Teil 2

Die Reise zur Silbernen Tanne

© Jens Mende, 2019
Kapitel:

1

Brumm machte sich große Sorgen, denn Kati, sein liebes kleines Eichhörnchen, hatte seit Wochen schon dolles Bauchweh und wollte gar nichts mehr essen. Inzwischen war sie immer dünner geworden und einmal hätte der Wind sie beinahe von einem Ast geweht, so leicht war sie schon! Und so fröhlich wie sonst war Kati auch nicht mehr! Und weil der Bär sich keinen Rat wusste, bat er Dr. Uhu zum Hausbesuch in den Kobel.

Dr. Uhu hatte das kleine Eichhörnchen gründlich untersucht und viele Fragen gestellt, aber er konnte die Ursache für Katis Krankheit nicht finden. Sie sollte sich schonen und jeden Tag viel von dem ekligen Magentee trinken.
Schonen, das bedeutete, Kati musste sich viel ausruhen. Also saß sie oft in ihrem Schaukelstuhl und las ein bisschen oder sie lag in ihrem kleinen Bett und versuchte zu schlafen. Und weil sie sich schonen musste, durfte sie auch nicht mehr die leckeren Nusstorten und Honigkuchen für Brumm backen. Und weil es Kati nicht gut ging und sie nicht mehr so fröhlich war wie sonst und es nun auch keine leckeren selbstgebackenen Nusstorten mehr gab, ging es dem Bären inzwischen auch nicht mehr so gut.

Überhaupt fand der Bär das sehr komisch, dass es ihm schlecht ging, weil seine Kati krank war. Normalerweise ging es ihm nur schlecht, wenn niemand Schokoladenpudding für ihn kochte oder er zu viel vom leckeren Schokoladenpudding genascht hatte. Aber jetzt war er traurig, wenn das kleine Eichhörnchen traurig war. Und er bekam ein bisschen Bauchweh, wenn seine Kati über Bauchweh klagte. Das war schon sehr seltsam und schwer zu verstehen für einen Bären, dessen Lebensinhalt normalerweise darin bestand, zu Essen, sich auf das nächste Essen zu freuen, zu schlafen und nach dem schlafen hungrig aufzuwachen und wieder zu Essen.

Brumm war darüber so verwirrt, dass er sogar Fred den Fuchs, mit dem er nun schon seit einem Jahr, seit dem gemeinsamen Aufklären des großen Nusstortendiebstahls, eng befreundet war, um Rat fragte. Na ja, nicht richtig. Der Bär druckste ewig herum, bis dem Fuchs schließlich der Geduldsfaden riss: "Brumm, nun sag schon, was du willst!"
Verlegen schaute der Bär auf den Boden und fragte mit leiser Stimme, ob er sich vielleicht angesteckt haben könnte und nun auch krank sei, weil er sich schlecht fühlte, wenn es dem kleinen Eichhörnchen nicht gut ging. Da lachte der Fuchs und beruhigte seinen zotteligen Freund: "Nein, du großer dummer Bär, du bist nicht krank. Wie ich dir bereits im letzten Jahr gesagt habe: Du bist verliebt! Es ist zwar sehr selten, dass ein Bär sich ausgerechnet in ein Eichhörnchen verliebt, aber beim Schwanze meines Großvaters, es gibt nichts, was es nicht gibt. Also sei unbesorgt, du bist kerngesund!"

So manche Nacht lag Brumm nun wach und überlegte, wie er seinem lieben Eichhörnchen helfen konnte, dass es schnell wieder gesund würde. Gern würde er seiner Kati eine Freude bereiten, denn es war viel schöner, wenn er mit ihr lachen und herumalbern konnte. Und dann hatte Brumm eine Idee.

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2

Weil der Bär das kleine Eichhörnchen so lieb hatte, wollte er ihm eine Freude bereiten. Am nächsten Tag, gleich nach dem Mittagessen - Kati hatte wie so oft lustlos an einer gekochten Mohrrübe herum geknabbert und sich dann zum Mittagsschlaf in ihr Bett gelegt - machte sich der Bär auf den Weg zum Waldrand. Gern wäre er ja zur großen Wiese gegangen, um Blumen für das kranke Eichhörnchen zu pflücken, denn Blumen liebte seine Kati sehr. Doch leider wuchsen kurz vor Weihnachten im Wald keine Blumen mehr.

So fasste Brumm einen anderen Plan: Er würde aus Tannenzapfen kleine Puppen basteln, mit denen er Kati lustige Geschichten vorspielen konnte. Das würde sie bestimmt freuen und ihr die Zeit ein wenig vertreiben und außerdem würde es sie von ihrem Bauchweh ablenken. Also setzte sich der Bär die dicke Wollmütze, die ihm Kati gestrickt hatte, auf den Kopf und machte sich auf den Weg.

Ein wenig missmutig blinzelte Brumm in den trüben Himmel. Die Sonne war nur noch ein verwaschener Fleck zwischen den Wolken und wärmte nicht mehr. Schnuppernd atmete der Bär die kalte Winterluft ein.
Er hatte sich so sehr auf diese Jahreszeit gefreut. Auf Weihnachten und die Plätzchen, die Kati für ihn backen würde. Auf das Kuscheln im Kerzenschein. Auf das Schlittenfahren mit dem kleinen Eichhörnchen und außerdem wollten sie ja noch den größten Schneemann der Welt bauen. Dafür wollte der Bär sogar auf seinen Winterschlaf verzichten, um mit seiner Kati einen glitzrig-schönen Winter zu verbringen. Aber nun war das kleine Eichhörnchen krank und die kalte Jahreszeit war gar nicht mehr glitzernd, sondern einfach nur kalt und langweilig, brumm!

Am Waldrand wusste der Bär eine Stelle, wo er unter dem frisch gefallenen Schnee noch viele Tannenzapfen finden würde. Und richtig, es dauerte nicht lange, da hatte der Bär die Stelle erkannt und begann unter der dünnen Schneedecke nach den Zapfen zu tasten.
"Was machst du denn da?", fragte neugierig eine Stimme von oben. Brumm sah hinauf und erkannte Erika Elster, die ihn auf dem Ast einer Fichte sitzend beobachtete. Ach, die Elster, dachte Brumm. Das geht dich zwar nichts an, aber ich will höflich sein.
"Ich sammle Tannenzapfen, um daraus kleine Puppen für Kati zu basteln", antwortete Brumm.
"Ach wie süß", staunte die Elster, "ich wusste gar nicht, dass Kati noch mit Puppen spielt!"
"Nein, nicht für Kati zum spielen. Ich will mit den Puppen Geschichten für Kati spielen, damit sie ein wenig abgelenkt wird, weil sie doch jetzt so dolle krank ist und vielleicht freut sie sich dann und wird schnell wieder gesund", erklärte der Bär. Und weil Erika Elster ihn verständnislos von oben anschaute, erzählte Brumm, wie krank die kleine Kati gerade war.

"Du bist dir sicher, dass sie nicht vergiftet wurde? Frag doch mal den Fuchs, der überführt doch angeblich jeden Täter", antwortete Erika mit spitzer Zunge. "Hat sich noch niemand gefragt, wie er das macht? Manchmal denke ich, der Fuchs inszeniert die Fälle nur, um sie dann mit großem Tamm Tamm zu lösen. Da müsste mal jemand genauer hinschauen! Na egal, ich muss jetzt weiter", plapperte die Elster ohne Punkt und Komma und schwupps - flog sie davon. Der Bär sah ihr kurz verständnislos nach, dann grub er zwei Tatzen voll Tannenzapfen aus dem Schnee und machte sich auf den Heimweg.

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3

Brumm hatte Tannenzapfen aus dem Wald geholt. Nun versuchte er daraus Puppen für Kati zu basteln, aber ach! Der Bär kam nicht voran.
"Hm", dachte Brumm überrascht, "das ist ja viel schwerer als erwartet!" Ratlos stand er in seiner Höhle und betrachtete abwechselnd erst seine Pfoten und dann die Zapfen. Er hatte eine klare Vorstellung davon, wie die Puppen für seine Kati aussehen sollten. Aber seine Tatzen schienen für eine solch filigrane Aufgabe einfach nicht geschaffen zu sein, brumm! Die eigneten sich prima zum Fische fangen und zum Honig schlecken - aber kleine Puppen aus Tannenzapfen basteln? Brumm verschnaufte ein wenig und aß zum Trost ein paar Kekse mit Schokolade. Das machte ihn müde und ehe er es sich versah, war der Bär an seinem Tisch eingeschlafen.

Zur selben Zeit erwachte das kleine Eichhörnchen von seinem Mittagsschlaf. Im Bäuchlein grummelte es wieder ganz fürchterlich. Kati bereitete sich einen Magentee, doch der brachte auch keine Linderung. Sie beschloss, hinüber zu Brumm zu gehen. Vielleicht würde er sie ein bisschen ablenken können, so dass sie nicht mehr so doll ihre Bauchschmerzen spürte.

In ihren dicken Schal gewickelt, die Bommelmütze auf dem Kopf, verließ sie ihren Kobel und überprüfte zunächst, ob ihr Gefahr drohte. Sie schnupperte in die kühle Dezemberluft - nein, alles in Ordnung. Kein Feind, der in der Nähe des Kobels seine Duftspur hinterlassen hatte. So hüpfte sie vorsichtig von Ast zu Ast und landete mit einem eleganten Sprung direkt vor Brumms Tür.

