gelächter aus. Es war ein befreiendes, reinigendes Lachen. Und als sich dann die Aufregung endlich wieder gelegt hatte, diskutierten die Tiere und suchten gemeinsam nach einer Erklärung. Aber sie konnten weder die Ursache finden, die dazu geführt hatte, dass ihnen seit Tagen die Luft im Hals kratzte, noch wussten sie eine Lösung, um das Problem zu beseitigen.

Weil es inzwischen schon fast ganz dunkel geworden war, mahnte der Fuchs zur Eile. "Vielleicht hat Kati ja recht und die Ursache für die Veränderung ist wirklich bei den Menschen zu suchen. Dann sollten wir der Sache auch nachgehen und..."
"Und jemanden in die Siedlung schicken, der sich auf die Lauer legt und die Menschen observiert!", rief der Hase dazwischen und zeigte mit beiden Vorderpfötchen auf sich.
"Du meinst, du willst die Menschen ausbaldowern?", fragte Schafi den Hasen und genervt rollte der Fuchs mit den Augen. Geht das denn schon wieder los?!

"Nein!", rief Fred energisch. "Es nützt nichts, wenn wir die Menschen in der Siedlung beobachten. Wir würden wahrscheinlich doch nicht verstehen, was passiert ist. Wir müssen als Menschen zu ihnen gehen und das Problem erforschen!"
Ich wusste es, dachte Brumm. Ich wusste es von Anfang an! Gleich wird Kati sagen, wie toll die Idee ist und das wir wieder durch das Portal zu den Menschen reisen sollen und natürlich werde ich wieder mit dabei sein müssen!

"Genau!", rief Kati. "Das ist eine tolle Idee. Wir schicken eine Forschungsexpedition durchs Portal und gehen der Sache in der Menschenwelt auf den Grund! Brumm, du kommst doch mit, ja?"
Siehste, dachte Brumm. Da haben wir's! Da hat man mal eine Geschichte lang Ruhe und muss nicht verreisen, und dann passiert irgend etwas Unerklärliches und zack! Schreien wieder alle, da müssen wir durch das Portal in die Menschenwelt und am liebsten alle auf einmal! Ha! Sollen sie doch! Ich warte so lange in meinem Höhlenkobel und schlafe ein bisschen. Mir wird ganz bestimmt nicht langweilig!

Aber da fiel bereits die eine Frage, vor der der Bär sich am meisten gefürchtet hatte: "Und wer soll in die Menschenwelt reisen?", fragte Hansi Hase.
"Auf jeden Fall Fred, denn er ist der Klügste von uns allen", schlug Schafi vor. "Und ich komme auch gern mit", bot sich das Schaf an.
"Aber du bist doch in der Menschenwelt ein kuscheliges Plüschtier und könntest uns gar nicht helfen", wandte Fred ein.
"Na und?!", erwiderte das Schaf. "Aber ich könnte bei der Gelegenheit mal wieder meine Luise besuchen."
"Gut. Hätten wir das geklärt", sagte der Fuchs und blickte suchend in die Runde. "Wer noch? Kati, du?"
"Ja, gern!", rief das Eichhörnchen erfreut und wäre am liebsten sofort zum Portal gehüpft.
"Wer noch?", fragte Fred noch einmal. Und alle Augen waren auf Brumm gerichtet.

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8

Plötzlich wurde es ganz still auf der großen Wiese.
Brumm meinte, jeder könne seinen Herzschlag hören, so laut pochte das Bärenherz vor Aufregung. Bären möge keine Aufregung, weil sie meist die direkte Folge von Veränderungen sind, die Bären ebenfalls nicht mögen.
Die Blicke der anderen waren auf Brumm gerichtet und es fühlte sich an, als würden sie ihn mit kleinen, spitzen Nadeln pieksen.

Brumm schloss die Augen und überlegte, so schnell er konnte. Er benötigte nur eine plausible Ausrede, eine einzige nur, weshalb er nicht mit Fred, Kati und dem Schaf durch das Portal reisen könne. Bitte, liebes Bärengehirn, flehte Brumm in Gedanken, bitte, bitte, eine einzige Erklärung, die die anderen akzeptierten. Aber so sehr er sich auch anstrengte, sein Gehirn zeigte ihm nur Bilder von Lachsen, leckeren Walderdbeeren und natürlich Katis unschlagbarer Schwarzwälder Haselnusstorte.

Brumm öffnete die Augen und formulierte den erstbesten Gedanken, der ihm gerade auf die Zunge kam: "Könnten wir nicht eine Robotertaube bauen und zu den Menschen schicken?", schlug der Bär mit schwacher Stimme vor. "Ich hatte neulich so etwas im Bildungsfernsehen gesehen, ihr glaubt gar nicht, wie weit die Technik inzwischen ist und wie zuverlässig sie arbeitet. Da müssten wir auch gar nicht durch das Portal reisen." Und um Zustimmung heischend sah er seine Freunde mit treuen Augen an.

Stille. Dann begann Schafi vor Lachen zu Klucksen. Und mit ihm Herr Esel. Und schon konnte sich Leni vor Lachen kaum noch auf den Beinen halten, dann beherrschte ein einziges schallendes Gelächter die Wiese.
"Ach Brumm, was bist du nur für ein Komiker!", prustete das Schaf. "Eine Robotertaube! Köstlich!" Und selbst dem Fuchs liefen vor Lachen die Tränen über das Gesicht. "Wo du nur immer diese Ideen her nimmst? Wunderbar!" Dann wurde er wieder ernst und bat um Ruhe. Aber es dauerte dann doch noch eine Weile, bis wieder aufmerksame Stille auf der großen Wiese einzog.

Fred fasste das Ergebnis der Versammlung zusammen: "Dann ist es also beschlossen. Kati, Brumm, Schafi und ich reisen durch das Portal und ergründen die Ursache dieser..." Jetzt stutzte Fred und hielt inne. "Wobei Schafis Reisegrund ja eher privater Natur ist, aber egal. Als Wächter des Portals sei es ihm gestattet. Weil die Zeit drängt, sollten wir uns mit der Vorbereitung der Expedition beeilen. Ein Tag muss dafür ausreichen! übermorgen, wenn die Sonne im Zenit steht, reisen wir in die Menschenwelt."

Damit war die Versammlung beendet, die aus Brumms Sicht nicht schlechter hätte laufen können. Während sich die Tiere auf den Heimweg begaben, suchte er noch immer nach einer Möglichkeit, nicht mit auf Reisen gehen zu müssen. Spürte er nicht einen ganz schlimmen Schmerz in der Hintertatze? Sofort begann er zu hinken.
"Brumm, was hast du?", fragte Kati sofort besorgt.
"Ach nichts", brummelte der Bär. "Nur diese alte Jagdverletzung. Da werde ich wahrscheinlich doch nicht mit verreisen können. Schade!" Dabei versuchte er, ein bekümmertes Gesicht zu machen.

Behende sprang das Eichhörnchen auf Brumms Rücken, schoss hinauf zu seinen Schultern, umrundete dann zweimal den Kopf des Bären, - "Kati, was machst du? Mir wird ja ganz schwindelig!" - dann stoppte das Eichhörnchen urplötzlich am rechten Ohr des Bären und flüsterte: "Brumm, ich weiß, dass du nur sehr ungern verreist. Aber die Sache ist wichtig für uns alle. Wir müssen herausfinden, warum die Luft neuerdings so sehr kratzt beim Atmen und wir müssen etwas dagegen unternehmen. Und dazu brauchen wir dich. Wenn du mitkommst, packe ich auch alle deine Lieblingsleckereien in doppelter Portion in den Vorratskorb, den wir auf die Reise mitnehmen werden."
"Versprochen?", fragte der Bär leise.
"Versprochen!", antwortete Kati und gab Brumm ein Küsschen auf die Nase.

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9

Im Grunde gab es nicht viel vorzubereiten. Kati packte wie versprochen einen riesigen Vorratskorb für ihren Brumm, wobei ihr klar war, dass sie das viele Essen gar nicht durch das Portal würde mitnehmen können. Sicherheitshalber hatte sie dem Hasen Bescheid gegeben, dass er die Vorräte nach ihrer Transmission bitte wieder in den Höhlenkobel zurück bringt. Wäre doch schade, all die Leckereien den Ameisen zu überlassen.
Dem Bären aber schien das nicht aufzufallen. Er wusste gar nicht mehr, dass es unmöglich war, Dinge durch das Portal zu schmuggeln. Mit Wohlgefallen sah er, wie eine Leckerei nach der anderen im Korb landete und das stimmte den Bären fröhlich. Wenn er schon verreisen musste, dann wenigstens mit vollem Bauch, brumm!

Der Fuchs verbrachte den Tag vor der Abreise bei Prof. Rabe, um sich mit ihm abzustimmen. Schließlich konnten sie nicht aufs Geradewohl durch die Menschenwelt irren in der Hoffnung, ganz zufällig die Ursache für die unangenehme Luftveränderung zu finden. Nein, Fred wollte vorbereitet sein und sich mit einem Wissenschaftler beraten. Und er kannte keinen besseren als Prof. Rabe, den er sehr für seinen scharfen Geist bewunderte.

Schafi wiederum tollte den ganzen Tag durch den Wald und trieb allerlei Schabernack. Er müsse sich vor der Reise noch einmal richtig austoben, hatte er gesagt. Schließlich sei er in der Menschenwelt ein zur Bewegungslosigkeit bestimmtes Plüschtier, das die ganze Zeit zur Zierde auf einer Couch liege. Ach Luise, dachte Schafi völlig außer Atem, wie sehr freue ich mich auf dich!

Dann wurde es Abend. Der Tag verabschiedete sich mit einem atemberaubend schönen Himmel, der in allen nur denkbaren Rottönen erstrahlte und dem Wald ein unwirkliches Aussehen verlieh. Im letzten Licht der untergehenden Sonne schimmerten die Blätter der Laubbäume, die mit einem rötlichen Staub bedeckt waren, in einem sonderbaren metallischen Glanz. Allmählich erlosch das Schauspiel am Himmel wieder und schließlich brach die Nacht an.

Brumm lag schlaflos in seinem Bett und hörte die gleichmäßigen Atemzüge seines kleinen Eichhörnchens. Ein bisschen beneidete er Kati um ihre Unbekümmertheit. Eine Reise steht an? Juhu, lass uns packen! Und mit einem Strahlen in den Augen freute sie sich auf neue Horizonte und aufregende Abenteuer.
Nicht so der Bär. Für ihn bedeutete jede Reise zunächst einmal das Verlassen der sicheren Höhle und kostete ihn schon deshalb große überwindung. Schließlich konnte er ja nicht wissen, in welchem Bett er dann am Abend schlafen würde, dachte er und seufzte. Was aber noch viel schwerer wog war die Ungewissheit, wie und woher er Essen bekommen würde. Und überhaupt: Es gab nicht ohne Grunde wichtige Verhaltensregeln, die das Leben eines Bären bestimmten und deren Einhaltung ihn vor Gefahren schützten. Zum Beispiel, "Ist der Bär satt, herrscht Ruhe im Wald."
Na gut, war jetzt im konkreten Fall vielleicht nicht ganz so zutreffend. Brumm überlegte. Wie lautete noch die Bärenregel Nummer zwei? "Iss immer nur soviel, wie du kacken kannst!" Hm... hatte jetzt auch nicht soviel mit Brumms Reiseabneigung zu tun.

Aber! Tante Bärnadettes alter Leitspruch "Bär, bleib in deiner Höhle!" fasste alle Unwägbarkeiten dieser Welt schlüssig in einem einzigen Satz zusammen.
Brumm seufzte. Warum die anderen einfach nicht verstehen wollten, dass er am liebsten die meiste Zeit in seiner Höhle verbrachte und keinen Gefallen an Reisen fand? Schließlich war Brumm ein Bär und kein Zugvogel! Alles in allem betrachtet, konnte Brumm wirklich sehr gut verstehen, weshalb Brumm nicht gern verreiste. Und mit diesem Gedanken schlief er endlich ein.

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10

Aber es wurde nur eine kurze Nacht. Der Bär hatte schlecht geschlafen und war schon sehr früh am Morgen wieder aufgewacht. Er beschloss, sich ein wenig die Hintertatzen zu vertreten und schlich sich leise aus dem Höhlenkobel. In den trüben Morgen schnuppernd - es lag tatsächlich etwas kratziges in der Luft, die zudem nach feuchtem Sand roch - bemerkte Brumm, wie sich gegenüber die Tür des Stalls öffnete, in dem das Eselchen und Leni wohnten. Heraus trat Herr Esel, bemüht, jegliches Geräusch zu vermeiden und verschwand, ohne den Bären zu bemerken, im Dickicht.
Na, dachte Brumm erheitert, der hat es aber eilig mit der Morgentoilette. Dann suchte er sich ein paar Waldheidelbeeren, aber sie sahen aus, als seien sie mit rotem Puder überzogen und schmeckten nach altem Turnbeutel. Enttäuscht spuckte der Bär die sonst so köstlichen Früchte wieder aus. Und weil er nicht wollte, das sich Kati Sorgen machte, wenn sie ohne ihn aufwachte, ging er zurück in den Höhlenkobel.

Das kleine Eichhörnchen schlief noch, also begann Brumm, das Frühstück vorzubereiten. Er tat dies nur zwei- oder dreimal im Jahr und deshalb konnte er das nicht so gut wie Kati, aber er gab sich Mühe im Rahmen seiner Möglichkeiten.
Das Eichhörnchen gestaltete jeden Frühstückstisch zu einem Gemälde: Hübsch angerichtete Speisen auf kleinen Tellern und in Schalen, üppige Auswahl von allem, was der Bär so gern aß und frische Blumen schmückten den Tisch.
Brumm ging die Sache rationaler an und bereitete das Frühstück auf Bärenart vor: Er räumte alles, was er finden konnte und von dem er glaubte, dass er oder Kati darauf Appetit haben würde, aus dem Vorratsschränkchen und stapelte alles wild auf dem Tisch - fertig! Anschließend ließ er sich von Kati ausgiebig loben, wie schön er doch den Frühstückstisch vorbereitet habe. Und so auch dieses mal. Doch heute fehlte dem Bären angesichts der bevorstehenden Reise der Appetit. Kati sah ihrem Brumm die Aufregung an, aber leider konnte sie nichts für ihn tun, außer ihm zu sagen, dass wie immer alles gut werde. Und sie bekräftigte ihren Trost mit einem Küsschen auf Brumms Nase. Der Bär nickte tapfer.