Sie hörte den Bären schnarchen. Da hält er wohl auch noch Mittagsschlaf, wunderte sich Kati und betrat ohne zu klopfen die Höhle. Huch, dachte sie und erschrak. Was für ein Chaos!
Inmitten von Tannenzapfen und allerlei Werkzeugen saß Brumm am Tisch und schlief. Was hat er denn jetzt wieder vor, dachte Kati und kicherte. Sie hüpfte zum Tisch und schwupps landete sie auf der rechten Schulter des Bären. Sie kicherte leise und kitzelte Brumm mit ihrem buschigen Schwanz im Gesicht.
Schlaftrunken schimpfte der Bär etwas unverständliches, dann nieste er und erwachte. Blitzschnell hüpfte Kati auf den Tisch zurück und sah den Bären fragend an: "Was hast du denn mit den Tannenzapfen vor? Willst du eine Eichhörnchenfutterstelle bauen?"

Der Bär kam langsam zu sich. "Wie? Nein... Ich wollte... also ich will, aber es geht irgendwie nicht, brumm!"
"Aha", sagte das Eichhörnchen und lachte. "Und was genau soll das werden?" Sie deutete auf das Chaos in seiner Höhle.
"Na ja", sagte Brumm und begann ihr von seiner Idee zu erzählen. Dass er sie überraschen und eine Freude machen wollte. Und ihr mit den selbst gebastelten Puppen kleine Geschichten vorspielen wollte, damit sie sich freut und schnell wieder gesund wird. "Weil ich dich doch so lieb habe", schloss der Bär seine Erklärung.

"Ach mein lieber Brumm", sagte Kati und umfasste mit ihren Pfötchen zärtlich den zotteligen Kopf des Bären und gab ihm ein Küsschen auf die Nase. "Wir könnten die Puppen gemeinsam basteln und dann denken wir uns zusammen Geschichten aus, ja?"
"Oh ja", stimmte Brumm begeistert zu. "Dann bauen wir eine Bärenpuppe und eine Eichhörnchenpuppe mit sooooo einem buschigen Schwanz und die beiden haben sich lieb und erleben viele spannende Abenteuer!"
"Das klingt schön", stimmte Kati zu, "aber zuerst müssen wir das Chaos hier aufräumen und dann..." Erschrocken fasste sie sich an den Bauch und verzog vor Schmerz ihr Gesicht.

"Was hast du?", fragte Brumm besorgt.
"Schon wieder so dolles Bauchweh", antwortete das kleine Eichhörnchen leise.
"So geht das nicht weiter, es muss doch eine Medizin für dich geben!", schimpfte Brumm und legte Kati behutsam in sein Bett. Dann rief er Dr. Uhu an. Hausbesuch, dringend!

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4

Dr. Uhu war ratlos.
Er saß an Brumms Bett und untersuchte das kleine Eichhörnchen gründlich, konnte aber die Ursache für Katis Bauchweh nicht finden. So gab er ihr etwas zum Schlafen und beriet sich mit Brumm.

"Je länger ich darüber nachdenke, mein lieber Brumm, um so ratloser werde ich", sagte Dr. Uhu. "Ich weiß nicht, an welcher Krankheit das kleine Eichhörnchen leidet. Aber ich kann mich noch an einen ähnlichen Fall erinnern, das war vor vielen, vielen Jahren. Damals half eine ganz besondere Medizin, etwas, dass die Menschen Antibiotikum nennen. Ich weiß noch, dass es aus dem Saft der Zapfen der Silbernen Tanne gewonnen wird, aber ich habe es schon so viele Jahre nicht mehr benötigt, dass ich gar nicht mehr weiß, wo die Silberne Tanne steht."

Fred, der Fuchs, der inzwischen auch in Brumms Höhle gekommen war, um seinem Freund beizustehen, nickte zustimmend. "Als ich noch ein kleiner Fuchs war, hatte mir mein Großvater die Geschichte von Ludwig Lux erzählt, der schwer erkrankt war und den man mit dem Saft aus den Zapfen der Silbernen Tanne geheilt hatte. Aber leider wohnt die Familie Lux schon sehr lange nicht mehr in unserem Wald, sonst hätten wir sie fragen können."
Brumm machte ein trauriges Gesicht. "Was können wir nur tun?", murmelte er vor sich hin.

"Beim Schwanze meines Großvaters!", rief da der Fuchs plötzlich. "Wir berufen eine Versammlung mit allen Tieren des Waldes ein! Irgend jemand muss doch den Weg zur Silbernen Tanne noch kennen!"
Gesagt, getan! Dr. Uhu und Fred, der Fuchs, sagten allen Tieren Bescheid, während Brumm seine Höhle aufräumte und Kati bewachte, die sehr unruhig in seinem großen Bett schlief.

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5

Nach dem Abendessen fanden sich alle Tiere des Waldes auf der großen Lichtung ein. Eine nervöse Spannung lag über dem Platz. Vor allem die älteren unter den Waldbewohnern wussten, dass etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein musste. Es fiel ihnen schwer, sich daran zu erinnern, wann die letzte Versammlung dieser Art stattgefunden hatte.

Isabell Igel, die Reporterin der Waldzeitung, sprach mit aufgeregter Stimme in ihr Diktiergerät: "Neben mir steht nun der Rektor unserer Walduniversität, Prof. Richard Rabe. Was glauben Sie ist der Grund für diese kurzfristig einberufene Konferenz?"
Der Professor meinte, sich an einen Fall erinnern zu können, der schon viele Jahre zurück lag, da betrat Fred, der Fuchs, die große Lichtung und bat um Ruhe. Sofort verstummte das aufgeregte Geflüster der Waldtiere.

Mit wenigen Worten erzählte der Fuchs von Katis Erkrankung und dass das kleine Eichhörnchen nun die Hilfe aller benötige. Deshalb hätten er und Dr. Uhu die Waldbewohner an diesen Platz gebeten. Und Dr. Uhu ergänzte: "Kann sich noch jemand von euch an die Familie Lux erinnern? Es ist schon viele Jahre her, da erkrankte der kleine Ludwig Lux und benötigte Medizin, die aus den Zapfen der Silbernen Tanne hergestellt wurde. Diese Arznei könnte unserer Kati helfen, wieder gesund zu werden. Aber wir kennen leider niemanden, der den Weg zur Silbernen Tanne noch weiß."

Ratlos schauten sich die Tiere um; aufgeregt tuschelten sie miteinander. Die älteren konnten sich noch an die Familie Lux und den kleinen Ludwig erinnern. Aber der Weg zur Silbernen Tanne?
Opa Hirsch, der ein wenig schwerhörig war, erkundigte sich: "Was ist mit der wildernden Wanne?" Alle lachten und Sebastian Spatz berichtigte: "Silberne Tanne, Opa Hirsch, sil-ber-ne Tan-ne."
"Ah, die Silberne Tanne. Ja, und was ist mir ihr?"
"Ob du jemanden kennst, der den Weg dahin weiß", wiederholte Isabell Igel die Frage noch einmal.
"Nein, ich verbrenne niemandem den Schweif", widersprach Opa Hirsch.
"So schön", rief der freche Spatz und hielt sich dabei den Bauch, so doll musste er lachen. "Gespräche mit Opa Hirsch sind sooo schön! Ich liebe das!"

In das Gelächter der umstehenden Waldbewohner wiederholte Isabell Igel ihre Frage noch einmal und diesmal schien Opa Hirsch sie verstanden zu haben. "Sag das doch gleich, dass du jemanden suchst, der den Weg zur Silbernen Tanne weiß." Und während das Gelächter um ihn herum immer leiser wurde, sprach der Alte weiter: "Ich kenne den Weg zur Silbernen Tanne."
Ungläubige Stille. Aufgeregt rief Fred, der Fuchs: "Kein Quatsch, du kennst den Weg?"

"Ja", sagte Opa Hirsch, "ich habe damals die Zapfen von der Silbernen Tanne für den kleinen Ludwig geholt. Ich war noch ein junger Hirsch, stark und wagemutig, und das musste ich auch sein, denn der Weg dahin war gefährlich und voller Abenteuer und..."
"Na klar!", erinnerte sich jetzt auch Dr. Uhu wieder, "du hast mir damals die Zapfen gebracht, aus denen ich die Medizin für den kleinen Ludwig gemacht hatte."
"Ja, das war ich", bestätigte Opa Hirsch mit stolzer Stimme. "Das war kein Spaziergang, wenn ich so zurück denke, dann..."
"Warte", fiel ihm der Fuchs ins Wort. "Wir gehen jetzt zu Brumm und besprechen dort alles weitere."

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6

Opa Hirsch genoss es sehr, von seinem Abenteuer von vor vielen Jahren zu berichten und alle hörten interessiert zu: Dr. Uhu, Fred der Fuchs, Kati und Brumm. Sie saßen an dem großen, schweren Tisch in der Mitte von Brumms Küche und tranken Holunderwein und Kamillentee.
Fred zeichnete aus der Erinnerung des alten Hirschs eine Karte, die den Weg zur Silbernen Tanne beschrieb. Je genauer sich Opa Hirsch an Details erinnern konnte, um so unruhiger wurde Kati. Es schien eine sehr gefährliche Reise zu sein. Doch wer sollte die Gefahr auf sich nehmen, die Zapfen der Silbernen Tanne für sie zu holen?

"Ich", sagte Brumm ohne zu zögern.
Das kleine Eichhörnchen machte ein bedenkliches Gesicht. "Das ist lieb von dir, aber ich mache mir Sorgen." Sie wandte sich an die anderen Tiere am Tisch: "Ihr wisst doch, wie tapsig Brumm manchmal ist. Ständig verläuft er sich im Wald..."
"Ich kann dich hören", wandte Brumm ein.
"Entschuldige bitte", sagte Kati. "Ich meine das nicht böse. Aber für einen Bären hast du ein bemerkenswert schlechtes Orientierungsvermögen." Betreten sah der Bär zu Boden.
"Außer, du hast für ihn gekocht, dann findet Brumm den Weg nach Hause auch mit verbundenen Augen", ergänzte der Fuchs und alle mussten lachen.

"Stimmt. Jemand müsste Brumm begleiten", schlug Dr. Uhu vor. "Aber wer?"
"Ich", sagte das Eichhörnchen leise. "Schließlich bin ich es ja, die die Medizin braucht."
"Auf gar keinen Fall", widersprach Dr. Uhu sofort. "Für diese Reise bist du viel zu schwach. Du brauchst Ruhe und musst dich schonen!"
Opa Hirsch meldete sich zu Wort: "Ich würde es gern noch einmal wagen, aber leider verlassen mich nun langsam meine Kräfte. Ich bin eben kein junger Hirsch mehr", sagte er mit trauriger Stimme.
"Dann ich", bot der Fuchs an. "Ich werde gut auf meinen tollpatschigen Freund aufpassen", versprach er und boxte Brumm aus Spaß sanft in die Schulter.
"Das geht nicht", sagte Dr. Uhu. "Wir brauchen dich hier im Wald und wer weiß, wie lange du mit Brumm unterwegs wärst. Nein, das geht wirklich nicht."

"Ich möchte mit Brumm auf die Reise gehen!" Unbemerkt von den anderen hatte Hansi Hase die Höhle betreten.
Fred sah den Hasen zweifelnd an. "Du?"
"Ja, ich!", bekräftigte Hansi.
Nach der Versammlung auf der großen Lichtung hatte der Hase hin und her überlegt und sich dann ein Herz gefasst: "Ich möchte auch einmal ein Held sein! Nicht immer der Angsthase, der wegläuft! Ich bin nicht klein und schwach. Wenn es nötig ist, kann ich mich so groß machen." Und er stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte die Vorderpfötchen steil in die Höhe. "Guckt! So groß!

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7

Nun war es beschlossene Sache: Brumm und Hansi Hase würden sich gemeinsam auf den Weg zur Silbernen Tanne machen.
Vor ihnen lag eine weite Reise voller Gefahren und dem Hasen war schon recht mulmig beim Gedanken daran, an der Seite des Bären in eine ihm völlig unbekannte Gegend aufzubrechen und es war ja noch nicht einmal sicher, dass es die Silberne Tanne dort überhaupt noch gab. Vielleicht hatte sie inzwischen ein Sturm entwurzelt oder sie war einfach von den Menschen gefällt worden.

Aber der Hase gab seine Zweifel nicht preis. Er hatte sich am Abend der Zusammenkunft auf der großen Lichtung geschworen, von nun an tapfer zu sein - also war er tapfer. Und wenn er sich den Bären so besah, der hatte schon eine beeindruckende Statur, der konnte einen Hasen bestimmt beschützen, wenn es darauf ankäme.

Und auch der Bär machte sich Sorgen. Es war ein weiter Weg und wer weiß, ob der Proviant, den die Waldbewohner für die zwei Abenteurer gepackt hatten, auch reichen würde? Oder wenn sie den falschen Weg liefen, weil sich Opa Hirsch nicht richtig erinnert hatte und sie dann nicht mehr zurück fänden?
Was, wenn er sein liebes Eichhörnchen nie wieder sehen würde? Oh, bei dem Gedanken bekam Brumm ganz dolles Bauchweh, nur ein bisschen höher, so mehr beim Herzen.

Aber beim Abschied von den Tieren des Waldes lächelten beide tapfer. "Wird schon werden, macht euch keine Sorgen", sagte der Hase mit fester Stimme.
"Wir sind bald wieder zurück", versprach der Bär und umarmte noch einmal ganz vorsichtig sein liebes Eichhörnchen. Kati küsste ihn zärtlich auf die Stirn und flüsterte ihm ins Ohr: "Pass gut auf dich auf und komm' gesund zurück!"
Da hatte Brumm einen ganz dicken Klos im Hals. Er nickte tapfer und machte sich mit dem Hasen auf den Weg zur Silbernen Tanne.

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8

Vor drei Tagen waren Brumm und Hansi Hase aufgebrochen. Frohen Mutes und mit tapferen Schritten folgten sie dem Weg auf der Karte, die Fred der Fuchs für sie nach Opa Hirschs Erinnerungen gezeichnet hatte.

Der Hase achtete penibel darauf, dass sie nicht vom Weg abkamen. Regelmäßig verglichen sie die Strecke mit der Karte; Fred hatte, so gut es eben ging, markante Punkte eingetragen, anhand derer sich die beiden auf dem Weg zur Silbernen Tanne orientieren konnten. Aber wer wollte mit Gewissheit sagen, dass Opa Hirschs Wegbeschreibung stimmte oder ob sich sein Abenteuer als junger Hirsch im Lauf der Jahre in seinen Erinnerungen nicht verklärt hatte?
Der Fuchs nannte das beim Zeichnen der Karte ein "Restrisiko" und gegebenenfalls müssten sie dann eben improvisieren. Der Hase und der Bär hatten genickt. Aber was "im-pro-mit-tie-ren" oder so ähnlich bedeutete, wussten sie beide nicht.

Inzwischen waren sie ein eingespieltes Team: Der Bär lief im tiefen Schnee voran und bereitete mit seinen Tatzen die Bahn für den Hasen, dem es schwerfiel, den ganzen Tag durch den Schnee zu laufen. Überhaupt legte der Bär ein Tempo vor, als ginge es darum, den olympischen Marathon zu gewinnen!
Aber immer, wenn der Hase müde wurde, zeigte Brumm Verständnis. Dann durfte Hansi auf dem Rücken des Bären reiten und sich ein wenig ausruhen. Der Hase kuschelte sich in das weiche Fell seines neuen Freundes und träumte ein bisschen vor sich hin, während der Bär in einem gleichmäßigen Rhythmus durch die inzwischen fremde Gegend lief. Wenn er sich ein wenig ausgeruht hatte, sang Hansi Lieder und der Bär fühlte sich bestens unterhalten.

Brumm war sehr beeindruckt! Der Hase hatte eine tolle Stimme. Und wie viele Lieder der kannte! Der Hase antwortete lächelnd auf das Kompliment des Bären: "Na ja, sing du mal Abend für Abend sechs bis acht Hasenkinder in den Schlaf! Und das jahrein, jahraus. Dann würdest du auch ganz viele Lieder kennen."

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9

Brumm und Fred hatten vereinbart, dass der Fuchs für die Zeit der Abwesenheit des Bären in Brumms Höhle wohnen sollte. Wie richtig diese Entscheidung war, sollte sich alsbald herausstellen.
Fred war also in Katis Nähe und konnte sich besser um das kranke Eichhörnchen kümmern. Das beruhigte Brumm schon sehr zu wissen, dass der kluge Fuchs auf sein liebes Eichhörnchen aufpassen würde.

Auch Dr. Uhu sah täglich nach Kati, aber ihr Zustand verbesserte sich einfach nicht! Die Bauchschmerzen wollten und wollten nicht vergehen. So verbrachte sie die Tage in ihrem Schaukelstuhl sitzend, trank Magentee und schonte sich, so gut es eben ging. Dabei hätte sie soviel zu tun gehabt! Bald war Weihnachten und sie wollte ihren Kobel und Brumms Höhle festlich schmücken und Stollen und Plätzchen mit Schokolade backen, die mochte der Bär so sehr. Aber sie fühlte sich mit jedem Tag schwächer und müder.
"Hoffentlich sind Brumm und Hansi bald mit den Zapfen der Silbernen Tanne zurück!", murmelte Dr. Uhu sorgenvoll vor sich hin, während er seinen Arztkoffer wieder einräumte, nach dem er Kati in ihrem Kobel untersucht hatte.

Zur selben Zeit erreichte ein Tier den Wald, das lange Zeit hier schon nicht mehr gesehen wurde. Es hatte ihn auch niemand vermisst, denn er war ein ganz übler Bursche und bei den Bewohnern des Waldes wirklich nicht beliebt.
Vor Jahren hatte er die Eier von Frau Amsel aus dem Nest gestohlen und ein kleines Hasenkind hatte er sich auch geholt. Er war ein sehr unangenehmer Mitbewohner und die Tiere des Waldes atmeten erleichtert auf, als man seinen Diebstählen und Gaunereien damals endlich auf die Schliche kam und ihn die Polizei ins Gefängnis sperrte.

Nun war Matti Baummarder die Flucht gelungen und nichts hatte er in all den Jahren im Gefängnis so vermisst wie einen leckeren, ganz zarten Eichhörnchenbraten.
Witternd streckte er seine Nase in den Wind. Da! Kein Zweifel, nicht weit von hier musste ein Kobel sein. Im Schutz der einbrechenden Dämmerung machte er sich auf den Weg.