Kaum waren sie mit den letzten Reisevorbereitungen fertig, klopfte es an der Tür. Leni fragte aufgeregt, ob sie wüssten, wo Herr Esel abgeblieben sei. Sie waren gestern Abend gemeinsam zu Bett gegangen, doch als sie heute morgen erwachte, war das Eselchen verschwunden. Brumm zuckte mit den Schultern. Ja, er habe Herrn Esel heute morgen sehr zeitig gesehen, als er den Stall verließ, aber der Bär hatte dem keine Bedeutung beigemessen. Ist ja schließlich nichts ungewöhnliches, morgens nach dem Aufwachen mal vor die Tür zu müssen.

"Leider können wir dir nicht bei der Suche helfen", sagte Kati mit viel Bedauern in der Stimme. "Du siehst ja, wir sind auf dem Sprung und müssen pünktlich am Portal sein. Wir reisen ja heute in die Menschenwelt."
"Aber ich kann doch hier bleiben und suchen helfen", bot Brumm sofort an.
"Das geht leider nicht", sagte Kati und lächelte nachsichtig.
So verabschiedeten sie sich von Leni und wünschten ihr viel Erfolg bei der Suche nach Herrn Esel. Brumm sah ihr noch einen Moment nach, wie sie unschlüssig zurück zum Stall ging.
"Seltsam", dachte das Einhorn. "Wo kann er nur hingegangen sein?"
Dann nahm der Bär den riesigen Proviantkorb auf, das Eichhörnchen sprang auf seine Schulter und so machten sie sich auf den Weg zum Treffpunkt.

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11

Als die Sonne am höchsten stand, trafen sich die Freunde wie vereinbart am Portal - der große Moment war gekommen! Das Schaf entnahm den Portalschlüssel aus seiner Tasche, begab sich direkt zu der Stelle, von der es wusste, dass sich dort, sofern es erfolgreich die Beschwörungsformel spräche, der Eingang zum Portal befinden würde.
Schafi schloss die Augen und begann sich rhythmisch hin und her zu wiegen. Dabei summte er eine eigenartige Melodie. So ging das einige Minuten, aber es tat sich nichts. In Brumm wuchs bereits die leise Hoffnung, dass sich das Portal heute nicht öffnen möge. Damit könnte der Bär leben. Dann gehen wir eben wieder nach Hause, ich setze mich in meinen Lieblingssessel und esse den Proviantkorb leer. Wäre auch okay. Diese Vorstellung vor Augen, lächelte Brumm hoffnungsvoll.

Plötzlich aber verharrte das Schaf. Es stand ganz still, dann hob es die Stimme und sprach beschwörend in Richtung Portal:
"Der Wächter des Portals ist hier,
mit ihm sind es der Freunde vier,
die heute auf die Reise gehen,
um zu ergründen, zu verstehen,
was jüngst mit uns'rer Luft geschehen."

Das Schaf öffnete die Augen, trat einen Schritt auf das Portal zu und schob den Schlüssel in ein imaginäres Schloss.
"Da!", rief Kati überrascht und zeigte auf den Höhleneingang. Und nun sahen es die anderen auch: Die Dunkelheit im Inneren der Höhle wich einem zarten Leuchten, das stetig kräftiger wurde und zu fluoreszieren begann. Schafi nickte zufrieden. "Wir können", sagte es zum Fuchs.

Die vier Freunde bildeten einen Kreis und umarmten sich noch einmal, dann sah Fred Kati in die Augen und fragte:
"Bereit?" Das Eichhörnchen nickte und konnte ihre Vorfreude auf die Reise in die Menschenwelt kaum verbergen.
"Schafi, bereit?" fragte der Fuchs.
"Bereit", antwortete das Schaf und blinzelte Brumm aufmunternd zu.
"Brumm, bereit?"
"Ja, ich will", antwortete der Bär mit kratziger Stimme und sah dabei sein liebes Eichhörnchen an, als suche er Halt.

Sie verharrten noch einen Moment in der Umarmung, dann lösten sie sich wortlos und gingen auf den Eingang des Portals zu. Jetzt fassten sie sich bei den Pfötchen. Noch ein letzter gemeinsamer Schritt und sie befanden sich im Inneren des Portals. Das fluoreszierende Leuchten hatte an Intensität gewonnen. Der Mechanismus setzte sich in Gang.
Die Freunde glaubten sich in der Mitte von einem strahlenden Etwas; undefinierbar, aber so intensiv, so gleißend, dass sie die Augen nicht öffnen konnten.

Da nahm Brumm eine Berührung wahr, erst nur ganz sanft und er glaubte, sich das nur einzubilden; dann aber wurde die Berührung immer fester, gerade so, als klammerte sich jemand voller Angst an seine Hintertatze.
Instinktiv versuchte der Bär die Augen zu öffnen, aber es gelang ihm nur, die Lider einen schmalen Spalt weit auseinander zu bekommen - zu gleißend, zu intensiv drang das Licht in seine Pupillen. Doch dieser schmale Spalt genügte dem Bären, um zu erkennen, wer sich da mit aller Kraft um seine rechte Hintertatze geklammert hatte. Dann riss ihn die Energie des Portals in eine Dimension aus purem Licht und geblendet schloss er die Augen.

Na, das kann was werden, dachte Brumm und ergab sich der Transmission.

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12

Herr Esel hatte sich nach der Befreiung aus dem Zirkus sehr schnell in seinem neuen Zuhause eingelebt. Der Wald bot ihm reichlich Nahrung, die Mitbewohner waren nett und hatten ihm und seiner Leni im vergangenen Sommer sogar einen eigenen Stall gebaut. Er hatte hier alles, was ein Esel brauchte und langweilig wurde es im Wald auch nie.

Am meisten gefiel ihm, wenn Schafi von den Abenteuern erzählte, die seine neuen Freunde schon erlebt hatten. Davon bekam Herr Esel einfach nicht genug! Wie gern wäre er mit zum Nordpol geflogen oder wäre mit Brumm und Kati durch das Portal in die Menschenwelt gereist! So was aber auch! Nie hätte er sich träumen lassen, dass das Leben im Wald so aufregende Dinge wie jenes geheimnisvolle Portal bereit halten würde. Was gäbe er dafür, es selbst einmal betreten zu dürfen! Aber es gab da wohl sehr strenge Zugangsregeln. Nicht jeder durfte nach Belieben in die Menschenwelt reisen, hatte ihm Schafi erzählt. Und der musste es wissen, schließlich war ja das Schaf der Hüter des Portals.

Überhaupt! Was hatte Herr Esel jetzt für tolle, neue Freunde! Ein Fuchs, der wohl ein sehr berühmter Detektiv und so klug war, dass die anderen Tiere ihn häufig um Rat fragten. Ein Hase, der sich manchmal betrank und dann von seiner Frau mit Stubenarrest bestraft wurde, der aber im Grunde ein lieber Kerl und ein verlässlicher Freund war.
Ein Bär, verfressen wie nur irgendwas, mit einem Eichhörnchen verheiratet und so lieb, dass man gar nicht glauben wollte, es mit einem ausgewachsenen Exemplar von einem Allesfresser zu tun zu haben. Und natürlich Kati, das Eichhörnchen, die sich immer rührend um alle kümmerte, ständig für Leckereien sorgte und darauf achtete, dass es im Wald immer schön harmonisch zu ging.

Am engsten war Herr Esel aber mit Schafi befreundet. Schon verrückt, was dieses kleine, schwarze Wollknäuel zu erzählen hatte! Am meisten interessierte den Esel, was es mit diesem ominösen Portal auf sich hatte. Er bekam einfach nicht genug von all den Geschichten, die das Schaf über das Portal und die Reisen in die Menschenwelt zu berichten wusste. Wie gern wäre das Eselchen dabei gewesen!

Am Abend, als die Versammlung der Tiere auf der großen Wiese stattgefunden hatte und die Reise durch das Portal in die Menschenwelt beschlossen wurde, wartete das Eselchen sehnsüchtig darauf, dass auch er für die Expedition vorgeschlagen wurde. Aber vergebens! Dabei hatte er doch erst im letzten Sommer unter Beweis gestellt, dass er auch in kniffligen Situationen kühlen Kopf bewahrt und die Kameraden nicht im Stich lässt. Wer hatte trotz eigener Kopfverletzung das Schaf - selbst nahezu vollständig bewegungsunfähig nach übermäßigem Sauerampferverzehr - aus der Siedlung der Menschen zurück in den Wald geschleppt?

Ein bisschen verletzte es den Esel schon, dass man ihn bei der Auswahl für die Reise in die Menschenwelt übergangen hatte; ja, dass man offensichtlich nicht einen einzigen Gedanken daran verschwenden wollte, ihn überhaupt vorzuschlagen!
Traurig war er nach der Versammlung in seinen Stall zurückgekehrt und hatte sich sofort schlafen gelegt.
"Was hast du?", fragte Leni besorgt, der des Esels Verstimmung nicht entgangen war.
"Ach nichts", sagte Herr Esel. "Ich bin müde. Gute Nacht!"
Aber der Esel schlief nicht ein. Lange noch lag er wach und dachte nach.

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13

Bei Tagesanbruch schlich sich Herr Esel von Leni unbemerkt aus dem Stall. Er hatte die halbe Nacht über seinen Plan nachgedacht und sich dann entschieden: So eine Gelegenheit würde so schnell nicht wieder kommen; würde sich vielleicht nie wieder ergeben, also frisch auf und gewagt!

Die vielen Stunden, in denen er mit Schafi über jenes ominöse Portal gesprochen hatte, sollten sich nun auszahlen. Die ganze Sache interessierte ihn schon sehr und Schafi wurde nicht müde, bereitwillig und ausführlich alle Fragen des Esels zu beantworten. Schließlich hatte sich Herr Esel die Stelle, an der sich der Eingang zum Portal befinden sollte, von Schafi ganz genau erklären lassen. Und nun war der große Moment gekommen!

Er hatte sich also bei Tagesanbruch aus dem Stall geschlichen, schlug sich sofort ins Dickicht und begab sich auf direktem Weg zu der Stelle, an der vor zwei Jahren im Sommer ein Blitzeinschlag die einst mächtigste Eiche im Wald zum Umstürzen gebracht hatte.
"In der Tat, beeindruckend!", dachte der Esel, als er vor der Höhle stand, die das Wurzelwerk der quer über dem Weg liegenden Eiche freigab. "Sieht wie eine ganz normale Höhle aus", stimmte Herr Esel in Gedanken der Schilderung des Schafs zu.
Teil 1 seines Plans hatte also funktioniert. Er hatte die Höhle auf Anhieb gefunden und er war unentdeckt geblieben! Gut so! Nun musste sich der Esel ein Versteck suchen. Es durfte nicht zu weit vom Höhleneingang entfernt sein, denn in der entscheidende Sekunde musste es schnell gehen. Es durfte aber auch nicht zu nah sein, denn schließlich sollten ihn die anderen ja nicht entdecken.

Der Esel orientierte sich am Sonnenstand und wusste, dass er noch genügend Zeit hatte, bis die anderen am Portal eintreffen würden. Also frühstückte er zunächst einige Mohrrüben, die er sich mitgebracht hatte. Das ehemals saftigen Waldgras mochte er schon seit Tagen nicht mehr. Es schmeckte nach Sand und kam als Nahrungsmittel nicht mehr infrage.

Nach dem Frühstück begann der Esel, sich ein Versteck zu suchen. Er fand eine Mulde, in die er sich hocken konnte und wenn er den Kopf einzog und die Ohren anlegte, war er vom Waldweg aus nicht zu sehen.
Die Mulde war vielleicht zwei, drei kräftige Eselssprünge vom Eingang des Portals entfernt. Das müsste reichen, dachte Herr Esel zufrieden und legte sich in seiner Mulde auf die Lauer. Nun musste er nur noch warten, bis die anderen am vereinbarten Treffpunkt eintrafen.

Auf etwas zu warten ist übrigens so ziemlich die langweiligste Sache, die man sich vorstellen kann. Noch dazu, wenn man allein auf etwas wartet.
"Wie kommt es nur", dachte der Esel, "dass beim Warten die Zeit so unglaublich langsam vergeht, aber wenn man an etwas Spaß hat, vergeht die Zeit immer wie im Flug? Wenn doch wenigstens Schafi hier wäre!" Dann hätte der Esel jemandem zum erzählen. Oder Leni! Sie konnte mitunter sehr anstrengend sein, aber so sind Einhörner nun mal. Sie sind eben etwas ganz besonderes.

Oh, dachte das Eselchen, Leni wird dolle mit mir schimpfen, wenn mein Plan funktioniert. Und auch, wenn er schief geht! Hm, wenn er sich doch mit jemandem beraten könnte! Aber er war allein in seiner Mulde und die Sonne stieg nur langsam höher. Zur Langeweile gesellte sich nun die Müdigkeit. Das Eselchen hatte letzte Nacht nur wenige Stunden geschlafen und wurde nun von Minute zu Minute müder.
"Bloß nicht einschlafen!", ermahnte sich Herr Esel. Nachher verpasste er noch, wie die anderen durch das Portal reisten und alles wäre umsonst gewesen! Bloß nicht einschlafen!
Doch die Lider des Esels wurden schwerer und immer schwerer. Schließlich fielen ihm doch die Augen zu und Herr Esel schlief ein.

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14

Herr Esel fühlte sich großartig. Leni hatte ihm zu Ehren den Stall festlich geschmückt. überall hingen Girlanden, Kerzen erstrahlten und gerade überreichte sie ihm sein Lieblingsgebäck: Eine Karotten-Apfeltorte! Oh, wie sehr liebte der Esel diese Torte. Und je mehr er sich der Köstlichkeit näherte, um so größer wurde sie. Größer und größer... und schließlich so groß, dass er darin ein Bad nehmen könnte.
Erfreut nahm Herr Esel Anlauf, um mitten in die Torte springen, als er plötzlich Schafis Stimme vernahm. Hä, dachte der Esel. Schafi? Wo kam der denn her? Immer deutlicher wurde die Stimme des Schafes:
"Der Wächter des Portals ist hier, mit ihm sind es der Freunde vier, die heute auf die Reise gehen, um zu ergründen, zu verstehen, was jüngst mit uns'rer Luft geschehen."

Langsam kehrte der Esel aus seinem Traum zurück in die Realität. Nun war er also doch bei all der Warterei eingeschlafen! Er öffnete die Augen und sah vorsichtig über den Rand seiner Mulde.
Schafi stand still vor dem Portal und sprach seltsame Worte. Dann ging er einige Schritte und schob den Schlüssel in ein imaginäres Schloss.
"Da!", rief Kati überrascht und zeigte auf den Höhleneingang. Und nun sah es auch Herr Esel in seinem Versteck: Die Dunkelheit im Inneren der Höhle wich einem zarten Leuchten, das stetig kräftiger wurde und zu fluoreszieren begann. Genau so hatte Schafi es dem Esel in seinen Erzählungen geschildert. Herr Esel nickte zufrieden. Er war keine Sekunde zu spät aufgewacht.