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10

Der Bär und der Hase gelangten an eine tiefe Schlucht, über die ein Baumstamm führte. Hansi sah in der Karte nach. Er drehte sie, richtete sie nach dem Sonnenstand aus und schaute sich prüfend im Gelände um.
"Hm, stimmt. Wir sind richtig. Nur dass nach Opa Hirsch hier eine Brücke auf die andere Seite führen müsste."
"Ich sehe keine Brücke", sagte zweifelnd der Bär. "Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?"
"Doch, guck!", wies der Hase auf die Zeichnung. "Hier sind wir entlang des Flusses gelaufen, da ist die Schlucht und von dort drüben kann es dann gar nicht mehr weit sein bis zur Silbernen Tanne", erklärte der Hase. Er betrat den Baumstamm und hatte keine Mühe, hoppelnd die Schlucht zu überqueren. Nach fünf, sechs kräftigen Sprüngen erreichte er die andere Seite.

Der Bär betastete unterdessen prüfend den Stamm mit seinen Tatzen. Ängstlich schaute er in die Tiefe.
Da unten tobte wild der Fluss. Spitze Steine ragten aus dem Wasser. Wenn ich da hinunterfalle... Oh, war dem Bär mulmig zumute. Was, wenn er vom Baumstamm abrutschte? Der war mit einer dünnen Eisschicht überzogen und bot den großen Tatzen des Bären nur wenig Halt.

Brumm versuchte, tapfer zu sein. Zögernd betrat er den Baumstamm. Ein Schritt, noch ein Schritt. Er schaute nach unten und plötzlich wirkte der Abgrund noch viel tiefer. Abrupt blieb der Bär stehen.
"Sieh nicht nach unten! Brumm, schau zu mir!" rief der Hase dem Bären zu, der am liebsten umkehren wollte. "Brumm, du schaffst das!", ermunterte Hansi den Bären.
"Ich hab Angst!", rief der Bär verzweifelt.
"Na und", antwortete der Hase, "Angst zu haben ist keine Schande. Du musst sie nur überwinden!", versuchte er den Bären zu motivieren.

Wieder sah der Bär ängstlich nach unten. Dann hinüber zu anderen Seite der Schlucht, wo der Hase auf ihn wartete. Der Weg dahin erschien dem Bären endlos weit.
"Weißt du was? Du zählst jetzt laut jeden Schritt, den du auf dem Baumstamm zurücklegst", schlug der Hase ein Spiel vor, um den Bären von seiner Angst, in die Tiefe zu stürzen, abzulenken.
"Na gut", stimmte Brumm zögernd zu und bewegte vorsichtig seine rechte Vorderpfote ein Stück nach vorn.
"Eins", zählte Brumm. Jetzt die linke Pfote. "Zwei."
Das rechte Bein. "Drei." Das linke Bein. "Vier."
"Gut so, mach weiter!", feuerte ihn der Hase an.
Der Bär machte einen weiteren vorsichtigen Schritt. "Fünf." Und blieb wieder stehen.

"Was ist?", fragte Hansi.
Verlegen schaute der Bär den Hasen an: "Ich kann nur bis fünf zählen."
"Oh!", staunte Hansi. Das hatte er jetzt nicht erwartet.
"Na gut, kein Problem", sagte der Hase nach einer kurzen Zeit des Nachdenkens. "Dann müssen wir jetzt eben - wie hatte Fred gesagt? - im-pro-mit-tie-ren", schlug er vor. "Du gehst vorsichtig weiter über den Baumstamm und ich zähle für dich, ja?"

Der Bär nickte und tastete sich weiter vorsichtig und Schritt für Schritt voran. Derr Hase zählte laut jeden Schritt des Bären und feuerte ihn an: "Das machst du toll, gleich hast du es geschafft - nein, nicht nach unten sehen! Sieh mich an!", dirigierte Hansi den Bären über den rutschigen Baumstamm.
Und dann hatte Brumm endlich die andere Seite der Schlucht erreicht. Erst jetzt bemerkte er, wie sehr er am ganzen Körper vor Angst und Aufregung zitterte. Doch er hatte nicht einfach nur die Schlucht überquert, sondern mit Hilfe des Hasen auch seine Angst besiegt.
Ha, dachte der Bär. Wenn mich jetzt meine Kati sehen könnte, brumm!

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11

Kein Zweifel, hier musste es sein! Der Baummarder legte sich zufrieden auf die Lauer. Da vorn in dem Baum hatte er einen bewohnten Kobel ausgemacht. Oh, es roch verführerisch nach Eichhörnchen!

Der Räuber war den ganzen Tag gelaufen und nun dämmerte bereits der Abend. In Erwartung einer leckeren Mahlzeit lief dem Marder das Wasser im Maul zusammen. Jetzt musste er nur noch warten, bis das Eichhörnchen seinen Kobel verließ, um aus seinen Vorräten am Waldboden neue Nahrung zu besorgen. Im schlimmsten Fall musste der Marder sich bis zum nächsten Tag gedulden, aber das war es Wert - Eichhörnchenbraten!

Der Baummarder sah sich um und stutzte. Was war das? Keine fünf Meter neben dem Baum, in dem das Eichhörnchen wohnte, entdeckte er eine Höhle. Der Größe der Eingangstür nach zu urteilen, wohnte dort ein Bär. Das hat mir gerade noch gefehlt, dachte der Räuber grimmig. In dem Augenblick öffnete sich die Tür und heraus trat - ein Fuchs! Was zum Geier?!
Der Baummarder war jetzt doch ein wenig verwirrt. Wieso wohnte da ein Fuchs in einer Bärenhöhle? Hatte er den Bären etwa verjagt, um sich dessen Höhle anzueignen? Das wäre ja ein starkes Stück!

Unterdessen stand Fred vor Katis Baum und betätigte die Klingel. Wenig später sah das Eichhörnchen aus seinem Kobel.
"Wer ist da?", fragte sie in die Dunkelheit.
"Hey meine Gute", rief der Fuchs nach oben, "ist alles in Ordnung bei Dir?"
"Na ja, geht schon", antwortete das Eichhörnchen. "Ich habe meinen Magentee getrunken und gehe jetzt schlafen."
"Das ist gut", zeigte sich der Fuchs beruhigt. "Dann schlaf gut und bis morgen früh!"
"Bis morgen früh!", rief das Eichhörnchen dem Fuchs nach und verschwand wieder in ihrem Kobel.

Der Baummarder sah dem Fuchs nach, der zurück in die Bärenhöhle ging.
Dann kam dem Räuber eine Idee. Er duckte sich noch tiefer in seinem Versteck und überdachte seinen Plan. Sichernd sah er sich um, dann verließ er seine Deckung und lief hinüber zu Katis Baum.
Der Räuber klingelte und wartete.

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12

Gerade war Kati eingeschlafen, da klingelte es wieder an ihrer Tür.
Wer kann das denn sein um diese Uhrzeit, dachte sie schlaftrunken und stand auf. Sie öffnete ein Fenster und fragte mit müder Stimme: "Wer ist da?"
Der Baummarder verstellte seine Stimme und versuchte wie der Fuchs vorhin zu klingen: "Hey meine Gute, ich kann nicht einschlafen und möchte einen kleinen Spaziergang mit dir machen. Kommst du runter?"

Kati konnte die Stimme nicht erkennen. Ein wenig klang es wie Fred, aber nie im Leben würde der Fuchs sie wecken, um mit ihr einen Spaziergang durch den nächtlichen Wald zu unternehmen!
"Wer ist denn da?", fragte sie noch einmal.
"Ich, der Fuchs", rief der Baummarder und gab sich die allergrößte Mühe, wie der Fuchs zu sprechen.
"Pieps? Pups? Seid ihr das? Lasst den Quatsch und geht nach Hause, es ist schon lange Schlafenszeit!", rief Kati nun verärgert in die Dunkelheit. Sie vermutete, dass die Mäusezwillinge ihr einen Streich spielen wollten.
Sie schloss das Fenster und legte sich wieder ins Bett. Aber einschlafen konnte sie nicht gleich wieder.

"Mist!", dachte der Baummarder verärgert, als es ihm nicht gelang, das Eichhörnchen aus seinem Kobel zu locken.
"Aber morgen ist ja auch noch ein Tag!", dachte er und ging zurück in sein Versteck und versuchte, so gut es eben ging, Schutz vor der Kälte zu finden. Beunruhigt bemerkte Matti, dass sich ein heftiger Schneesturm ankündigte.

Kati lag in ihrem Bettchen und dachte an Brumm. Wo er wohl jetzt ist? Ob er auch gerade an sie dachte? In die Sehnsucht mischte sich die Sorge um ihren Brumm.
Hoffentlich findet er einen Unterschlupf, in welchem er und der Hase in Sicherheit das Ende des Schneesturms abwarten konnten.
Dann glitt sie hinüber in einen unruhigen Schlaf.

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13

Die beiden Freunde hatten noch immer keinen Unterschlupf für die Nacht gefunden. Den ganzen Tag schon waren sie auf den Beinen und so langsam spürten sie ihre Kräfte schwinden.

Nun befanden sie sich mitten im Sturm. Sie liefen so schnell sie noch konnten durch den Wald und stemmten sich mit letzter Kraft gegen das Unwetter. Der Wind peitschte ihnen die Schneeflocken ins Gesicht, dass es schmerzte. Die Augen zusammengekniffen, bahnte sich Brumm den Weg, dicht gefolgt vom Hasen, der im Windschatten des Bären immer noch so viel vom Sturm abbekam, dass ihm die Ohren am Kopf wie kleine Fahnen im Wind flatterten.

In das Pfeifen und Jaulen des Sturms mischten sich nun Laute, die Hansi Hase zu kennen glaubte. Es klang wie das mehrstimmige Heulen eines hungrigen Wolfsrudels.
"Brumm, hörst du das auch?", fragte der Hase mit Angst in der Stimme.
"Ja", antwortete der Bär. Und es kommt näher, dachte er beunruhigt. Instinktiv lief der Bär jetzt schneller, doch sofort meldete sich der Hase: "Brumm, ich kann nicht mehr so schnell. Ich bin sehr müde und habe großen Hunger!"

"Hansi, wir müssen weg hier. Raus aus dem Sturm und weg aus diesem Wald, ganz schnell! Spring auf meinen Rücken und halte dich gut fest. Ich trage dich wieder ein Stück."
Dankbar sprang der Hase auf Brumms Rücken und kuschelte sich erschöpft in das Fell seines starken Freundes, der nun seine letzten Reserven mobilisierte und im wilden Galopp vorwärts jagte. Im dichten Flockenwirbel war der Weg kaum noch zu erkennen; da vorn schien er nach links abzubiegen. Und das Heulen kam immer näher.

Als Brumm sich wenige Augenblicke später umdrehte, schien sein Herz für eine Sekunde auszusetzen: Er sah drei Wölfe, die nur noch wenige Meter von ihm entfernt waren. Gleich haben sie uns, dachte Brumm erschrocken. Abrupt bremste er ab, dass der Schnee unter seinen Vorderpfoten wie wild tanzte. Der Bär drehte sich um und wusste, dass er nun um sein und um das Leben des Hasen kämpfen musste. Sichernd sah er sich um.

Einer der Wölfe, wohl der Anführer der drei, sagte, nach der Hetzjagd noch heftig nach Atem ringend: "Hallo Bär, machen wir es kurz: Gib uns den Hasen und dir wird nichts passieren!"

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14

Nun hatten die drei Wölfe Brumm eingekreist.
Sie waren im Unwetter den Fährten der beiden Abenteurer gefolgt. Lauernd fokussierten sie nun den Bären, auf dessen Rücken sich der Hase festgekrallt hatte. Die Wölfe waren hungrig und würden sich fürs erste mit dem Hasen begnügen.

Der Anführer wiederholte seine Forderung: "Na los, Bär! Gib uns den Hasen und wir lassen dich laufen!"
Brumm schwieg.
"Na?!", fragte der Wolf drohend.
"Ich überlege noch", antwortete der Bär und dem Hasen auf Brumms Rücken rutschte das Herz in die Hose. Der Bär wird doch nicht etwa...
Seinem Fluchttrieb folgend, ließ Hansi los und wollte gerade von Brumms Rücken fliehen, da befahl der Bär: "Hase, du bleibst hier!"
Und an die Wölfe vor ihm gewandt: "Ihr wollt den Hasen? Dann müsst ihr erst mich besiegen!"

"Okay Bär", knurrte der Anführer der drei Wölfe, "du willst es also auf die harte Tour!"
Bedrohlich knurrend und dicht an den Boden gepresst, setzte er zum Sprung an. Hansi Hase krallte sich noch fester in Brumms Rücken und schloss vor Angst die Augen. Sein kleines Hasenherz pochte ihm im Halse und er wünschte sich ganz weit weg.

Der erste Wolf sprang den Bären an. Brumm wich dem Wolf aus und erhob sich auf seine Hintertatzen, dabei stieß er einen solch schrecklichen Schrei aus, dass der Schnee von den Bäumen fiel. Und dann ging alles ganz schnell.
Der Hase hörte einen dumpfen Schlag und gleich darauf ein Jaulen. Und noch einen Schlag und wieder ein Jaulen. Und schließlich ein Winseln, das sich schnell zu entfernen schien.

Später berichtete der Hase seinen Kindern, Brumm habe gegen die drei Wölfe so wendig, präzise und schnell gekämpft wie sein Lieblingsheld, der Kung-Fu Panda. Oh, wie Hansi diesen Film liebte! An die zwanzigmal hatte er ihn wohl schon gesehen. Und die kleinen Hasenkinder hingen an den Lippen ihres tapferen Papas, wenn er von jener Nacht während seiner Reise zur Silbernen Tanne berichtete.

Und noch in 100 Jahren werden sich die Tiere des Waldes jene Geschichte erzählen, als in der Nacht des schlimmsten Schneesturms aller Zeiten ein Bär und ein Hase auf dem Weg zur Silbernen Tanne dem Unwetter und überhaupt allen Gefahren trotzten.
Und in der Überlieferung wird es heißen, dass jener mutige Hase ein so grimmiges Leuchten in den Augen gehabt haben soll, dass sich selbst die Wölfe aus Angst vor ihm versteckten und der Bär unbehelligt zur Silbernen Tanne gelangen konnte.

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15

Endlich war der Sturm vorbei.
Kati erwachte und bemerkte die Stille vor ihrem Fenster. Das schreckliche Tosen und Heulen des Schneesturms, das nahezu die ganze Nacht vor ihrem Fenster zu hören war, war verklungen.
Sie stand auf und lüftete den Kobel. Erfreut bemerkte sie, dass sie an diesem Morgen keine Bauchschmerzen hatte und so beschloss das Eichhörnchen, sich von draußen ein paar Vorräte zu holen und dann hinüber zum Fuchs zu gehen, um mit ihm zu frühstücken.

Matti Baummarder hatte die Hölle von einer Nacht hinter sich. Im Windschatten eines Baums hatte er sich eingerollt und notdürftig Schutz vor dem Sturm gesucht, der mit brachialer Gewalt an den Ästen rüttelte und die Kronen der Bäume zauste.
Der Baummarder war von vielen Zweigen getroffen worden und hatte kaum ein Auge zugemacht. Entsprechend schlecht gelaunt und hungrig schüttelte er sich gerade missmutig den Schnee aus dem Fell, da sah er das Eichhörnchen im Baum gegenüber den Kobel verlassen.
Du kommst mir gerade recht, dachte der Baummarder erfreut. Ein bisschen mickrig war es ja, dieses Eichhörnchen, gerade zu mager, aber egal - voller Spannung beobachtete der Marder das Eichhörnchen, das arglos geradewegs auf sein Versteck zulief.

Jeder Muskel des Baummarders war gespannt - komm nur, ja, noch ein Stückchen, ja, komm nur her... Noch näher, immer näher... Gleich würde er das Eichhörnchen mit einem einzigen Sprung überwältigen können.

"Guten Morgen, Kati!", ertönte plötzlich eine tiefe Stimme.
Abrupt stoppte der Baummarder seinen Angriff und machte sich ganz klein in seinem Versteck. Auf dem Waldweg stand unvermittelt ein Hirsch, den der Marder, völlig fokussiert auf das Eichhörnchen, gar nicht herannahen sah. So ließ der Räuber zunächst von seinem Plan ab. Er konnte keine Zeugen gebrauchen und schon gar nicht den Hirsch, an den er ohnehin keine guten Erinnerungen hatte.

"Guten Morgen, Opa Hirsch", grüßte Kati zurück. "So früh schon auf den Beinen?"
"Ja, wir alten Leute brauchen nicht mehr so viel Schlaf. Wie geht es dir denn heute, liebe Kati?"
"Ich bin vorhin aufgewacht und hatte gar keine Bauchschmerzen", antwortete das Eichhörnchen fröhlich. "Das möchte ich nutzen. Ich hole nur schnell ein paar Vorräte und gehe dann zum Fuchs, um mit ihm zu frühstücken."
Und gar nicht weit entfernt vom Versteck des Marders sammelte Kati ein paar Nüsse aus einem Depot, das Brumm für sie angelegt hatte. "Es ist ganz leicht zu finden", hatte er zu ihr gesagt. "Fünf Eichhörnchensprünge vom Kobel aus in Richtung fünf Uhr."

Mit den Nüssen beladen hüpfte sie zur Tür von Brumms Höhle und verabschiedete sich von Opa Hirsch.
"Grüß Fred von mir", rief ihr der alte Hirsch noch nach und setzte dann seinen Morgenspaziergang fort.
Der Baummarder sah das Eichhörnchen in der Höhle verschwinden. Okay, dachte er, irgendwann muss es ja wieder zurück in seinen Kobel gehen und dann würde sich eine neue Chance bieten, es zu fressen.
Hungrig und frierend wartete der Marder in seinem Versteck weiter auf seinen Moment.

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16

Endlich war der Sturm vorbei. Brumm hatte für sich und den Hasen eine Höhle in den Schnee gegraben. Dort lagen sie nun eng aneinander gekuschelt und schliefen nach dieser aufregenden Nacht tief und fest.

Der Bär hatte von seinem kleinen Eichhörnchen geträumt.
Es war Sommer. Sie tobten gemeinsam über die große Wiese und die Sonne wärmte ihre Körper.
"So viele schöne Blumen!", rief das Eichhörnchen glücklich.
"Ja", brummte der Bär zustimmend, "so viele schöne Blumen!"
Zwar kannte er ihre Namen nicht, denn der Bär konnte überhaupt nur Bäume und Sträucher und Wiese unterscheiden - an Bäumen konnte er wohlig seinen Rücken kratzen, an Sträuchern wuchsen leckere Himbeeren und auf einer Wiese konnte er so schön dösen und sich den Bauch von der Sonne wärmen lassen - aber weil seine Kati ihm immer wieder geduldig die Namen einiger Blumen nannte, kannte er jetzt immer hin schon den Traubenhyazinthenschatz. Brumm wusste zwar nicht mehr, wie dieses Gewächs aussah, aber den Namen hatte er nicht vergessen. Den fand er nämlich sehr lustig.