"Wir können", sagte jetzt das Schaf zum Fuchs.
Die vier Freunde bildeten einen Kreis und umarmten sich noch einmal, dann fragte Fred die anderen der Reihe nach, ob sie bereit seien für die Reise. Gespannt schaute der Esel dem Treiben vor dem Portal zu. Er war so angespannt, so konzentriert, dass er beinahe Kopfweh bekam.
"Nur nicht den richtigen Moment verpassen!", ermahnte er sich. Er durfte sein Versteck nicht zu früh verlassen, aber er durfte auch nicht zu lange warten und die Gelegenheit verstreichen lassen. Alles eine Sache des Timings.

Nach dem die Freunde einer nach dem anderen der Reise zugestimmt hatten, verharrten sie noch einen Moment in einer Umarmung, dann lösten sie sich wortlos und gingen auf den Eingang des Portals zu. Der Esel spannte jeden Muskel seines Körpers an.
Nun fassten sich die Freunde bei den Pfötchen. Noch ein letzter gemeinsamer Schritt und sie befanden sich im Inneren des Portals. Das fluoreszierende Leuchten hatte an Intensität gewonnen. Herr Esel wusste, was das bedeutete. Schafi hatte ihm erzählt, dass die beginnende Transmission an der Veränderung des Lichts in der Höhle zu erkennen war. Aus dem gleichmäßigen, fast zarten Leuchten wurde ein grelles Strahlen. Der Mechanismus hatte sich in Gang gesetzt.

Jetzt! Mit einem gewaltigen Sprung verließ der Esel sein Versteck und erreichte mit dem zweiten, nicht minder rekordverdächtigen Satz den Eingang des Portals. Er verlor das Gleichgewicht und taumelte in das gleißende Licht, das so hell war, dass er geblendet die Augen schloss. Instinktiv suchte Herr Esel Halt. Er spürte etwas Kräftiges, das behaart - ja, mehr noch zottelig - war und umklammerte dieses Etwas so fest er nur konnte.

Und schon befand sich der Esel in der Mitte von einem strahlenden Etwas; undefinierbar, aber so intensiv, so gleißend, dass er die Augen nicht zu öffnen wagte. Ihm war, als würde sein Fell vibrieren. Auch das hatte das Schaf so beschrieben. Herr Esel zwang sich, ruhig zu atmen. Dann wurde er von einer sanften Kraft unwiderstehlich in eine undefinierbare Richtung gezogen.
Schließlich verschmolz Herr Esel mit dem Licht.

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15

Der übergang in die Menschenwelt war diesmal viel schlimmer, als ihn Kati aus ihren vorherigen Reisen in Erinnerung hatte. Irgend etwas war anders. Bereits während der Transmission hatte sich grollender Donner in das gleißende Licht gemischt, das Kati vor Schreck das Herz stehen bleiben wollte. Schutz suchend vergrub sie sich in Brumms Fell, aber die mit dem Donner einhergehenden, heftigen Erschütterungen waren auch im Pelz des Bären noch zu spüren.

"Was das wohl zu bedeuten hat?", fragte sie sich klopfenden Herzens und sorgte sich sehr um ihren Brumm, dem die Veränderung während der Transmission wohl ebenfalls große Angst einflößte. Sie wollte nach ihm sehen, aber sie konnte die Augen nicht öffnen - überall war Licht und Kati war selbst Bestandteil dieses Lichts.

Schließlich verstummte das Grollen und das kleine Eichhörnchen wollte gerade aufatmen, als sie ein gewaltiger Donnerschlag aus dem Licht heraus katapultierte. Der Fuchs beschrieb es später so, als sei der Allmächtige persönlich erschienen und hätte ihnen den Tritt ihres Lebens verpasst.
Sie purzelten wild durcheinander, schlugen sich die Köpfe, jammerten, stöhnten - und fanden sich endlich in Katis Kobel in der Menschenwelt wieder.

"Was für ein Höllenritt!", stöhnte der Fuchs, der sich als erster berappelte.
"Stimmt", sagte das Eichhörnchen und sah besorgt nach Brumm. "Geht es dir gut?"
Der Bär öffnete die Augen, nickte und sagte unter Schmerzen: "Ich weiß, was passiert ist."
Und nun sahen es die anderen auch: Ein junger Mann, mittelgroß, mit bereits ergrautem, welligem Haar, einer Mähne gleich, blinzelte sie freundlich an.
"Du siehst aus wie Rudi Völler!", sagte der Bär und musste nun doch lachen.
Verständnislos sah Kati den Bären an. "Wer ist das?"

"Würdest du öfter mir mir Fußball gucken, wüsstest du, wer Rudi Völler ist!", antwortete Brumm mit einem Hauch von Vorwurf in der Stimme.
"Also mein lieber Brumm, das ist ja wohl kaum der passende Moment, um über unsere Fernsehgewohnheiten zu streiten!", erwiderte Kati sehr energisch. "Also: Wer ist das?", wiederholte sie ihre Frage.
"Ein ehemaliger Fußballspieler und Trainer!", antwortete nun der Fuchs, weil er, schlau wie er war, nun mal auf fast jede Frage eine Antwort wusste. "Es gibt nur ein' Rudi Völler", stimmte er an, doch Brumm fiel ihm ins Wort.
"Quatsch, Rudi Völler! Das ist unser Eselchen, er muss uns zum Portal gefolgt sein und ist im letzten Moment aufgesprungen, als die Transmission begann", erklärte Brumm und deutete auf seine rechte Wade. "Hier! Sieh mal,wie fest er sich an mein Bein geklammert hat!" Deutlich konnte man den blauen Fleck an Brumms Unterschenkel erkennen. Kati pustete fürsorglich, um den Schmerz zu lindern.

"Tut mir wirklich sehr leid", murmelte der Esel und sah betreten zu Boden. "Ich wusste nicht, dass es so gefährlich sein könnte. Aber ich wollte doch so gerne mit auf die Reise gehen und bestimmt kann ich mich wieder nützlich machen so wie auf unserer letzten Mission, als ich das Schaf sicher zurück in den Wald brachte, obwohl ich selbst verletzt war."

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16

Aber Fred wollte sich partout nicht beruhigen.
"Was für eine Undiszipliniertheit!", schimpfte er mit dem Esel. "Ist dir eigentlich klar, in welche Gefahr du uns gebracht hast? Wir hätten alle drauf gehen können!", schrie er das Eselchen an und seine Gesichtsfarbe ähnelte mehr und mehr seinem roten Haarschopf.
"Sieht aus wie ein Eisenbahnsignal", dachte das Schaf und kämpfte sehr dagegen an, nicht lauthals loszulachen. Was aber vermutlich gar nicht hätte passieren können angesichts der Tatsache, dass er nun die Gestalt eines Plüschtiers angenommen hatte und einem Kuschelkissen gleich neben seiner Luise auf der Couch lag.

"Lass gut sein, Fred", besänftigte Kati, die Verständnis für des Esels Abenteuerlust hatte und der der Esel leid tat. "Er hat uns nicht absichtlich in Gefahr gebracht. Stimmt's, Herr Esel?"
Eifrig nickte das Eselchen. "Ich wollte doch nur mit euch kommen und helfen", sagte er kleinlaut zu seiner Verteidigung.

Den Rest des Tages verbrachten sie in Katis Kobel in der Menschenwelt und "akklimatisierten" sich, wie es der Fuchs nannte. Brumm hatte ein solches Wort noch nie gehört und überlegte, was es bedeuten konnte. Mit Essen hatte es jedenfalls nichts zu tun, denn es dauerte noch ewig, bis er endlich von seinem kleinen Eichhörnchen zum Abendessen gebeten wurde. Anschließend schaltete Kati das Fernsehgerät ein. "Nur so zur Unterhaltung", sagte sie und machte es sich in ihrem Schaukelstuhl bequem. Nach so einem anstrengenden Tag stand ihr der Sinn nur noch nach einer ihrer Lieblingsserien. Doch wie groß war Katis Enttäuschung, als das Programm plötzlich für eine Sondersendung unterbrochen wurde! Brennpunkt: "Saharastaub über Deutschland."

Verärgert wollte Kati das Gerät ausschalten, als der Fuchs energisch "Halt! Warte!" rief. Erschrocken ließ Kati die Fernbedienung fallen. Innerhalb einer Sekunde hockte Fred nur knapp einem Meter vor dem Fernseher auf dem Teppich. Es schien, als wolle er in das Fernsehgerät hineinkriechen, so aufmerksam verfolgte er die Bilder. Menschen hasteten mit Tüchern vor Mund und Nase durch die Straßen. Feiner, rötlicher Staub auf den am Fahrbahnrand geparkten Autos.

Ein Reporter erklärte den Zuschauern, dabei direkt in die Kamera blickend: "Im Schnitt zieht Saharastaub fünf bis 15 mal pro Jahr über Marokko und Frankreich nach Deutschland - vor allem im Frühjahr und im Sommer. Dabei gelangen viele Hundert Tonnen des rötlichen Staubes zu uns. Normalerweise wäscht der Regen den Staub aus der Luft, aber bei ausbleibenden Niederschlägen verursacht der feine Staub bei manchen Menschen Reizhusten und Atembeschwerden. Experten sind sich einig: So schlimm wie in diesem Jahr war es noch nie. Ursache ist der ausbleibende Regen."

"So schlimm war es noch nie!", schimpfte ein Mann im Vorbeigehen in das Mikrofon des Reporters und forderte die Regierung endlich zum Handeln auf. Es folgte ein Bericht aus dem Regierungsviertel. "...werden wir klug und umsichtig auf die jüngsten Ereignisse reagieren und im Sinne der Bürger eine Staubsteuer einführen", erklärte ein Minister.

Verständnislos sahen sich die Freunde an. "Wer ist diese Sahra Staub?", fragte das Eichhörnchen flüsternd.
"Bestimmt eine böse Zauberin!", mutmaßte Brumm, der Märchen über alles liebte.
"Sa-ha-ra-staub", korrigierte der Fuchs nachdenklich, aber sein Wissen auf diesem Gebiet war sehr begrenzt. An Kati gewandt, fuhr er fort: "Ich weiß nur, dass es sich um eine große Wüste handelt." Verständnislos sah ihn das Eichhörnchen an.
"Eine Wüste ist eine meist große, nahezu vollständig von Sand bedeckte Fläche. Lass uns morgen in deine Bibliothek gehen. Ich muss recherchieren."

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17

Gleich am nächsten Morgen, direkt nach einem ausgiebigen Frühstück - darauf hatte Brumm bestanden, denn Lesen mache hungrig - begaben sich die Freunde zur Recherche in Katis Bibliothek.
Während Fred sich ohne Umschweife in einen Stapel Bücher vertiefte, in denen er die Antworten auf ihre Fragen vermutete, wurde das Eselchen immer unruhiger. Suchend lief es die engen Regalreihen voller Bücher auf und ab, aber offensichtlich fand es nicht das Gewünschte.

"Kati?", wandte er sich schließlich an das kleine Eichhörnchen und druckste ein wenig herum.
"Ja, Herr Esel?"
"Kannst du mir bitte auf einer Landkarte zeigen, wo wir uns befinden?"
"Gern", sagte Kati lächelnd. Sie ging zu einer Schublade neben einem der hohen Bücherregale, kramte ein wenig darin herum und kehrte schließlich mit der gewünschten Karte zurück. Sie entfaltete sie und breitete sie auf dem Tisch vor ihnen aus.
Kati benötigte einen Moment, sich zu orientieren, dann zeigte sie mit dem Finger auf einen Bereich der Karte und sagte: "Hier. Wir sind hier. Da ist die Bibliothek."
Herr Esel nickte und sah wie gebannt auf die Stelle, auf der Katis Zeigefinger ruhte.
"Und wo ist die Siedlung?", fragte der Esel.
"Welche Siedlung?"
"Na, wo der dicke Mann wohnt."
Irritiert sah Kati auf. "Wer?"
"Der Mann, dessen Frack wir für Brumm als Hochzeitsgeschenk besorgt hatten", antworte Fred beiläufig, dabei nicht von seinem Buch aufsehend.

"Ach so, die Siedlung." Suchend fuhr Kati mit dem Zeigefinger über die Karte. "Ähm... da!" Und schließlich zeigte sie auf einen Bereich ein wenig außerhalb der Stadt, der direkt an einen großen Wald angrenzte."Siedlung Bärenlohe", las Kati.
Regungslos starrte das Eselchen auf die Karte. Die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, formten seine Lippen tonlos Worte. Es sah aus, als zöge er auf der Landkarte eine imaginäre Linie, die von der Bibliothek in die Siedlung führte. Dann nickte er.

"Danke", sagte er schließlich und schien seltsam abwesend. "Jetzt muss ich aber mal ganz dringend zur Toilette", sagte Herr Esel und entfernte sich Richtung Ausgang. Als er die große Glastür passiert hatte, drehte er sich zur Sicherheit noch einmal um. Kati war in Begriff, die inzwischen wieder gefaltete Karte in den Schub zu räumen, während Fred noch immer angestrengt in einem Buch las und sich dabei auf einem Zettel Notizen machte.

Und Brumm? Der malte mit den Utensilien, die ihm Kati aus ihrem Schreibtisch gegeben hatte, auf einem Blatt Papier einen Bienenschwarm, der einen riesengroßen Honigklumpen zu einer Bärenhöhle flog.
Beruhigt lächelte Herr Esel. Dann machte er sich auf den Weg.

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18

Mit einer ganz eigenen Art von Vorfreude hatte sich Herr Esel auf den Weg gemacht. Die Route hatte er sich sorgfältig eingeprägt. Jetzt war er doch ein bisschen stolz auf sein fotografisches Gedächtnis. Er lief, Straße um Straße passierend und dabei einem inneren Kompass folgend, bis er die Stadt hinter sich gelassen hatte und schließlich in der Siedlung am Waldrand angelangt war.
"Sieht als Mensch auch nicht anders aus als als Esel", dachte er verwundert, als er das Haus des dicken Mannes erreicht hatte.

Jetzt war er seinem Ziel ganz nahe. Es gab da etwas in der Menschenwelt, das der Esel unbedingt erledigen wollte. Das Vorhaben hatte mit einer sehr schmerzhaften Erinnerung und zwei Paketfahrern zu tun. Doch nun, in Menschengestalt, war er ihnen ebenbürtig.
Grimmig lächelnd suchte der Esel zwei kleine Steine, verwahrte sie in seiner Jackentasche, dann versteckte sich Herr Esel im Straßengraben gegenüber des Hauses des dicken Mannes und wartete.