Sie tobten über die Wiese und spielten Fangen. Dann lagen sie erschöpft im warmen Gras und blickten in den Himmel und versuchten, in den Formen der Wolken Tiere und Gegenstände zu erkennen. Das war lustig! Aber es machte auch müde und so schlief der Bär - das Eichhörnchen auf seinem Bauch - ein.

Beim Aufwachen spürte Brumm das Kitzeln von Katis buschigem Schwanz an seiner Nase. Deutlich glaubte er des Eichhörnchens Geruch wahrzunehmen. Oh, wie er diesen Duft liebte! Es roch nach Nüssen und Honig und Sonne - so roch für Brumm das Zuhause, dass er sich immer gewünscht hatte, denn dieser Geruch erinnerte ihn an seine liebe Tante Bärnadette.
Freudig schlug er die Augen auf und - erblickte Hansi Hase, der sich eng an den Bären geschmiegt hatte und ihn nun mit großen Augen ansah.

"Was ist?", fragte der Bär fast ein wenig enttäuscht, weil er nicht seine Kati, sondern den Hasen in seinen Armen hielt.
Hansi Hase blinzelte den Bären verlegen an. "Brumm? Ich habe mich noch gar nicht bei dir bedankt, dass du mich vor den Wölfen gerettet hast. Und sagst du auch niemandem, dass ich vor Angst fast in Ohnmacht gefallen wäre?"
"Schon gut", brummte der Bär. "Du hast mir ja schließlich auch über die Schlucht geholfen. Da wäre ich beinahe vor Angst in die Tiefe gefallen. Mann, war mir da mulmig zumute!"

"Niemals werde ich auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verlieren! Nein, niemals", versprach der Hase. "Dafür sind doch Freunde da", freute sich Hansi, "um sich zu helfen und zu beschützen und um Geheimnisse für sich zu behalten..."
"...und um Schokoladenpuddding miteinander zu teilen!", ergänzte der Bär. Und dann umarmten sich die beiden ganz innig und lange. Und in diesem Moment schlossen sie endgültig Freundschaft, wie noch nie ein Bär und ein Hase miteinander Freundschaft geschlossen hatten. Und beide spürten, dass diese Freundschaft für den Rest ihres Lebens dauern sollte.

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17

Da! Endlich öffnete sich die Tür der Bärenhöhle. Der Baummarder hatte voller Ungeduld auf diesen Moment gewartet, denn inzwischen war ihm eine neue, noch bessere Idee gekommen, wie er das Eichhörnchen fangen könnte.
Er verließ sein Versteck und rannte dicht geduckt und schnell wie der Wind hinüber zu Katis Baum, um sich dahinter zu verstecken. Sobald das magere Ding hinauf zu seinem Kobel wollte, würde er zuschlagen. Das Eichhörnchen würde ihm ganz sicher kein zweites Mal entwischen!

"In einer Woche ist Weihnachten", sagte Kati gerade zu Fred dem Fuchs, der mit ihr aus Brumms Höhle kam. "Hoffentlich sind Brumm und Hansi bis dahin zurück."
Wenn sie denn überhaupt unbeschadet den Weg zur Silbernen Tanne finden, dachte der Fuchs und bedauerte es inzwischen jeden Tag ein bisschen mehr, diesen lieben, aber so überaus tapsigen Bären, der nur das Fressen im Kopf hatte, gemeinsam mit einem Hasen, der sich bei der kleinsten Gefahr schon in die Hose pieselte, auf diese schwierige Mission geschickt zu haben.

"Bestimmt schaffen sie das", versuchte der Fuchs das Eichhörnchen zu beruhigen. "Noch ist ja eine ganze Woche Zeit."
Sie hatten Katis Baum erreicht. Das Eichhörnchen verabschiedete sich und kletterte behende hinauf in seinen Kobel. Der Fuchs wollte ein paar Besorgungen machen und verabschiedete sich, als er plötzlich stutzte und stehen blieb. Nanu, dachte er, ist das etwa...? Könnte das die Fährte eines Baummarders sein? Er beugte sich tief hinunter, um die Spuren im Schnee um Katis Baum herum besser inspizieren zu können.

Hm, Fred war sich nicht sicher. Dummerweise hatte er gerade jetzt seine große Detektivlupe nicht zur Hand. Das muss sich Prof. Rabe gleich mal ansehen! Der Fuchs änderte seine Pläne für diesen Vormittag und beschloss, sofort zur Universität zu gehen und Prof. Rabe von seinem Verdacht zu unterrichten.
Kati sagte er besser nichts. Er wollte sie nicht zusätzlich beunruhigen. In Gedanken versunken machte er sich auf den Weg zur Walduniversität.

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18

Puh, das war knapp!
Dem Baummarder schlug das Herz bis in den Hals, so aufgeregt war er noch. Das wäre um ein Haar schiefgegangen!

Er hatte sich hinter Katis Baum ganz klein gemacht und war schon zum Angriff bereit, da sah er, dass das Eichhörnchen vom Fuchs begleitet wurde. Zu allem übel aber wartete der Fuchs auch noch, bis das Eichhörnchen in seinen Kobel gehüpft war. Und dann schien dieser blöde Fuchs auch noch etwas bemerkt zu haben! Plötzlich besah er sich die Spuren am Baum des Eichhörnchen-Kobels und dem Marder gelang es gerade noch, vom Fuchs unbemerkt zu verschwinden, in dem er sich in eine große Schneewehe flüchtete.

Dort verharrte er und wagte sich erst nach einer halben Ewigkeit wieder heraus. Vorsichtig steckte er nun seinen Kopf aus dem Schnee und sah sich um. Der Fuchs war weg, zum Glück! Jetzt beschloss er, aufs Ganze zu gehen. Hungrig und steif vor Kälte wollte er sich nun das Eichhörnchen aus dem Kobel holen.

Der Marder stand an Katis Baum und sah hinauf. Bestimmt gute sechs Meter bis zum Eingang des Kobels, schätzte er. Schwierig, aber machbar!
Er schlug seine Krallen in das Holz und versuchte, hinauf zu klettern. Seine von der Kälte starren Pfoten gehorchten seinem Willen zunächst nur langsam und es kostete ihn große Anstrengung, den ersten Meter zu überwinden. Er merkte, dass er aus der Übung war. Schon seit Jahren hatte er kein Eichhörnchen mehr gejagt.

Langsam, aber stetig, kletterte er empor. Prüfend sah er nach oben und dann wieder zurück nach unten. Die Hälfte hatte er bereits geschafft. Das spornte den Marder an. Los jetzt, befahl er sich, hol dir das leckere Eichhörnchen! Du hast es dir verdient!
Er kletterte höher und höher hinauf und weiter und immer weiter.
Nun fehlte vielleicht noch knapp ein Meter. Der Eingang des Kobels war schon ganz nahe.

Kati wollte sich gerade ihr Mittagessen zubereiten, da bemerkte sie, dass sie die vom Frühstück übrig gebliebenen Nüsse in Brumms Höhle vergessen hatte. Also setzte sie sich die Bommelmütze auf und wickelte sich in den dicken Schal. Vielleicht ist der Fuchs ja schon zurück und wir können gemeinsam zu Mittag essen, dachte Kati arglos beim Verlassen des Kobels, als sie plötzlich einen dunklen Fleck auf sich zurasen sah.
"Ein Marder!", dachte sie entsetzt. Instinktiv sprang sie mit aller Kraft, die das kranke Eichhörnchen noch in sich trug, vom Baum und landete im weichen Schnee auf dem Waldboden.

Der Marder spürte etwas weiches in seinen Pfoten und jubelte bereits innerlich, da gewahrte er, dass er lediglich Katis Mütze erhascht hatte. Er stieß sich vom Baumstamm ab und sprang dem Eichhörnchen hinterher, landete allerdings nicht ganz so elegant wie Kati im Schnee. Au, dachte Matti, das hat weh getan! Der Räuber rappelte sich auf und jagte dem fliehenden Eichhörnchen hinterher.

In panischer Angst lief Kati um ihr Leben und erreichte Brumms Höhle. Mit letzter Kraft stieß sie die Tür auf, hüpfte so schnell sie konnte in das Schlafzimmer des Bären und versteckte sich unter Brumms großer Bettdecke.
Mit pochendem Herzen hörte sie, wie sich die Tür öffnete. Kati wagte kaum zu atmen.

Der Marder betrat zögernd die Höhle.
Ein großer Raum, in der Mitte ein sperriger Tisch, an der Wand ein Herd, darüber ein kleines rundes Fenster. Hier roch es nach Bär und ein bisschen nach Fuchs, aber nicht nach Eichhörnchen. Das verwirrte ihn.
Er hatte das Tier doch in panischer Angst in die Höhle fliehen sehen. Oder gab es vielleicht noch einen zweiten Ausgang? Der Marder sah eine weitere Tür.

Vorsichtig öffnete er sie und stand in einem Schlafzimmer. Auch hier ein rundes Fenster, umrahmt von Vorhängen mit Eichhörnchenmuster. Sein Blick fiel auf das große Bett an der Wand und ein grimmiges, wissendes Lächeln überzog sein Gesicht. Wie einfallslos, dachte er beinahe enttäuscht.

Mit einem einzigen Satz sprang er unter das Bett und - war überrascht. Hier lagen jede Menge Kekse, aber vom Eichhörnchen keine Spur. Dann vielleicht im Schrank?
Der Marder inspizierte das Möbelstück so gründlich er nur konnte, aber das Eichhörnchen fand er darin nicht.