Seine Geduld wurde nicht lange auf die Probe gestellt. Kurze Zeit später näherte sich dem Haus das dem Esel bekannte tiefe Brummen eines Autos. Vorsichtig blickte er über den Rand des Grabens. Prima! Direkt vor dem Haus hielt ein Lieferfahrzeug mit der Aufschrift "Amazon". Der Fahrer ließ den Motor laufen, sprang aus dem Auto und ließ die Fahrertür offen. Während der Paketzusteller an der Haustür des dicken Mannes klingelte, schlich sich Herr Esel aus seiner Deckung an das Fahrzeug heran, griff durch die geöffnete Fahrertür zum Armaturenbrett und zog den Zündschlüssel aus dem Schloss. Das Motorengeräusch verstummte augenblicklich. Irritiert drehte sich der Fahrer zu seinem Auto um und erstarrte. Da stand ein Typ, der Rudi Völler aufs Haar glich und ihn herausfordernd ansah. Was zum Teufel...

"Willst du deinen Autoschlüssel wieder haben? Ja? Dann hol ihn dir!", rief der Esel und warf mit einer weit ausholenden Geste den Schlüssel über die Hecke in den Garten des Anwesens.
Der Paketfahrer folgte der Flugbahn des Schlüssels mit den Augen und wollte dann mit geballten Fäusten auf den seltsamen Kerl losstürmen. "Sag mal, dir hammse doch wohl...", empörte er sich, doch - was war das? Der Typ war verschwunden! Was ist denn hier los?! Der Typ war weg! Wirklich weg! Wie vom Erdboden verschluckt! Weg!

Was der Paketfahrer nicht bemerkt hatte, war, dass Herr Esel statt des Schlüssels einen der beiden Steine über die Hecke in den Garten geworfen hatte. Und während der Fahrer für einen Moment abgelenkt war, hatte sich der Esel wieder im Straßengraben gegenüber des Hauses versteckt. Dort lag er nun mit pochendem Herzen und hörte, wie der Fahrer über das Gartentor kletterte und im Gras seinen Zündschlüssel zu suchen begann. Immer wieder hörte ihn Herr Esel dabei fluchen.

Dicht an den Boden gepresst lauschte der Esel in die Geräusche der Siedlung. Jetzt war alles eine Frage des Timings. Sollte sich der zweite Fahrer verspäten, wäre des Esels schöner Plan zum Scheitern verurteilt.
Doch das Schicksal meinte es gut. Schon näherte sich ein weiteres Auto dem Haus des dicken Mannes und hielt direkt hinter dem Amazon-Fahrzeug. Vorsichtig schaute Herr Esel über den Rand des Grabens und beobachtete den Fahrer, der den Motor abstellte und dann - ein kleines Päckchen mit der Aufschrift "DHL" in der Hand - das Auto verließ und zur Haustür ging.einer sehr schmerzhaften Erinnerung Schon hechtete der Esel aus seinem Versteck, entfernte den Autoschlüssel aus dem Zündschloss und wartete, die Arme vor der Brust verschränkt und mitten auf der Straße stehend, auf die Rückkehr des Fahrers.

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19

Als sich nach dem ersten Klingeln die Tür des Hauses noch immer nicht geöffnet hatte, warf der Fahrer sein Päckchen wie immer in solchen Fällen über die Hecke in den Garten. Beantwortet wurde der Wurf von jenseits der Hecke mit einem überraschten und ehrlich gemeintem "Au!".
Das aber kümmerte den DHL-Fahrer nicht weiter, denn er ärgerte sich mal wieder über die Leute. "Verflixt und zugenäht aber auch!", fluchte er. "Verstehe einer die Leute! Bestellen sonst 'was und sind dann tagsüber nicht zu Hause!" Kopfschüttelnd kehrte er zu seinem Fahrzeug zurück und - stutzte: Da stand mitten auf der Straße ein Typ, der der Zwillingsbruder von Rudi Völler sein könnte - ach was! Der gut gern Rudi Völler sein könnte! Stand da mitten auf der Straße, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und grinste ihn seltsam an.
Was sollte das denn werden, dachte der Fahrer. Versteckte Kamera?

Aber irgend etwas schien mit diesem Typen nicht zu stimmen. Eine innere Stimme warnte den DHL-Fahrer, dass dies wohl doch kein Spaß sein würde. Versteckte Kamera schied aus.
Der Fahrer beschloss, den Fremden nicht weiter zu beachten, sondern ins Auto zu steigen und wegzufahren. Zögernd lief er in Richtung Fahrzeug, als der Typ ihn ansprach:
"Wo ist der Autoschlüssel? Na wo isser denn? Such..." und holte mit dem rechten Arm weit aus und warf etwas über die Hecke. Wie angewurzelt blieb der Paketfahrer stehen und sah fassungslos erst zu Rudi Völler, dann folgte er mit den Augen der Flugbahn des Autoschlüssels. Und während der Fahrer abgelenkt war, verschwand der Esel behende wieder in seinem Versteck im Straßengraben.

Will der mich verarschen, dachte der Fahrer und wandte seinen Blick vom Garten zurück zu dem Typen, doch der war wie vom Erdboden verschluckt! Nur noch Bekloppte unterwegs, murmelte der DHL-Mann und stieg in sein Auto. Jetzt schnell den Motor starten und nichts wie weg hier! Aber... die Hand griff ins Leere, der Schlüssel steckte nicht mehr im Zündschloss. Das darf doch nicht wahr sein! Ratlos stieg der Fahrer wieder aus dem Auto und trat unschlüssig zur Hecke. Mit den Händen schob er die Zweige auseinander und sah im Garten eine gebückte Gestalt.

"Entschuldigung! Was machen Sie da?", fragte er durch die Hecke.
"Ich suche hier nach Erdöl oder wonach sieht es für dich aus?!", tönte es unwirsch aus dem Garten zurück.
"Sie haben da nicht zufällig gerade einen Autoschlüssel vorbeifliegen sehen oder ihn eventuell sogar schon gefunden?"
Stille. Selbst die Vögel schwiegen für einen Moment und auch der Wind hielt den Atem an.
Dann ertönte von jenseits der Hecke ein wütender Wortschwall, halb gegrunzt, halb gekräht. Erschrocken wich der DHL-Mann zurück. Dann stand er unschlüssig vor seinem Auto. Was nun? Zögernd schlich er sich zur Gartentür und kletterte vorsichtig darüber.

Jetzt war der richtige Moment gekommen! Schnell verließ der Esel sein Versteck im Straßengraben, lief geduckt zur Haustür und warf die Zündschlüssel der Paketfahrer in den Briefkasten des dicken Mannes. Zufrieden lächelnd machte er sich auf den Weg zurück zur Bibliothek.

Als der dicke Mann von der Arbeit nach Hause kam, fand er zu seiner überraschung zwei Fremde in seinem Garten, die vorgaben, Paketfahrer zu sein und im kurzgeschorenen Rasen nach ihren Autoschlüsseln zu suchen. Gebückt tasteten sie Meter um Meter ab. Jetzt stießen sie auch noch mit den Köpfen zusammen. Sie setzten sich ins Gras und sahen sich bedrückt an. Was nun? Ohne Schlüssel kämen sie hier nicht weg und wie um alles in der Welt sollten sie ihrer Zentrale erklären, dass ihnen während der Zustellung ihre Autoschlüssel von Rudi Völler gestohlen worden waren?

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20

Gerade noch rechtzeitig, bevor die Bibliothek schloss, kehrte der Esel zurück. Er war noch ein wenig außer Atem, als er die große Glastür passierte. Er atmete zweimal tief ein und wieder aus und versuchte sich zu beruhigen. Welch spannender Tag lag doch hinter ihm und so gern würde er den anderen davon erzählen, aber würden sie es verstehen?

Kati und Fred diskutierten flüsternd die Ergebnisse ihrer Recherche, um die anderen Besucher nicht zu stören. Auf Zehenspitzen näherte sich der Esel und setzte sich leise dazu. Brumm hob kurz den Kopf, dann widmete er sich wieder ganz seinem Gemälde.
"Wir wissen, dass es sich um Staub aus einer Wüste namens Sahara handelt", sprach Fred, ohne vom Esel Notiz zu nehmen, weiter. Offensichtlich waren der Fuchs und das Eichhörnchen so in ihre Nachforschungen vertieft gewesen, dass sie des Esels Abwesenheit gar nicht bemerkt hatten.

"Der Wind trägt den Staub viele tausend Kilometer weit und verteilt ihn auf der Erde. Normalerweise wird der Staub auf natürlichem Weg durch den Regen aus der Luft gewaschen. Da der Sommer auf der Nordhalbkugel - hier befinden wir uns - aber in diesem Jahr ungewöhnlich niederschlagsarm war, konnte er sich sehr lange in der Luft halten und verursacht durch seine hohe Konzentration schließlich jene Atembeschwerden, unter denen die Menschen ebenso leiden wie wir und unsere Freunde im Wald."

"Was können wir tun?", fragte das Eichhörnchen und hob den Blick.
Fred zuckte mit den Schultern. "Vielleicht ein Regentanz? Nein, im Ernst, ich weiß es nicht." Traurig sah er Kati an, dann fiel sein Blick auf das still lächelnde Eselchen, das seltsam unbeteiligt und mit den Gedanken ganz woanders schien.
"Herr Esel, du könntest auch mal einen Beitrag leisten!", sagte er vorwurfsvoll, worauf hin der Esel wie im Reflex die Backen aufblies, um den Eindruck zu erwecken, er würde intensiv über eine Lösung des Problems nachdenken. Hatte er sich mal vom Hasen abgeguckt.
Aber darauf fiel der Fuchs nicht noch einmal herein. Diese Nummer kannte er noch vom letzten Jahr, als Hansi beinahe geplatzt wäre vor angestrengtem Überlegen.

"Ich weiß, dass du nicht nachdenkst!", tadelte Fred den Esel.
"Ach, ich soll sofort die Lösung wissen, ja?", begehrte das Eselchen auf. "Und was ist mit Brumm? Der sitzt den ganzen Tag nur hier 'rum und malt bunte Bilder!"
"Und du warst den ganzen Tag kacken!", parierte der Bär, ohne von seinem Bild aufzusehen.
"Aber Brumm!", fuhr Kati dazwischen.
"Lasst uns Schafi holen und dann die Rückreise in den Wald antreten. Wir müssen uns mit den anderen beraten", schlug der Fuchs schließlich vor. Seine Stimme klang müde.

Das Eichhörnchen nickte, stellte die benutzten Bücher in die Regale zurück, denn Ordnung muss sein, dann kehrten die Freunde mit viel Wissen über die Ursache der kratzigen Luft, aber leider ohne eine Lösung des Problems, in Katis Kobel in der Menschenwelt zurück.
Sie ruhten sich noch einen Moment aus, dann machten sie sich gemeinsam mit dem Schaf auf die Heimreise.

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21

Zurück im Wald, beriefen die Freunde sofort eine weitere Beratung mit allen Tieren des Waldes auf der großen Wiese ein. Der Fuchs erklärte mit wenigen Worten, was sie während ihres Aufenthaltes in der Menschenwelt herausgefunden hatten und schilderte die Ursache des Problems.
"Was wir aber leider nicht herausgefunden haben, ist, wie der Saharastaub aus der Luft gewaschen werden kann, wenn es einfach nicht regnen will." Ratsuchend blickte er in die Runde.

Eine tiefe Stille breitete sich über dem Versammlungsort aus. Ja, was kann man da machen, dachte Hansi Hase und blies vor lauter anstrengendem Nachdenken die Backen auf. Was könnte die Lösung sein, überlegte Opa Hirsch, doch so sehr er auch über Freds Worte nachdachte, ihm fiel nichts ein. Es muss doch eine ganz einfache Lösung geben, dachte Kati, der dieser Gedanke schon in der vergangenen Nacht den Schlaf geraubt hatte.
Und auch Brumm grübelte und grübelte, es müssten doch noch irgendwo Katis leckere Haselnussplätzchen zu finden sein, die nicht nach Sand schmeckten.

Plötzlich steckten das Schaf und der Esel die Köpfe zusammen und begannen aufgeregt miteinander zu tuscheln. Leni, das Einhorn, spitzte die Ohren und hörte aufmerksam zu. Dann nickte sie mehrfach begeistert und rief: "Hört mal alle her! Schafi und mein lieber Herr Esel haben eine Idee. Wenn es partout nicht regnen will, muss eben ein großer Sturm her, der den Sand weg pustet!"

"Wie soll das denn gehen?", fragte Opa Hirsch mit seiner tiefen Stimme.
"Ja, wie soll das denn gehen?", wiederholte der Hase.
"Ein Sturm, mitten im Sommer?", fragte der Fuchs zweifelnd.
"Na ja, kein richtiger Sturm", erklärte das Schaf und wackelte vor Aufregung mit seinen Ohren. "Mehr so ein ganz doller Wind, den wir selbst entfachen! Wir pusten alle auf Kommando und dann wehen wir den kratzigen Staub ganz weit fort!"

"Wir pupsen alle auf Kommando?!", fragte der schwerhörige Opa Hirsch erstaunt.
Minutenlanges Gelächter auf der großen Wiese. Dann erklärte Schafi das Vorhaben noch einmal ganz laut, damit auch der alte Hirsch jedes Wort verstehen konnte.
"Das ist ein guter Plan!", rief der Hase begeistert und begann sogleich nach Leibeskräften wild zu pusten. Die meisten der anderen Tiere taten es ihm gleich.

"Los, helft mal alle mit!", forderte der Esel die Tiere auf, die noch nicht so recht von der Idee überzeugt waren. Da setzte beim Hasen aber schon der recht unangenehme Nebeneffekt des Hyperventilierens ein und das Schaf verlor sogar das Bewusstsein. Selbst dem Esel war schon seltsam bunt zu Mute. Er konnte sich nicht mehr auf seinen Beinen halten, so schwindelig war ihm schon. Schließlich plumpste er ins Gras und ließ die Zunge aus dem Maul hängen.

"Nein, das ist kein guter Plan", korrigierte der Fuchs. "Hört auf mit der Pusterei, das führt zu nichts!" - "Und wenn wir riesige Fächer bauen und damit wedeln?", schlug Brumm vor. Er habe so etwas neulich erst im Bildungsfernsehen gesehen. "Ich erinnere mich genau. Die Leute nahmen Palmenblätter...", doch der Fuchs fiel ihm prompt ins Wort: "Palmenblätter? Und wo willst du die hernehmen?" Ratlos sah ihn der Bär an.
"Wachsen hier vielleicht Palmen?", fragte Fred weiter. Brumm schüttelte den Kopf und versuchte sich ganz klein zu machen. "Ich dachte ja nur..." murmelte er noch.

Aber da meldete sich das kleine Eichhörnchen zu Wort: "Hört mir mal zu! Ich glaube, ich weiß, wie wir Regen machen können!" Und in die einsetzende Stille erklärte Kati den Waldbewohnern ihre Idee. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus und als sie fertig war, sah der Fuchs sie begeistert an. "Das ist eine gute Idee!"
"Das ist meine Kati!", sagte Brumm voller Stolz und küsste das Eichhörnchen zärtlich auf die Stirn.