Ratlos ließ er seinen Blick durch den Raum gleiten. Wieder starrte er das Bett an. Hatte sich das magere Ding am Ende unter die Decke geflüchtet? Er sprang auf das Bett, als er ein seltsames Gebrüll vernahm.

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19

Etwas furchtbares war geschehen! Die Karte, die Fred gezeichnet hatte, war im Schneesturm nass geworden und war nun kaum noch lesbar. Der Bär jammerte leise vor sich hin.
"Oje, oje, oje! Wir werden die Silberne Tanne nicht finden und wir werden nicht zurück nach Hause kommen, brumm! Oje, oje, oje!"
Und auch der Hase machte ein trauriges Gesicht. Aber jammern nützt ja nichts, dachte er, als sie plötzlich Geräusche ganz in der Nähe hörten. Sie hielten inne und dann sahen sie zwei Menschen den Weg entlangkommen. Sie liefen direkt auf die kleine Schneehöhle zu, die Brumm für den Hasen und für sich als Unterschlupf gegraben hatte.

Die zwei Menschen waren grün gekleidet und hatten Gewehre geschultert.
"Menschen", dachte der Hase erschrocken und presste sich in den Schnee. Von Menschen wusste er, das sie Hasenfleisch mochten. Hansi machte sich so klein es nur ging in der Höhle und hielt sich die Augen zu.
"Jäger", dachte der Bär entsetzt und rollte sich ebenfalls in der Höhle ein. Von Jägern wusste er, das sie Bären für Spezialitätenrestaurants tot schossen. Und wenn die Bären nicht tot waren, wurden sie an Zirkusse verkauft, wo sie Kunststücke vorführen mussten und die übrige Zeit angekettet in kleinen Käfigen lebten.
Brumm machte sich noch kleiner und wagte kaum zu atmen.

Die beiden Männer waren in ihr Gespräch vertieft und bemerkten im Vorübergehen weder die kleine Schneehöhle noch die verängstigten Tiere darin.
"Schön, so ein Waldspaziergang", sagte der eine.
"Ja", bestätigte der andere. Bald brauchen wir ja auch unsere Gewehre nicht mehr mitzuschleppen, sobald das neue Umweltschutzgesetz in Kraft getreten ist."
"Richtig!", pflichtete ihm der andere bei. "Weil ja bei jedem Schuss zu viel CO2 freigesetzt wird, ist es bald verboten." Lachend zogen die Jäger weiter.

"Aha", dachte der Hase. CO2.
Und Brumm dachte: "Herrje! Was sich die Menschen so alles ausdenken!"
Und in diesem Moment war er wieder sehr dankbar, dass er ein Bär war.
Als sie die Stimmen der beiden Jäger nicht mehr hören konnten, krochen sie vorsichtig aus ihrer kleinen Schneehöhle.
"Gib mir doch bitte noch mal Karte, lieber Brumm", bat der Hase. Der Bär kramte in seiner Tasche und reichte dem Hasen die von Fred aufgezeichnete Wegbeschreibung nach den Erinnerungen Opa Hirschs.

Lange betrachtete Hansi das verwaschene Stück Papier. Da war die verfallene Futterkrippe, an der sie vor Tagen vorbeigekommen sind. Er kniff die Augen zusammen. Da die Schlucht mit dem Baumstamm darüber. Mit der Pfote fuhr er vorsichtig über die Karte. Dort der Hochwald, als die Wölfe sie überfielen und den Hasen fressen wollten. Hansi erschauderte.

Immer wieder hob der Hase den Kopf und sah sich prüfend um. Es konnte nicht mehr weit sein bis zur Silbernen Tanne.
"Komm, Brumm", sagte er zum Bären, "ich weiß den Weg."
"Oh, prima!", jubelte der Bär.
Hansi Hase war sich gar nicht so sicher, dass er den Weg tatsächlich kannte, aber der Bär hatte ihn bis hier hin gebracht und nun würde er den Bären zur Silbernen Tanne bringen! Jawohl! Ganz großes Hasenehrenwort!

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20

Erika Elster flog gelangweilt durch den verschneiten Wald. Den Winter mochte sie nicht, denn der Schnee erschwerte es, all die interessanten Dinge zu finden, die sie so liebte und begehrte: Verlorengegangene Ringe, Perlen, Ketten - alles, was golden oder silbern glänzte, sammelte sie ein und trug es in ihr Nest. Ach, wie sehr konnte sie sich an all dem glitzernden Tand erfreuen! Wie liebte sie es, all ihre Schätze stundenlang zu putzen und auf Hochglanz zu polieren! Im Winter aber war die Ausbeute stets sehr gering; zudem ermüdete die vergebliche Suche die Elster.

Sie war bereits den halben Vormittag unterwegs, als sie beschloss, ein wenig zu verschnaufen. So setzte sie sich auf einen Ast, um auszuruhen.
"Guten Morgen, Frau Elster", nahm sie von weiter oben wahr. Es war Sebastian Spatz, den die anstrengende Futtersuche ermüdet hatte und und zwei Äste über der Elster saß und ebenfalls verschnaufte.

"Hat man denn in diesem Wald nirgends seine Ruhe?", dachte die Elster und ließ den Blick schweifen. Gelangweilt erkannte sie, dass sie sich in unmittelbarer Nähe zu Brumms Höhle befand. Am Baum gegenüber nahm sie eine Bewegung wahr. Etwas Pelziges kämpfte sich dort nach oben. Erika Elster hob den Blick und sah Katis Kobel. Knapp einen Meter darunter das pelzige Ding. Und dann erkannte sie das Eichhörnchen, das gerade seinen Kobel verließ.
Wie der Blitz stürzte sich das pelzige Ding auf das Eichhörnchen! Erika Elster stockte der Atem. Aufgeregt schlug sie mit den Flügeln und erhob sich in die Luft - nichts wie weg hier! Am Ende käme sie noch zu Schaden...

Während die Elster das Weite suchte, beobachtete Sebastian Spatz die Szene und überlegte fieberhaft, wie er dem Eichhörnchen helfen könnte. Er sah, wie Kati vom Baum sprang und sich in Brumms Höhle rettete, dicht gefolgt von dem pelzigen Angreifer.
Oh mein Gott, oh mein Gott! Der kleine Spatz flatterte aufgeregt hin und her und wusste nicht, was zu tun war. Was soll ich nur machen? Dann die Erkenntnis: Ich muss Hilfe holen!

Er flog so schnell er konnte und hielt dabei Ausschau nach jemandem, der dem Eichhörnchen zu Hilfe eilen konnte. Nach einer Weile entdeckte er unten auf dem Waldweg den Fuchs mit Prof. Rabe. Im Sturzflug schoss Sebastian hinab und wäre bei der Landung um ein Haar mit dem Fuchs zusammen gestoßen.

"Boar, Sebastian! Musst du uns so erschrecken?!", schimpfte Fred und Prof. Rabe schüttelte sich verärgert den vom Spatz bei seiner Landung aufgewirbelten Schnee aus dem Gefieder.
"Kati! Kati!", rief der Kleine aufgeregt und noch völlig außer Atem berichtete Sebastian dann hastig, was er vor wenigen Minuten am Eichhörnchenkobel mit ansehen musste.

"Also doch!", rief der Fuchs, "dann hatte ich mich doch nicht getäuscht! Ein Baummarder ist in unserem Wald..."
"...und er will die kleine Kati fressen!", beendete Prof. Rabe Freds Gedanken.
In dem Augenblick stürmte der Fuchs voran - schneller als der schnellste Fuchs jemals gelaufen ist, jagte Fred zur Höhle des Bären. Der Rabe flog ihm nach und rief dem Spatz zu: "Alarmiere alle Waldbewohner, die du unterwegs triffst und schick sie zu Brumms Höhle!"

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21

"Es muss hier sein!", sagte der Hase und sah sich suchend um. Das Kreuz auf der Zeichnung - es markierte ihr Ziel, die Silberne Tanne - war zwar verwaschen, aber der steil aufragende Berg dahinter mit der Silhouette eines schlafenden Kätzchens war deutlich zu erkennen.

"Vielleicht da, die kleine Anhöhe hinauf?", schlug Brumm vor.
Hansi nickte. Gemeinsam erklommen sie den Ausläufer des Berges. Die Bäume hier waren tief verschneit.
"Woran erkennt man die Silberne Tanne?", fragte Brumm. "Am silbernen Glanz ihrer Zweige und Nadeln?", schlug der Hase vor.
"Was für ein Glück, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen Tieren nicht farbenblind bin", frohlockte der Bär. "Aber zu dumm, dass man bei all dem Schnee auf den Bäumen deren Farbe nicht sieht."

Unterdessen war der Hase ganz nah an den Stamm des Baums vor ihm getreten und untersuchte diesen.
"Nein", sagte er dann und untersuchte den nächsten Stamm. "Auch nicht", murmelte er enttäuscht und ging weiter, um den daneben stehenden Baum zu überprüfen. Hansi betastete dessen Stamm, schnupperte an ihm, ging einen Schritt zurück und sagte dann fachmännisch: "Abies procera glauca. Kein Zweifel, wir sind am Ziel."
"Bitte was?!" Brumm sah den Hasen fragend an.
"Abies procera glauca, lateinisch für Silberne Tanne", erklärte der Hase mit einer großen Portion Stolz in der Stimme.