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22

Noch bis tief in die Nacht hatten die Bewohner des Waldes auf der großen Wiese im warmen Licht der Glühwürmchen die Umsetzung von Katis Plan besprochen. Als sie schließlich nach Hause gingen, wusste jeder, was zu tun war.

Von Fred angeführt, schlichen sich die Tiere am darauf folgenden Tag bei Einbruch der Dunkelheit in die Siedlung. Sie wussten, dass die Menschen nachts schliefen und das dann keine Gefahr von ihnen ausging. Dennoch ermahnte der Fuchs alle an der Aktion beteiligten, vorsichtig zu sein und jeglichen Lärm zu vermeiden. Zwar hatten sie alle Details, soweit möglich, besprochen. Aber es gab noch viele Unwägbarkeiten bei der Durchführung von Katis Plan, dass dem Fuchs doch ein wenig mulmig war. Wenn man bedenkt, was alles schief gehen könnte...

"Sag mal, Kati", flüsterte er, neben dem Eichhörnchen herlaufend, "wie bist du eigentlich auf diese Idee gekommen?"
Bereitwillig gab das kleine Eichhörnchen Auskunft: "Brumm hatte mir mal erzählt, dass er, als er zur Beschaffung des Fernsehgerätes für mich in der Siedlung war, beobachtet hatte, dass die Menschen ihre Gärten künstlich beregneten. Sie haben an den Außenseiten ihrer Häuser Anschlüsse, aus denen Wasser fließt. Daran befestigen sie Schläuche und wässern damit ihre Blumen, Sträucher und Beete. Ganz schön klug, was?"

Ja, ganz schön klug, bestätigte der Fuchs in Gedanken. Auch ihm war aufgefallen, dass die Gärten der Menschen selbst bei größter Trockenheit noch blühten und grünten. Über das Wie hatte er sich bislang noch keine Gedanken gemacht.
"Und ich dachte, dass wir uns diesen künstlichen Regen mal ausborgen sollten und versuchen, damit den Wüstenstaub aus unserer Waldluft zu waschen", plapperte das kleine Eichhörnchen fröhlich in die Nacht.

Inzwischen hatte der Tross das dem Waldrand am nächsten gelegene Haus erreicht. Die Tiere legten sich auf die Lauer und warteten, bis schließlich nach und nach alle Lichter in der Siedlung erloschen waren. Dann gab der Fuchs das vereinbarte Zeichen. "Jetzt alle auf ihre Posten! Und seid vorsichtig!"

Im Grunde verlief die Operation wie geplant. Da jeder wusste, was er zu tun hatte, dauerte es nicht lange, und um den Fuchs herum stapelten sich die Gartenschläuche, die sich die Tiere aus den Gärten der Menschen ausgeborgt hatten. Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks stürmte zuerst Brumm in die Gärten und prüfte, ob das Wasser abgestellt war. Dann entfernte er den Schlauch vom Anschluss und jagte zum nächsten Grundstück. Inzwischen rollten das Schaf, das Einhorn und Herr Esel die Schläuche auf, gesichert vom Eichhörnchen und dem Hasen, die die Umgebung im Auge behielten. Zu guter Letzt erschien Opa Hirsch und hievte Schlauchrolle um Schlauchrolle zu Fred, der am Waldrand wartete und von dort die Operation leitete.

Ausgezeichnet, dachte Fred und schaute zufrieden auf den Berg von Schlauchrollen, der sich vor ihm auftürmte und nahezu im Minutentakt anwuchs.
"Alles läuft nach Plan", flüsterte Fred, als Opa Hirsch den nächsten aufgerollten Schlauch vor ihm ablud. "Vielleicht noch eine Stunde, dann haben wir alles, was wir brauchen und sind wieder verschwunden."
Was der schlaue Fuchs jedoch nicht wissen konnte, war, dass das seltsame Treiben der Waldbewohner beobachtet wurde. Es stimmte zwar, dass die Menschen nachts schliefen, aber eben nicht alle. Und meistens waren es alte Menschen, die mitten in der Nacht aufwachten und nicht wieder einschlafen konnten.

So erging es in dieser Nacht einer rüstigen Dame namens Erna B., die seit Minuten starr hinter der Gardine ihres Schlafzimmerfensters stand und einen Bären beobachtete, der die Ringstraße entlang lief, und auf dessen Rücken rittlings ein Eichhörnchen saß. Dahinter trottete ein Hirsch, der mit seinem Geweih einen aufgerollten Gartenschlauch transportierte.

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Seit ungefähr einem Jahr häuften sich in der Siedlung die Diebstähle. Mal verschwand ein Fernsehgerät, mal ein Kupferdraht, dann sogar der Frack des dicken Herrn Schabulski. Und jetzt ergab alles einen Sinn! Erna B. konnte es mit eigenen Augen sehen, vorausgesetzt, sie träumte nicht, sondern stand tatsächlich am Fenster ihres Schlafzimmers und beobachtete das seltsame Treiben der Waldbewohner.

Nach dem Frack-Diebstahl hatte Herr Schabulski zu einer Einwohnerversammlung in seinen Garten eingeladen. Gemeinsam wollten die Bewohner der Siedlung das Vorgehen zur Verhinderung weiterer Diebstähle besprechen. Es gab leckere Würste vom Grill und auch so manchen wohltuenden Kräuterlikör. Die Stimmung wurde von Stunde zu Stunde ausgelassener und ermutigt vom Alkohol, gab Erna B. schließlich ihre Beobachtung preis: "Stellen Sie sich vor, mir hat ein Fuchs meine Scheibengardine gestohlen! Ich wette, der hat auch Ihren Frack mitgehen lassen. Da war auch noch ein Hase dabei! Und ein Schaf, das von einem Esel getragen wurde. Stellen Sie sich vor, das Schaf hatte sogar gewunken!"
Schallendes Gelächter!

"Sie irren, liebe Frau Nachbarin", entgegnete der dicke Herr Schabulski und lachte dröhnend in den Sommerabend. "Es waren ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn! Auch bekannt als die Bremer Stadtmusikanten."
Erneut donnerndes Gelächter. Irritiert sah Erna B. ihren Gastgeber an. "Nein, nein, ich hab's genau gesehen!"
Aber all ihre Beteuerungen halfen nichts. Die anderen wollten sie einfach nicht ernst nehmen. Schließlich bot ihr Herr Schabulski an, sie nach Hause zu begleiten, damit sie nach dem reichlichen Genuss des Kräuterlikörs auf dem Heimweg nicht stürze.

So eine Schmach aber auch! Noch lange danach bekam sie das Lachen und den Spott der anderen nicht aus dem Ohr.
Ich habe gesehen, was ich gesehen habe, dachte Erna B. und kehrte aus ihren Erinnerungen an jenen für sie so unangenehmen Abend zurück. Es gab nur eine Möglichkeit, sich zu rehabilitieren, dachte sie, und beschloss, diesen seltsamen Vorgängen da vor ihrem Fenster auf den Grund zu gehen. Zuvor aber lief sie, so schnell sie noch konnte, hinunter in ihr Badezimmer, um ihre neue Scheibengardine zu sichern.

Derweil begann unter Freds Anleitung der Abtransport der Schlauchrollen, den Opa Hirsch, Schafi, Herr Esel, Leni und natürlich Brumm, der immer gleich drei Schlauchrollen auf einmal tragen konnte, übernahmen.
Die Aktion an sich konnte bis hier hin als voller Erfolg bezeichnet werden, wenn man davon absehen mochte, dass Hansi Hase in der Siedlung in Ausübung seines Beobachterpostens von einem Dackel heimtückisch von hinten angegriffen und um ein Haar gebissen worden wäre. Glücklicherweise konnte sich Hansi Dank seiner Schnelligkeit in Sicherheit bringen. Danach war der Dackel eine Weile mit Eigensicherung beschäftigt. Die zwei Katzen des Nachbarn waren auf den Hund aufmerksam geworden und begannen eine Rauferei mit ihm. Der Hase vermochte im Nachhinein nicht zusagen, ob die Katzen oder der Hund als Sieger aus diesem nächtlichen Duell hervorgegangen waren.

Noch vor dem Einsetzen der Morgendämmerung lagen unzählige Meter Schlauch säuberlich aufgerollt am Flussufer. "Das habt ihr toll gemacht!", lobte der Fuchs seine Freunde, die erschöpft nach Atem rangen.
"Nach dieser anstrengenden Nachtschicht haben wir alle ein paar Stunden Schlaf verdient. Wir treffen uns nach dem Mittagessen wieder hier und bringen die Operation zu Ende."

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Als die Sonne ihren höchsten Punkt am Himmel erreicht hatte, fanden sich die Freunde wieder wie vereinbart am Flussufer ein. Der Bär wirkte noch ein wenig unausgeschlafen und brummelte missmutig, wenn er nicht täglich seine 20 Stunden Schlaf hätte, sei er einfach kein Mensch.

Nun aber standen die Tiere vor der wohl schwierigsten Aufgabe: "Wie bekommen wir das Wasser aus dem Fluss durch die Schläuche in den Wald und erzeugen künstlichen Regen?", fragte der Fuchs und es schien, als sprach er zu sich selbst.
Schafi hatte sofort eine Idee: "Wir legen einen Schlauch in den Fluss, und sobald er mit Wasser vollgelaufen ist, halten wir ein Ende zu und Brumm muss mit aller Kraft in das andere Ende hinein pusten. Das wird eine schöne Fontäne geben!"

Zweifelnd blickte Fred erst zu einem der vielen am Ufer liegenden Schläuche, dann sah er abwechselnd zu Schafi und Brumm. "Ob das funktioniert", fragte er schließlich. "Dafür hätten wir nur einen Schlauch aus der Siedlung holen müssen."
"Kommt, wir probieren es einfach aus!", schlug Herr Esel vor. Gesagt, getan.
Mit viel Mühe warfen die Freunde einen Schlauch in den Fluss, warteten eine Weile, bis er voll gelaufen war und holten ihn dann wieder ans Ufer. Aber wie groß war die Enttäuschung, als sie feststellten, dass der Schlauch kein Wasser enthielt!

Der Fuchs sah sich bestätigt: "Ich gehöre ja nun wirklich nicht zu jenen, die sich hinterher hinstellen und sagen, ich hab's euch ja gleich gesagt. Aber ich hab's euch ja gleich gesagt. Das funktioniert so nicht!"
Stille, gefolgt von angespanntem Nachdenken. Dann schlug sich Kati vor die Stirn. "Na klar, das Wasser ist beim Herausheben aus dem Fluss wieder aus dem Schlauch gelaufen! Wir müssen beide Enden zuhalten!"
"Aber wie?", fragte das Schaf. "Wir haben doch alle keine Daumen!"
"Hm, da hast du recht", gab das Eichhörnchen zurück und überlegte von Neuem.

"Ich weiß es", meldete sich nun der Esel. "Wir müssen einen Schlauch im Wasser liegen lassen. Der läuft voll Wasser und dann koppeln wir ihn mit dem nächsten Schlauch, der auch wieder voll Wasser läuft und immer so weiter, bis wir genug Wasser in den Schläuchen haben, um damit den Wald zu beregnen."
So sehr Fred auch Zweifel anmeldete, ließen sich die anderen nicht vom Fuchs davon abhalten, die Idee des Esels sofort umzusetzen. So warf Brumm also den ersten Schlauch zurück in den Fluss, dann mühten sie sich sehr, den zweiten Schlauch anzukoppeln. Brumm kratzte sich nachdenklich am Kopf. Dann fiel es ihm wieder ein: "Gardena auf Gardena, das passt immer!", erklärte der Bär. Er hatte das in einer Fernsehsendung namens Werbung gesehen. Und siehe da, es stimmte! Offenbar war Werbung eine ähnlich nützliche Sendung wie das von Brumm so geliebte Bildungsfernsehen.

Kurze Zeit später zog sich eine endlos scheinende, dünne Schlange aus aneinander gekoppelten Wasserschläuchen durch den Wald. Atemlos hatten sich die Freunde um das Ende der Schlange versammelt und warteten auf den künstlichen Regen, aber... "Nichts!", flüsterte Brumm ratlos und enttäuscht.
"Nichts!", wiederholte Kati enttäuscht. Sie kuschelte sich Trost spendend und zugleich Trost suchend an ihren geliebten Bären. Sollte denn all der Aufwand umsonst gewesen sein?

Da kam dem Schaf eine Idee: "Vielleicht fließt das Wasser aus dem Fluss gar nicht in den Schlauch? Ich meine, woher soll der Fluss denn wissen, dass er durch den Schlauch fließen soll?"
"Quatsch!", antwortete der Fuchs ungehalten. "Ich hab euch doch gleich gesagt, dass das nicht funktioniert. Und ich weiß jetzt auch, warum." Erwartungsvoll sahen ihn die Freunde an.

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"Um das Problem zu lösen, benötigen wir eine Pumpe", begann der Fuchs seine Erklärung. "Nur so können wir das Wasser aus dem Fluss in den Wald transportieren."
Aha. Eine Pumpe also. Aber woher bekam man so etwas?
Hansi Hase wollte sich sofort auf den Weg in die Siedlung machen und nachsehen, ob dort vielleicht so eine Apparatur auszuborgen war. Aber wie sah so ein Ding überhaupt aus? Egal! Es galt, zu handeln und keine Zeit zu verlieren!

"Warte", hielt ihn Fred zurück. "So eine Pumpe allein nützt uns nichts. Entweder wird sie mit elektrischem Strom betrieben, den wir hier am Fluss aber nicht zur Verfügung haben. Oder sie wird manuell betrieben, aber dann wäre der Wasserdruck nicht ausreichend, um den Wald zu beregnen. Dafür brauchen wir nämlich ordentlich Druck auf den Schläuchen."

Verständnislos sahen ihn das Schaf und Herr Esel an, während Hansi Hase voller Verständnis nickte. Ja, ja, der Druck auf dem Schlauch...
"Dann brauchen wir also einen Kompressor", fragte Brumm plötzlich in die Stille.
"Kann man so sagen", antwortete Fred in Gedanken versunken. Dann sah er den Bären überrascht an. "Woher kennst du das Prinzip eines Kompressors?"
"Wenn meine liebe Kati nicht gerade Hochzeitskleidsendungen oder Krimis schaut, sehe ich, wie du bestimmt weißt, gern Bildungsfernsehen. Und da wurde neulich von einer sprechenden Maus und einem kleinen, blauen Elefanten erklärt, wie so ein Kompressor funktioniert."
"Das ist schön, lieber Brumm", sagte Fred, "aber das allein nützt uns nichts. Wir müssten schon auch wissen, wo wir uns so einen Kompressor ausborgen könnten."
"Ich weiß, wo so ein Ding steht", antworte Brumm wie nebenher und betrachtete interessiert seine rechte Vordertatze.

"Wie bitte?!", fragte der Fuchs erstaunt.
"Ich weiß, wo so ein Ding steht", wiederholte Brumm.
"Warum sagst du dass denn nicht gleich?!"
"Weil ich eben erst erfahren habe, dass wir so eine Maschine brauchen!"
"Jetzt sag schon, wo steht das Teil?", fragte der Fuchs voller Ungeduld.
"In der Siedlung. Ein Stück nach der Kurve, nahe beim Haus des dicken Mannes. Die Menschen bessern dort ein Stück Straße aus und betreiben mit dem Kompressor Presslufthämmer."

Also machten sich Fred, Hansi, Kati und Brumm nach Einbruch der Dunkelheit erneut auf den Weg in die Siedlung und inspizierten die so dringend benötigte Maschine.
An der Baustelle angelangt, behielten der Hase und das Eichhörnchen die Umgebung im Auge, damit sich der Fuchs mit dem Kompressor beschäftigen konnte.
"Ausgezeichnet", sagte er schließlich. "Wir benötigen keinen Strom. Es ist ein dieselbetriebener Kompressor. Das erleichtert die Sache sehr." Fachmännisch prüfte er noch die Füllstandsanzeige des Tanks und murmelte zufrieden: "Müsste reichen".
Als schließlich die letzten Lichter in den Häusern der Menschen verloschen waren, lösten sie die Bremse des Kompressors und dann schob der Bär die schwere Maschine vorsichtig durch die Siedlung.

"Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt!", entfuhr es der Rentnerin Erna B., als sie vor dem Zubettgehen die Gardine ihres Schlafzimmerfensters zuziehen wollte und einen eher flüchtigen Blick auf die Straße warf. Direkt vor ihrem Haus sah sie einen Bären, der einen Kompressor vor sich herschob und dabei offensichtlich von einem Fuchs eingewiesen wurde. Wenn sie jetzt nicht komplett den Verstand verloren hatte, fand da draußen tatsächlich das statt, was sie sah. Sie musste diesen Dingen endlich auf den Grund gehen und sich vor ihren Nachbarn rehabilitieren!

Hastig kleidete sich die alte Frau wieder an, steckte die Taschenlampe ihres verstorbenen Gatten in die Tasche des leichten Sommermantels und folgte in einigem Abstand einer Baumaschine, die soeben von einem Bären - hat man Worte? - in Richtung Waldrand geschoben wurde.

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Der Hase bildete die Vorhut und prüfte, ob die Luft rein war. Selbstverständlich im übertragenen Sinne. Denn natürlich war die Luft nicht rein, sonst hätten die Freunde nicht all den Aufwand betreiben müssen, um ihre sonst so köstliche Waldluft mittels künstlichem Regen vom Wüstensand zu reinigen.
Hansi nutzte den Straßengraben als Deckung und gab von Zeit zu Zeit ein leises "Uhu" von sich. Das war das vereinbarte Zeichen, das dem Fuchs und dem Bären verriet, dass die Ringstraße frei war und sich auf ihr weder ein Mensch noch ein Auto befand.
Von Fred eingewiesen, schob Brumm den Kompressor und endlich war der Waldrand zu erspähen. "Gleich haben wir es geschafft", flüsterte Fred und motivierte den Bären, jetzt bloß nicht nachzulassen.

Das kleine Eichhörnchen wiederum hatte die Aufgabe, als Nachhut die Straße im Blick zu behalten und die Freunde zu warnen, sollte ihnen ein Mensch folgen.
Brumm hatte die schwere Maschine soeben von der Straße, die um die Siedlung herum führte, auf den Waldweg geschoben und schon wollte Fred aufatmen, weil er endlich wieder sicheren Boden unter den Pfötchen hatte, als plötzlich Kati neben ihnen auftauchte und berichtete, dass ihnen jemand folgen würde.
"Wie? Wer?", fragte der Fuchs überrascht.
"Das weiß ich nicht", antwortete Kati. "Ein Mensch eben. Er geht sehr langsam und hat einen leichten Sommermantel an."
"Das kann nicht uns gelten", entschied der Fuchs. "Sicher ist da noch jemand auf dem Heimweg und hat sich verspätet."
Dann wandte er sich an den Bären: "Brumm, bitte schieb' den Kompressor zum Flussufer, Hansi wird dich einweisen. Ich bleibe hier am Waldrand, verstecke mich im Gebüsch und beobachte gemeinsam mit Kati, ob der Mensch tatsächlich uns folgt. Falls ja, wird ihn Kati mit gezielten Tannenzapfenwürfen vom Baum verjagen."
Brumm nickte und schob das schwere Gefährt tief hinein in den dunklen Wald. Hansi passte auf, dass der Bär mit der kostbaren Fracht nicht vom Weg abkam.

Derweil sauste das kleine Eichhörnchen elegant am Stamm einer Fichte nach oben und legte sich auf einem mächtigen Ast, der viele Zapfen trug, auf die Lauer. Mag da kommen, wer will, dachte Kati entschlossen. Wer uns folgt und vielleicht meinem lieben Brumm etwas tun möchte, muss sich aber ganz warm anziehen! Aber wirklich ganz warm! Was ist schon eine Wildsau gegen ein wütendes Eichhörnchen, das seine Familie verteidigt? Mit einem grimmigen Lächeln behielt sie das Gelände im Auge, das im spärlichen Rest des Lichts der Ringstraße getaucht den Beginn des Waldwegs markierte.

Fred duckte sich tief in ein Gebüsch, von dem aus er die Straße gut beobachten konnte. Und tatsächlich! Ein wenig gebeugt und in gemächlichem Tempo erschien kurze Zeit später eine alte Frau auf der Straße. Sie kam näher und immer näher und blieb dann abrupt an der Einmündung zum Waldweg stehen. Sie schien die Augen zusammenzukneifen und musterte intensiv das kurze Stück des Weges, das von der Straßenbeleuchtung noch ein wenig Licht abbekam.

Plötzlich wurde dem Fuchs siedend heiß in seinem Fell. Dieses Gesicht kannte er! Das ist die alte Frau, der er im vergangenen Sommer dieses wunderbare Stück Stoff vom Fenster stahl, in dem Kati zur Hochzeit so unwiderstehlich ausgesehen hatte. Um Himmelswillen, dachte Fred erschrocken. Mit allem hätte er gerechnet...

Plötzlich griff die alte Frau in ihre Manteltasche, holte einen länglichen Gegenstand daraus hervor und Sekundenbruchteile später durchschnitt ein greller Lichtstrahl die Dunkelheit. Die Rentnerin leuchtete die Umgebung des Waldweges ab. Dann glitt der Lichtstrahl über das Gebüsch, in dem sich Fred versteckt hatte und traf mitten in die Augen des Fuchses. Geblendet wandte er sich ab, doch für einen Moment reflektierten seine Augen das Licht der Taschenlampe, dass es schien, als glühten seine Pupillen. Ein kurzer Schreckensschrei der alten Dame. Dann fiel die Taschenlampe zu Boden. So schnell sie konnte, trat Erna B. den Heimweg an.
Fröstelnd dachte sie immer wieder: "Ich habe dem Teufel in die Augen geblickt!"

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Mit großer Mühe und unter Aufbringung all seiner Kräfte hatte Brumm den Kompressor aus der Siedlung durch den Wald bis an das Flussufer geschoben. Hansi half nach Leibeskräften und dirigierte den Bären mit seiner wertvollen Fracht auf dem schmalen Waldweg.
"Mehr nach links! Stopp! Langsam weiter, gut so!", flüsterte der Hase, denn es war Nacht und da vermied man unnötigen Lärm.

Endlich angelangt, sicherte Brumm völlig außer Atem die Maschine mit großen Steinen gegen Wegrollen. Am Ende fiel sie noch in den Fluss - das fehlte gerade noch nach all der Anstrengung!
Und dann stießen auch schon Fred und Kati zu den beiden. Die seltsame Begegnung mit der alten Frau verschwiegen sie.
"Nicht der Rede Wert", hatte Fred zu Kati gesagt. "Damit wollen wir die anderen nicht beunruhigen. Wir haben jetzt erst mal andere Sorgen. Bestimmt hatte sich die alte Frau über die seltsamen Geräusche gewundert, die wir beim Abtransport des Kompressors verursacht hatten und sie wollte nur nachsehen." Aber das mulmige Gefühl im Bauch blieb und Fred wusste nur zu gut, dass sie auf der Hut sein mussten.

So stand also eine große Baumaschine mitten im Wald am Flussufer, schien dort völlig deplaziert und wurde von den Tieren mit großen Augen angestarrt. Als die Sonne bereits den höchsten Punkt am Himmel auf ihrer Tagesreise überschritten hatte, erschienen endlich Fred, Brumm, Kati und Hansi am Flussufer. Sie mussten sich nach dieser weiteren Nachtschicht erst einmal gründlich ausschlafen, denn die eigentliche Aufgabe, nämlich die Luft vom kratzigen Saharastaub zu reinigen, lag noch immer vor ihnen. Und für die großen Dinge im Leben musste man ausgeschlafen sein. Hatte Tante Bärnadette jedenfalls immer gesagt.

Verwundert sah Fred zu, wie sich Isabel Igel über einen der Schläuche rollte. "Was machst du da?", fragte er.
"Ich soll die Schläuche folieren, hat Herr Esel gesagt!", bekam er vom dem stacheligen Tier zur Antwort.
"Du sollst was?!", fragte der Fuchs ungläubig nach.
"Per-fo-rier-en!", verbesserte der Esel und sah Isabel kopfschüttelnd an. Und so 'was will Journalistin sein!
"Wozu soll Isabel denn die Schläuche perforieren?", wandte sich Fred nun direkt an den Esel.
"Damit das Wasser nach allen Seiten aus den Schläuchen strömen kann und wie richtiger Regen über den Bäumen nieder geht!", erklärte Herr Esel.
Nun musste der Fuchs schmunzeln. "Das ist ein guter Gedanke", lobte er den Esel. "Aber so wird das nichts. Isabel ist viel zu leicht, um die Schläuche mit ihren Stacheln durchbohren zu können."
"Ich kann mich auf sie drauf legen", bot der Bär hilfsbereit an. "Da wird sie schwerer."
"Bis du verrückt geworden!", protestierte Isabel Igel sofort. "Du zerquetschst mich doch!"

Hm, diesen Einwand konnte man nicht so leicht von der Hand weisen. Also mussten die Tiere nachdenken und sich beratschlagen.
"Ich hab's!", rief Schafi. "Wir legen den Schlauch in Schlaufen um Isabel herum und ziehen dann ganz fest die Schlaufen so eng, bis der Schlauch so doll gegen die Stacheln drückt, dass er genug kleine Löcher bekommt."
"Jetzt ist aber mal Schluss mit euren verrückten Ideen!", wehrte Isabel energisch ab. "Ich gehe jetzt nach Hause, bevor euch etwas noch Bekloppteres einfällt!"

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Während Isabel wütend nach Hause schnaufte, verbrachten die Tiere den restlichen Nachmittag mit Überlegungen, wie sie die Schläuche am besten und ohne jemandem Schmerzen zuzufügen, perforieren könnten.
Schließlich hatte Prof. Rabe eine erfolgversprechende Idee: "Wenn sich alle Nagetiere, die in unserem Wald leben, nebeneinander in einer Reihe aufstellen und sich kurz in die aneinander gekoppelten Schläuchen verbeißen, müsste das für eine gute Perforation ausreichen. Brumm muss nur die Schläuche langsam und gleichmäßig an den Nagern vorbeiziehen, dann müsste das funktionieren."
Fred sah den Professor prüfend an. "Hm", meinte er dann nach einer kurzen Zeit des Überlegens. "Könnte klappen. Also los, probieren wir es!"

Gesagt, getan. Schnell wurden alle Nagetiere des Waldes informiert und schon standen sie aufgeregt tuschelnd in einer Reihe nebeneinander, direkt vor ihnen die endlos scheinende Schlange der miteinander verbundenen Wasserschläuche auf dem Waldweg. Frded hatte si emit wenigen Worten über die zu lösende Aufgabe informiert.
Mit einem tiefen röhren sorgte Opa Hirsch für Ruhe unter den Nagern. Dann gab er das Zeichen. Er blickte zu den Nagetieren: "Und beißt!". Ein Blick zu Brumm: "Und zieh!" Wieder zu den Nagetieren gewandt: "Und beißt!" Dann zu Brumm: "Und zieh!"
"Und beißt! - Und zieh! - Und beißt! - Und zieh!"

Herr Esel, Schafi und Leni untermalten die Kommandos des Hirsches mit einem Takt, den sie mit ihren Hufen auf den Waldboden schlugen. In diesem monotonen Rhythmus schienen alle Tiere des Waldes zu einem gemeinsamen, großen Organismus zu verschmelzen. Jeder hatte seinen Platz und seine Aufgabe; jeder war dem anderen gleichgestellt. Es gab kein Besser oder Schlechter. Es gab nur dieses eine Ziel, dass sie entweder gemeinsam erreichten, weil sie die Aufgabe erfolgreich bewältigten oder sie alle mussten gemeinsam weiterhin diese kratzige Luft atmen, die bei vielen von ihnen Hustenanfälle auslöste und einen seltsamen Geschmack auf der Zunge verursachte.

Meter um Meter wurden die Wasserschläuche im gleichmäßigen Takt des Hufgetrommels perforiert. Und plötzlich hielt Brumm das Ende des Schlauches in den Pfoten. "Ich glaube, wir sind durch!", rief er zu Opa Hirsch, der des Bären Hinweis mit einem letzten Kommando quittierte: "Und fertig!"
"Und wie nun weiter?", fragte der alte Hirsch den Fuchs.

"Jetzt kommt der Kompressor zum Einsatz", erklärte Fred, nun zu allen Tieren gewandt. "Diese Maschine hier verdichtet angesaugte Luft zu Druckluft und betreibt Werkzeuge der Menschen wie zum Beispiel Presslufthämmer zum Aufreißen von Straßen. Wir aber saugen anstelle von Luft Wasser aus dem Fluss an."

Er bat Brumm, einen Schlauch an die dazu vorgesehene öffnung des Kompressors zu koppeln und das andere Ende in den Fluss zu werfen. Dann setzte er seine Erklärung fort: "Das angesaugte Wasser wird mit hohem Druck in die miteinander gekoppelten und von euch perforierten Schläuche gepumpt. Nun kommt also aus den kleinen Löchern in den Schläuchen keine Druckluft, sondern Flusswasser. Wenn Brumm kräftig genug das Ende dieser Schlauchschlange zusammendrückt, dann kann das Wasser nicht mehr vorn aus dem Schlauch herausspritzen, sondern bahnt sich mit hohem Druck seinen Weg durch die kleinen Löcher in den Schläuchen und wir haben eine prima Beregnungsanlage und können Niederschlag herbeizaubern, der endlich unsere Waldluft rein wäscht."
Soweit die Theorie.

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In der Praxis aber standen die Freunde nun vor der Aufgabe, den Kompressor zu starten. Immer wieder umkreisten Fred, Kati, Hansi und Herr Esel diese seltsame Maschine. Schafi hielt respektvollen Abstand. Ihm war das alles nicht geheuer. Er wäre ja bereit, die Maschine gemeinsam mit den Freunden zu inspizieren, doch dafür bräuchte er etwas mehr Sauerampfer - äh, Mut. Egal. Er hielt sich abseits und sah den Freunden zu, die inzwischen mit ratlosen Blicken auf das Ungetüm da am Flussufer starrten.

Brumm bekam von diesen Schwierigkeiten nichts mit. Er stand knapp 100 m entfernt vom Kompressor auf dem Waldweg und wartete darauf, dass Wasser aus den Schläuchen strömte. Weisungsgemäß hatte er das Ende des Schlauchs abgeknickt und hielt es ganz fest in seinen mächtigen Pranken. Beklommen wartete er darauf, dass der Kompressor seine Arbeit verrichtete.

Tat er aber nicht.
Nachdenklich betrachtete Fred die Maschine. Vielleicht Sprachsteuerung? Sehr wahrscheinlich nicht. Aber wie um alles in der Welt starteten die Menschen dieses Ding? Das kann doch nicht so schwer sein!
"Seht mal", rief plötzlich das kleine Eichhörnchen. Mutig war sie auf den Kompressor gesprungen und zeigte mit ihrer Pfote auf etwas schwarzes, rundes.
"Was ist das?", fragte Fred und trat näher.
"Sieht aus wie ein Knopf", sagte Hansi, stellte sich auf seine Hinterpfoten und schnüffelte neugierig an der Maschine. "Was wohl passiert, wenn man da draufdrückt?", fragte er, ohne jemanden direkt anzusprechen und schon drückte der Hase den Knopf so fest er nur konnte.

Ohrenbetäubender Lärm erfüllte den Wald. Die Maschine brüllte und vibrierte, dass Kati mit dem gewaltigsten Sprung, zu dem ein Eichhörnchen jemals fähig war, in der Krone einer Fichte Schutz suchte. Die anderen Tiere stoben entsetzt auseinander. Jeder floh in panischer Angst und suchte sich im Dickicht des Waldes ein Versteck.
Die Schlauchschlange vibrierte und zappelte auf dem Waldweg, während sie zusehends praller und praller wurde. Und plötzlich...

Was war das?!
Ein feiner Regen, edelster Seide gleich und dabei so zart wie Samt, rieselte auf sie hernieder. Aus der Schlauchschlange vor ihnen auf dem Waldweg strömten unzählige kleine Fontänen in den Himmel. Nach und nach gewahrten die Tiere, dass diese seltsame Maschine zwar sehr laut in den Wald hinein brüllte, aber dennoch an ihrer Stelle verharrte und ihnen nicht in ihre Verstecke gefolgt war. Offensichtlich ging von ihr keine Gefahr aus. Sie verrichtete einfach nur ihre Arbeit und brachte endlich den ersehnten Niederschlag.

Die Tiere erfreuten sich an dem zarten Regen, der ihnen gut tat und die Luft reinigte. Und sie staunten, wie lustig Brumm da vorn am Schlauchende tanzte. Er schien mindestens genau so glücklich wie sie über den künstlichen Regen zu sein. Sie winkten ihm freudig zu und bewegten sich in seinem Rhythmus zum Tanz.

Der Bär aber tanzte einen Tanz ganz anderer Art. Er hatte große Schwierigkeiten, den Schlauch, der sich mit ungeheurer Kraft aus der Umklammerung seiner Tatzen befreien wollte, festzuhalten. Eine solche Vibration hatte Brumm noch nie in seinen Pfoten gespürt. Mit aller Kraft hüpfte er mit dem Schlauch um die Wette und fürchtete sich vor dem Moment, da er diese mit unvorstellbarer Wucht zappelnde Schlange nicht mehr bändigen konnte.
Ich weiß wirklich nicht, wie lange ich noch durchhalte, dachte der Bär verzweifelt, und begann seine Freunde um Hilfe zu rufen. Freundlich winkten die Tiere zurück. Sie konnten ihn durch den Lärm, den die Maschine verursachte, nicht hören.

"Ich glaube, Brumm singt vor Freude ein Lied", interpretierte der Hase Brumms Mundbewegungen.
"Nein", sagte Kati, die plötzlich gewahr wurde, dass sich ihr lieber Brumm in großer Not befand. "Brumm braucht Hilfe!"
In der Tat. Brumms Lage wurde immer prekärer, je mehr seine Kräfte schwanden. Und dann kam der Moment, da der Bär am Ende seiner Kräfte war. Mit einem zischenden Geräusch glitt das Schlauchende aus seinen Pfoten und verschwand, angetrieben vom ungeheuren Wasserdruck, im Wald.

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30

"Ich habe dem Teufel in die Augen geblickt!"
Wie auf einem Karussell sitzend, drehte sich dieser Gedanke wieder und wieder in Erna B.s Kopf. Was für ein gruseliger Anblick aber auch! Wie glühende Kohlen in rabenschwarzer Nacht! Bei der Erinnerung an den gruseligen Anblick, als sie gestern Nacht in das Gebüsch geleuchtet hatte, fröstelte sie. Und dazu diese seltsamen Geräusche! Als würde ein Bär eine Baumaschine durch den Wald schieben, untermalt vom Flüstern eines Hasen! Kann ein Hase flüstern?

Ach was, dachte die alte Frau. Ich werde der Sache nachgehen. Jetzt ist es draußen hell und ein kleiner Waldspaziergang wird mir bestimmt helfen, das gestrige Erlebnis zu verstehen. Vielleicht ist die Luft im Wald nicht ganz so kratzig wie in der Siedlung. Das würde mir guttun, dachte die Rentnerin. Zur Sicherheit nahm sie die Luftpumpe ihres alten Fahrrades mit. Nur zur Sicherheit und um eventuell im Notfall etwas zur Selbstverteidigung dabei zu haben.

Sie verließ das Haus und stapfte mutig die Ringstraße bis zu der Stelle entlang, an der ein Weg, staubig und trocken, von der Straße in den Wald einbog. Zögernd blieb sie stehen und musterte lange und argwöhnisch jenes Gebüsch da rechts, in welchem sich letzte Nacht der Teufel wohl persönlich versteckt haben musste. Im Hellen sah das alles ganz harmlos aus. Geradezu friedlich und einladend.
Komm nur, schien das Gebüsch zu locken. Komm in den Wald und erhole dich, schien eine freundliche Stimme wie aus dem Werbefernsehen zu flüstern, die einen Sommerurlaub im Schwarzwald empfahl.

Genau, bekräftigte eine andere Stimme. Etwas tiefer und grollend. Komm in den Wald! Hier geschehen seltsame Dinge! Hier gibt es Schafe, die auf Eseln die Ringstraße entlang durch die Siedlung reiten und freundlich winken. Hier wohnt ein Fuchs, der wie auch immer er es getan haben möge, Scheibengardinen aus dem Badezimmer einer wehrlosen Rentnerin gestohlen hatte!
Genau, komm in den Wald, schien die Elster da oben auf dem Baum zu rufen. Komm nur her, wir beklauen dich und wenn du Glück hast, kommst du mit dem Leben davon!

Erna B. fröstelte.
Was soll das denn? Hörte sie jetzt auch schon Stimmen? Ach was! Bestimmt war sie einfach nur übermüdet und ihre Phantasie spielte ihr einen Streich. Kein Wunder auch nach all der Aufregung! Sie zog den hellen Sommermantel fester über die Schultern, dann bog sie vorsichtig in den Waldweg ein. Sie folgte den frischen Reifenspuren auf dem Weg, in deren Mitte sich die Abdrücke großer Tatzen befanden. Erna B. umklammerte die Luftpumpe nun fester.

Je mehr sie sich von der Siedlung entfernte, um so deutlicher vernahm sie ein seltsames Geräusch, das anschwoll und die Luft mit einer seltsamen Frische zu erfüllen schien. Und dann wollte sie ihren Augen nicht trauen: Da vorn, keine 20 m von ihr entfernt, hielt ein Bär einen Schlauch zwischen seinen Pfoten und tanzte. Dazu brüllte er und machte einen insgesamt verzweifelten Eindruck. Der Schlauch schlängelte sich den Waldweg entlang bis zum Flussufer, an dem ein Kompressor stand.

Ein Kompressor? Ganz recht. Neben dem Lärm, den er verursachte, fand die Rentnerin ein anderes Detail äußerst interessant. Aus den Schläuchen drangen winzig feine Fontänen geradewegs in den Himmel und vereinigten sich auf ihrem Weg zurück zur Erde zu einem hauchzarten Regen. Und dann sah die alte Frau in der Nähe des Kompressors einen Fuchs, ein Schaf, einen Esel, einen Hasen, ein Eichhörnchen und alle schienen miteinander zu tanzen und winkten dem Bären zu.
Als ob das nicht schon die Grenze des Verstandes eines Menschen überschreiten würde, sah sie nun, wie dem Bären das Schlauchende aus den Pfoten glitt. Sie hörte ein sich schnell näherndes, schrilles Pfeifen. Sekundenbruchteile später spürte sie eine Dusche wie aus vereisten Nadeln auf ihrem Körper, dann sank Erna B. auf den Waldboden und verlor das Bewusstsein.

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Welch ein Freude! Der Fuchs konnte sein Glück nicht fassen. Der Plan hatte funktioniert. Sie hatten es tatsächlich geschafft! Der künstliche Regen reinigte die Luft des Waldes vom Wüstenstaub - ja, ist es denn zu fassen?! Ausgelassen tanzte er mit geschlossenen Augen gemeinsam mit seinen Freunden um den Kompressor herum. Fred wünschte sich, dieser Moment möge für immer währen. Und während er das so dachte, hörten seine Freunde auf zu tanzen. Fred öffnete verwundert die Augen und folgte den Blicken der anderen.

Der Fuchs erstarrte. Keine 20 m von Brumm entfernt stand ein Mensch. Eine alte Frau. Die alte Frau. Und musste wohl schon eine Weile das Treiben um den Kompressor herum verfolgt haben. Dann fiel sein Blick auf Brumm, der gar nicht zu tanzen schien, sondern sich eher in einem verzweifelten Kampf mit dem arg unter Druck stehenden Schlauch befand. Und jetzt erkannte Fred die bedrohliche Lage, in der sich der Bär befand.

Doch zu spät! Er konnte seinem Freund nicht mehr zu Hilfe eilen. Plötzlich entglitt Brumm der Schlauch, dessen befreites Ende nun mit hoher Geschwindigkeit durch den Wald sauste. Geradewegs in die Richtung, in der sich die alte Frau befand.
Im Nachhinein vermochte Fred nicht zu sagen, ob die Frau vom Schlauch getroffen wurde oder einfach nur eine Hochdruckdusche des köstlichen und sehr erfrischenden Flusswassers abbekommen hatte. Sie sank einfach zu Boden und blieb regungslos liegen. Das Schlauchende tanzte weiter durch den Wald, während Brumm sich auf einen Baum gerettet hatte.

Geistesgegenwärtig schaltete Fred den Kompressor aus. Nie hatte er die sofort einsetzende Stille im Wald als so angenehm empfunden wie jetzt. Ein letztes, pulsierendes Zucken erfasste den Schlauch, setzte sich bis zu dessen freiem Ende fort, dann erstarb der Tanz der Schlange und der Schlauch blieb friedlich auf dem Waldboden liegen. Brumm sah es mit Erleichterung. Behende kletterte er den Baumstamm hinab und lief seinen Freunden entgegen.

"Wir haben Regen gemacht", rief Brumm voller Freude und mit Pathos in der Stimme.
"Das stimmt", rief ihm der Fuchs zu, lief aber an ihm vorbei, statt ihm, wie der Bär erwartet hatte, in die Arme zu springen. "Wir müssen uns um die alte Frau kümmern!"
Verwirrt blieb Brumm stehen. Da sauste auch schon das kleine Eichhörnchen an ihm vorbei.
"Geht es dir gut?", rief Kati ihm zu.
"Ja...", antwortete Brumm zögernd, doch das Eichhörnchen war schon an ihm vorbei gehastet. So folgte er den anderen, die sich inzwischen im Halbkreis um den auf dem Waldboden liegenden Menschen versammelt hatten.

"Was ist mir ihr? Ist sie etwa...", fragte Fred tonlos.
Kati umkreiste vorsichtig den Kopf der alten Frau und begann deren Gesicht abzutasten. Dann wedelte sie ein bisschen mit ihrem buschigen Schwanz und kitzelte die Rentnerin an der Nase.
Ein kurzes Schnuffeln, dann ein heftiges Niesen und Erna B. schlug die Augen auf. Erleichtert atmete der Fuchs auf. Nicht auszudenken, welche Konsequenzen ihnen gedroht hätten, wäre die alte Frau wegen ihrer Regenmacherei ernsthaft zu Schaden gekommen!

"Sie lebt!", freute sich das Eichhörnchen.
Tatsächlich. Erna B. lebte. Sie öffnete die Augen und blickte in einen wolkenlosen Himmel. Umrahmt von freundlich interessiert dreinblickenden Tiergesichtern. Ein Schaf, ein Esel, ein Bär. Ein Bär?!
Ja, der Bär, der noch vor wenigen Minuten vergeblich mit einem Schlauch gekämpft hatte. Dann fiel ihr Blick auf den Fuchs. Natürlich der Fuchs! War ja klar, dachte Erna B. Und was kitzelte sie da am Hals? Sie drehte den Kopf zur Seite, um besser sehen zu können und sah - ein Eichhörnchen, das an ihrem Hals herum wuselte.
Befand sie sich etwa in einem Paralleluniversum?

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"Hör auf damit", herrschte sie das Eichhörnchen an. "Das kitzelt!"
Und tatsächlich verharrte das Tier mit dem buschigen Schwanz in gebührendem Abstand und schien sie fragend anzusehen. Kati wusste nicht, weshalb die alte Frau mit ihr schimpfte. Sie hatte doch nur versucht, der armen Frau mit ihrem buschigen Schwanz Luft zuzufächeln.

Inzwischen hatte sich Erna B. mühsam erhoben und sah den Fuchs lange an, dem es wiederum ziemlich unangenehm war, so gemustert zu werden.
"Wen haben wir denn da?", fragte die Rentnerin schließlich.
Instinktiv entschied sich Fred zur Tarnung. Angesichts der hier fehlenden Deckung kam nur Täuschen infrage. So rollte er sich also ein und begann so gut er konnte, zu miauen. Sie ist alt und sieht nicht mehr gut, dachte Fred. Vielleicht hält sie mich für eine große rote Katze und nicht für den Dieb ihrer Badezimmergardine.

"Hör auf zu miauen! Du bist keine Katze! Ich weiß, dass du ein Fuchs bist!", schimpfte die Rentnerin und gestikulierte wild mit ihrer Luftpumpe. "Und ich weiß auch, was du letzten Sommer getan hast! Du hast meine Gardine gestohlen! Mich würde ja brennend interessieren, wozu du den Stoff gebraucht hast."

Der Fuchs nahm die Veränderung in der Stimme der alten Frau wahr. Er meinte, einen drohenden Unterton zu hören. Da sprach die Alte schon weiter: "Ich habe euch beobachtet. Dich und deine Kumpels. Ich konnte euch sehen und ich weiß auch, dass ihr den Kompressor von der Baustelle gestohlen habt. Aber damit ist jetzt Schluss! Ihr kommt jetzt mit in die Siedlung und stellt euch! Verstanden?" Fred sah, wie sie vor ihm mit einem länglichen, schmalen Gegenstand herumfuchtelte und immer näher kam.

Gerade wollte er zur Flucht ansetzen, als sie plötzlich verwundert innehielt und schwieg. Wie aus dem Nichts war hinter dem Fuchs ein Einhorn aufgetaucht. Es schien die alte Frau freundlich anzusehen und lehnte sich dann zärtlich an den Esel.
Na klar, ein Einhorn. Was denn sonst, dachte Erna B. Entweder war sie tatsächlich in einem Paralleluniversum gefangen, oder sie hatte vollständig den Verstand verloren. Oder sie war einfach während des Waldspaziergangs gestorben und befand sich nun im Himmel. Noch war ihr nicht ganz klar, was ihr lieber war.

Das menschliche Gehirn, so heißt es, sei ein Wunderwerk der Evolutionsgeschichte. Es vermag Dinge zu leisten, die selbst die ausgeklügelteste Künstliche Intelligenz nicht bewerkstelligen kann. Aber es konnte eben immer nur die Realität erfassen, die die Menschen auch bereit sind, als Realität anzuerkennen. Und exakt so standen die Dinge im Fall der Rentnerin Erna B. und waren nahezu trivial: Wie soll ein Gehirn, dass seit gut 70 Jahren in der Zivilisation schöne und weniger schöne Momente in annehmbarer Geschwindigkeit verarbeitet hatte, mit einer solch absurden Situation klarkommen?

War Erna B. nicht gerade auf dem Waldweg über eine Wurzel gestolpert und hatte, aus welchem Grund auch immer, eine eisig-kalte Dusche aus einem wild umher tanzenden Wasserschlauch empfangen? Und wachte auf, umgeben von Tieren, die sie freundlich anblickten, während ein Eichhörnchen sie an ihrer empfindlichsten Stelle, am Hals, kitzelte?
War das etwa der Himmel? Aber wo sonst sollte es Einhörner geben? Sollte es das wirklich geben?
Memory overflow.
Erna B. schloss lächelnd die Augen. Dann verlor sie zum zweiten Mal an diesem Tag das Bewusstsein.

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33

"Ist sie jetzt tot?", fragte Fred.
Kati hüpfte auf den Brustkorb der alten Frau und prüfte mit ihrem Schwanz, ob Atemluft aus dem geöffneten Mund der alten Dame strömte. Der buschige Eichhörnchenschwanz bewegte sich rhythmisch hin und her. Kati sah es mit Erleichterung.
"Nein, sie lebt. Wahrscheinlich schläft sie nur wieder so tief und fest wie vorhin", antwortete sie dem Fuchs.

"Wunderbar!", jubelte Fred. Konnte es einen besseren Moment geben als diesen, in dem die alte Frau das Bewusstsein verlor?
"Dieses Erlebnis hat nie stattgefunden!", herrschte er die anderen Tiere an. Er hatte es mal wieder - keine Ahnung, wie - geschafft, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Dann wies er Brumm an, die alte Frau aus dem Wald zurück in die Siedlung zu tragen.
"Leg sie irgendwo ins Gras. Wenn sie aufwacht, wird sie denken, alles nur geträumt zu haben. Und noch mal an alle: Das hier hat nie stattgefunden!"

Vorsichtig hob Brumm die alte Frau auf und trug sie bis zum Waldrand. An der Stelle, an der der Waldweg die Ringstraße erreichte, legte er sie sanft ins Gras. "Wenn sie aufwacht, wird sie alles für einen Traum halten", sagte er an Kati und Hansi gewandt, die ihn begleitet hatten.
Der Hase wies auf die noch immer feuchten Sachen der Frau hin. "Leg sie lieber zum trocknen in die Sonne. Da wird sie keinen Verdacht schöpfen, wenn sie aufwacht."
Brumm nickte. "Gute Idee!" Und trug die alte Frau ein Stück weiter, so dass sie nun vollständig von der Sonne beschienen wurde.

"Wenn wir sie so in der Sonne liegen lassen, wird sie sich aber das Gesicht verbrennen", machte sich Kati Sorgen.
"Wollen wir jetzt auch noch ein Sonnendach bauen?", maulte Brumm, der längst schon wieder zu Hause in seiner Höhle sein und Schokoladenpudding naschen wollte.
"Nein, ich weiß etwas besseres", antwortete das kleine Eichhörnchen und erzählte, dass sie bei einem ihrer Ausflüge in die Menschenwelt beobachtet hatte, wie sich die Menschen mit einer besonderen Creme vor den Sonnenstrahlen schützten.
"Wartet hier", sagte sie zu Hansi und Brumm. "Ich bin gleich wieder zurück."

In einer wagemutigen Aktion sauste das Eichhörnchen in die Siedlung, schlich sich in einen der Gärten, in dem sich eine junge Frau zum Bräunen auf eine bequeme Liege in die Sonne gelegt hatte. Geduckt schlich sich Kati an die Liege. Einem Husarenritt gleich stahl sie die neben der Frau im Gras liegende Sonnencreme. Dann machte sich das Eichhörnchen ebenso lautlos, wie es gekommen war, auf den Rückweg.

Kurze Zeit später standen Kati, Brumm und Hansi ratlos um die alte Frau herum.
"Wie viel?", fragte Brumm und wies auf die Packung.
"Keine Ahnung", gestand der Hase. "Lieber zu viel als zu wenig. Also am besten alles. Es muss ja vor der Sonne schützen."
Gesagt, getan. Brumm biss die Packung auf, "schmeckt komisch!", dann verteilten Kati und Hansi die Sonnencreme großflächig im Gesicht der Rentnerin. Keinen Millimeter der faltigen Haut ließen sie aus. Sorgfältig und sehr dick bedeckten sie schließlich das ganze Gesicht der Rentnerin mit der milchig-weißlichen Substanz, dass sie mühelos als 5. Mitglied der Gruppe "KISS" hätte gelten können.
Nun würde die Sonne der alten Frau nichts anhaben können! Zufrieden schlichen sich Kati, Hansi und Brumm im angenehmen Gefühl davon, etwas Gutes getan zu haben.

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34

Und damit ist die Geschichte schon beinahe zu Ende erzählt.
Fred bestand darauf, dass sie sich noch einmal in der Nacht in die Siedlung schlichen, um den Kompressor zur Baustelle zurückzubringen. "Die Menschen würden versuchen, den Diebstahl aufzuklären und das könnte uns in große Gefahr bringen, fänden sie die Maschine ausgerechnet bei uns am Flussufer", erklärte er seinen Freunden. "Und sollte die alte Frau die Begegnung mit uns nicht als Traum, sondern als Wirklichkeit wahrgenommen haben, könnte es richtig eng für uns werden. Deshalb darf es keinen Diebstahl gegeben haben. Also bringen wir den Kompressor zur Baustelle zurück, verwischen alle Spuren auf dem Waldweg und werden uns der Siedlung vorerst nicht wieder nähern. Glaubt mir, es ist besser so."

Kati nickte ernst. Ja, der Fuchs hatte recht. "Wenn wir unser Leben weiter unbeschwert in unserem Wald leben wollen, dürfen wir die Menschen nicht misstrauisch machen", pflichtete sie Fred bei. "Schließlich war unsere Aktion erfolgreich und die Luft in unserem Wald ist wieder sauber und kratzt nicht mehr beim Atmen. Oder was meint ihr?", wandte sich das Eichhörnchen an Brumm und Hansi. Zustimmend nickten die beiden.

Also machte sich Brumm noch einmal auf den Weg. Eingewiesen vom Hasen, bugsierte er die schwere Maschine vom Flussufer über den Waldweg bis hin zur Einmündung in die Ringstraße. Hier übernahm nun das Eichhörnchen und sicherte den Weg bis zur Baustelle kurz hinter dem Haus des dicken Mannes.
Inzwischen hatten Opa Hirsch gemeinsam mit Schafi, Herrn Esel und Leni alle Gartenschläuche zurück in die Siedlung gebracht. Da lagen sie nun neben der Straße und lagen zur Abholung durch die Menschen bereit. Anschließend beseitigten die Freunde sämtliche Spuren auf dem Waldweg und am Flussufer, dann kehrten sie müde, aber glücklich in ihre Behausungen zurück und schliefen nach all der Aufregung und Anstrengung "bestimmt mindestens drei Tage am Stück", wie der Bär ankündigte. Aber vorher noch eine riesige Portion Schokoladenpudding...

Somit war also alles wieder in Ordnung. Wirklich?
Nicht ganz. Es blieb den Menschen in der Siedlung auf ewig ein Rätsel, was mit ihren Gartenschläuchen passiert war. Ein Dummerjungen-Streich? Wahrscheinlich. Bestimmt irgendwelche Jugendliche aus der Stadt... Erna B. wiederum schimpfte fortan über jenen Scherzkeks, der ihr im Schlaf das Gesicht bündig mit Sonnencreme eingeschmiert hatte. Nein, sie konnte nicht darüber lachen... Und dann war da noch der Straßenbaufacharbeiter Ronny O., der beim Kontrollieren des Kompressors am nächsten Morgen überrascht feststellte, dass laut Füllstandsanzeiger kaum noch Diesel im Tank war. Obwohl er ihn erst vor zwei Tagen vollständig aufgefüllt hatte. Seltsam. Aber ganz sicher irrte er sich. Wer sollte denn den Kompressor sonst benutzt haben?

Letztlich normalisierte sich das Leben in der Siedlung. Ab und an unternahmen die Menschen einen Spaziergang im nahegelegenen Wald und erfreuten sich an der klaren und belebenden Luft. Und schließlich färbte der Herbst die Blätter bunt und stürmische Winde wehten sie weit, weit fort. Es folgte der erste Nachtfrost und wenig später sah der Fuchs zufrieden, wie die ausgiebigen Schneefälle auch die letzten Spuren dieses aufregenden Sommers überdeckten.

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35

Endlich wurde es Heiligabend.
Wie hatte sich Kati auf diesen Tag gefreut! Wieder hatte sie mit Brumms Hilfe den Höhlenkobel festlich geschmückt. Und wie schön die Lichter am Tannenbaum strahlten! Brumm hatte ihn gemeinsam mit Schafi und Herrn Esel in die Höhle getragen. Und weil sie in diesem Moment so eine verschworene Gemeinschaft waren, gestand Herr Esel, wie er an jenem Sommertag, als sie bei Kati in der Bibliothek recherchierten, Rache an den Paketfahrern genommen hatte.

"Das hast du nicht gemacht!", fragte Brumm staunend.
"Doch", bestätigte das Eselchen leise.
"Na du hast es drauf!", kommentierte das Schaf anerkennend und kicherte. "Und alles ganz ohne Sauerampfer?"
"Ja, aber sagt es bitte nicht meiner Leni. Ich möchte nicht, dass sie schlecht über mich denkt." Schafi und Brumm versprachen, das Geheimnis nicht preiszugeben. Schließlich seien sie doch Kumpels. Die besten auf der Welt.

Zum Abendessen kamen die Freunde zu Besuch. Brumm hatte angekündigt, gleich nach dem Essen eine selbst geschriebene Weihnachtsgeschichte vorzulesen. Natürlich handelte die Geschichte von ihrer Reise in die Menschenwelt, um das Geheimnis der kratzigen Luft zu enthüllen. Der Bär beschrieb das Abenteuer ausführlich und an vielen Stellen mussten die Freunde lachen, zum Beispiel, als Isabel Igel in die Schläuche eingewickelt werden sollte oder als die alte Frau das Gesicht eingecremt bekam.

"Das war aber auch knapp!", rief Hansi lachend. "Jeden Moment dachte ich, was, wenn sie jetzt aufwacht?"
"Oh ja!", bestätigte Kati, "das war wirklich knapp!"
Und Fred gestand, dass es ihn schon ein wenig verwunderte, dass sie so glimpflich davon gekommen waren und ihr Plan am Ende perfekt aufgegangen war. Und dann las Brumm den letzten Satz der Geschichte, in der der Bär zum Schluss traditionell seinen Freudentanz tanzte.

"Die Geschichte musst du mir unbedingt geben, damit ich sie als Buch für alle Waldbewohner veröffentlichen kann", bat Isabel Igel den Bären. Doch Kati hatte eine bessere Idee. "Nicht als Buch, liebe Isabel. Veröffentliche die Geschichte doch besser auf deinem Internetblog. Dann müssen keine Bäume für das Papier gefällt werden."

Und so saßen sie noch bis tief in die Nacht und genossen die Wärme und die Herzlichkeit ihrer kleinen Gemeinschaft. Das Eichhörnchen servierte Kakao und Tee und weil Brumm so drängelte, gab Kati auch ihre leckeren Haselnussplätzchen frei, die eigentlich für die Silvesterfeier gedacht waren.
"Oh, sind die lecker", jubelte der Bär und gab seinem lieben Eichhörnchen zärtlich ein Küsschen auf die Stirn. "Und sie schmecken auch überhaupt nicht nach Sand", bestätigte Schafi, gab aber zu bedenken, dass er Kekse in der Geschmacksrichtung Sauerampfer sehr vermisste.

Kati kuschelte sich eng an ihren Bären. Lange sahen sie sich verliebt und zärtlich in die Augen. "Unser erstes Weihnachtsfest als Ehepaar", flüsterte Kati ihrem Brumm ins Ohr.
"Und es werden noch ganz viele folgen", antwortete Brumm eben so leise und auf einmal empfand er ein so tiefes Glück, dass er vergnügt zu seinem ganz persönlichen Bärenfreudentanz ansetzte. Und wie wir inzwischen wissen, tat er dies nur, wenn er außergewöhnlich glücklich war.

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