Der Bär war begeistert. "Toll, was du alles weißt!", staunte er über Hansis Wissen.
"Wir haben die Silberne Tanne tatsächlich gefunden!", flüsterte der Hase, der nun endgültig begriffen hatte, dass sie am Ziel ihrer beschwerlichen Reise waren.
Und dann jubelten die beiden Freunde und tanzten singend um den Stamm der Silbernen Tanne: "Wir haben sie gefunden, wir haben sie gefunden!"
Voller Glück und Freude tanzten der Bär und der Hase durch den Schnee, tobten und purzelten umher.

Nachdem sie sich den Schnee aus dem Fell geklopft und sich ein bisschen ausgeruht hatten, sagte der Hase: "Lass uns so viele Zapfen einsammeln, wie wir tragen können, und dann ab nach Hause!"
Und sofort machte sich der Bär an die Arbeit. Er wühlte mit aller Kraft im Schnee unter der Silbernen Tanne, aber die beiden Freunde fanden nicht einen einzigen Zapfen!
Ratlos legten sie eine Pause ein.
"Ich fürchte, wir müssen am Stamm hochklettern, um an die Zapfen zu gelangen!", sagte der Hase.
Oje, dachte Brumm.

Die Silberne Tanne war ein alter und mächtiger Baum. Die ersten Äste wuchsen in einer Höhe, dass es dem Bär wieder schwindelig wurde.
Er betastete den Stamm der Silbernen Tanne. Hm, schön rau, dachte Brumm. Da werden die Krallen guten Halt beim Klettern haben. Ich darf nur nicht nach unten sehen!

Brumm richtete sich auf und begann an dem Stamm nach oben zu klettern. Einmal, zweimal rutschte er ab und hielt erschrocken inne.
Hansi feuerte ihn an: "Das machst du toll! Weiter so, Brumm! Die Hälfte hast du schon fast geschafft!" Aber da fand der Bär keinen Halt mehr und rutschte am Stamm der Silbernen Tanne wieder hinunter.
Betrübt hielt er kurz inne, holte Brumm tief Luft und nahm Anlauf. So schnell er konnte, kletterte er den Stamm hinauf und er war den ersten Ästen mit den reifen, schweren Zapfen schon ganz nah, da verlor er wieder den Halt und rutschte hinunter.
"Brumm!", rief Hansi Hase erschrocken, gefolgt von einem enttäuschten "Schade!"

Brumm war völlig außer Puste von der anstrengenden Kletterei. Er saß ratlos im Schnee und glaubte, dass nun alles umsonst gewesen sei. Nie im Leben würde er es bis zu den Ästen mit den Zapfen der Silbernen Tanne schaffen! Im Klettern war er noch nie der beste Bär gewesen. Er saß lieber geduldig am Fluss und fing Fische oder tapste zum Bienenstock, um Honig zu naschen.

Da kam dem Hasen eine Idee: "Brumm, wir machen es so."
Und er erklärte dem Bären, wie sie vielleicht doch an die Zapfen der Silbernen Tanne gelangen könnten.
Zweifelnd sah ihn der Bär an. "Hase, du bist verrückt!" Er erhob sich und sagte: "Also los!"

Hansi sprang auf den Rücken des Bären und krallte sich so fest er nur konnte in Brumms Fell. Dann nahm der Bär noch einmal Anlauf und rannte zur Silbernen Tanne, als wollte er den Baum mit der Schulter umstoßen. Im letzten Moment riss er seine Vordertatzen nach oben und stieß sich mit den kräftigen Hinterbeinen ab.
In wilder Hatz kletterte Brumm nach oben, Stück für Stück, Meter um Meter, immer näher kamen die Äste mit den schweren Zapfen und immer kraftloser fühlte sich der Bär, dessen Tatzen schmerzten und der schon kaum noch seine Hinterbeine spüren konnte.

Und dann kam der Bär zum Stehen. Er blickte nach oben und sah die Zapfen, aber er konnte sie nicht erreichen. Nur ein kleines Stück noch, dachte er verzweifelt.
"Halt' still, Brumm!", bat der Hase und kletterte auf Brumms Schultern. Doch Brumm fühlte sich schrecklich müde und schwach und er wusste, dass er sich nicht mehr lange festhalten konnte und er würde auch keinen weiteren Versuch mehr schaffen.

"Halt' still, Brumm!", bat der Hase noch einmal. Er stand auf den Schultern des Bären und streckte sich nach oben. Vor lauter Anstrengung wurde Brumm ganz schwarz vor Augen. Jeden Moment fürchtete er, sich nicht mehr halten zu können und mit dem Hasen in die Tiefe zu stürzen.
"Nur noch einen Augenblick", flüsterte der Hase, "denk daran, welche Gefahren wir überstanden haben und wie wir unsere Ängste besiegt haben! Denk an deine Kati und wie es sein wird, wenn du wieder bei ihr bist!" Und der Hase streckte sich und stand ganz sicher auf den Schultern des Bären. Er machte sich so groß er nur konnte und begann, die Zapfen der Silbernen Tanne zu pflücken.

Plopp! Plopp! Plopp!
Zapfen um Zapfen fiel zu Boden und Brumm durchfuhr ein tiefes, warmes Glücksgefühl. Beim Gedanken an sein liebes Eichhörnchen verspürte er eine seltsame Kraft, die ihn aushalten ließ. Seine Pranken umklammerten den Baum, die scharfen Krallen tief in die Rinde geschlagen.
Und wie der Hase so auf Brumms Schultern stand und sich nach den Zapfen streckte, erinnerte sich der Bär daran, wie der Hase am Abend der großen Versammlung in Brumms Höhle erschien und darum bat, den Bären zur Silbernen Tanne begleiten zu dürfen.

Der Hase hatte gesagt: "Ich möchte auch einmal ein Held sein! Nicht immer der Angsthase, der wegläuft! Ich bin nicht klein und schwach. Wenn es nötig ist, kann ich mich so groß machen." Und er hatte sich auf die Zehenspitzen gestellt und streckte die Vorderpfötchen steil in die Höhe.
"Guckt! So groß!

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22

Matti Baummarder war gerade auf Brumms Bett gesprungen und wollte schon die schwere Decke auf der Suche nach dem Eichhörnchen durchwühlen, als er furchteinflößende Rufe und Schreie von draußen vernahm, die schnell immer näher kamen.
Er hörte die Höhlentür schlagen und schon sah er, wie die Tür zum Schlafzimmer aufgerissen wurde; der Fuchs brüllte ihn wütend an und wollte sich auf ihn stürzen - da floh der Marder in wilder Panik durch das Fenster aus der Höhle. Nur raus hier, nichts wie raus!

Fred war völlig außer sich vor Sorge um das kleine Eichhörnchen.
Oh weh, was sollte er denn dem Bären erzählen, wenn Kati etwas zugestoßen wäre? Er hatte seinem verfressenen Freund doch versprochen, gut auf sie aufzupassen.
Gerade war der Marder in wilder Hatz durch das Fenster geflohen. Hoffentlich komme ich nichz zu spät, dachte Fred und sah sich mit einem flauen Gefühl im Bauch im Schlafzimmer des Bären um.

"Kati?", fragte er vorsichtig. Keine Antwort.
"Eichhörnchen, bist du hier?" Der Fuchs sah unter das Bett und im Schrank nach. Kein Eichhörnchen! Er ging nach nebenan in die Küche und suchte jeden Unterschlupf ab, der für Kati als Versteck vor dem Marder infrage kommen konnte.
Kein Eichhörnchen! Der Fuchs hatte eine schreckliche Ahnung. Der Marder würde doch nicht etwa...

Ganz aufgelöst vor Sorge ließ sich der Fuchs auf das Bett fallen.
"Au!", hörte Fred da ein schwaches Stimmchen.
Vor Schreck fuhr der Fuchs kerzengerade in die Höhe. Was war das? Etwas bewegte sich unter Brumms Bettdecke. Vorsichtig lüftete Fred sie ein wenig und sah das Eichhörnchen eingerollt darunter liegen. Voller Freude schlug er die Decke nun ganz zurück und rief: "Kati, Kati! Geht es dir gut?"

Benommen schaute ihn das Eichhörnchen mit einem schwachen Lächeln an.
"Die Aufregung, weißt du? Ich hatte solche Angst, dass mich der Marder frisst! Und jetzt hab ich wieder ganz dolles Bauchweh." Und ermattet von all der Angst vor dem Marder schlief das Eichhörnchen ein.

Der Fuchs deckte die Kleine fürsorglich zu und schlich dann auf Zehenspitzen aus dem Schlafzimmer des Bären. In der großen Wohnküche hatten sich inzwischen, alarmiert von Sebastian Spatz, viele Waldbewohner eingefunden. Fred erzählte ihnen kurz, dass er den Marder aus Brumms Höhle verjagen konnte und dass es Kati den Umständen entsprechend gut geht. Offensichtlich ist sie vom Marder nicht verletzt worden.

"Was? Oh weh! Wo ist der Marder jetzt?" Die Tiere plapperten aufgeregt durcheinander.
Sebastian erzählte in allen Einzelheiten, wie er den Angriff des Baummarders vor Katis Kobel beobachtet hatte. Isabell Igel hörte mit offenem Mund zu und vergaß vor lauter Aufregung sogar mitzuschreiben für ihre große Sonderausgabe der Waldzeitung.

"Was machen wir jetzt?", fragte plötzlich in das wilde Durcheinander Opa Hirsch mit seiner tiefen Stimme.
Stille. Die Tieren sahen ihn fragend an.
"Matti Baummarder ist also wieder zurück", sprach der Hirsch wie zu sich selbst. "Ich kenne ihn noch von früher. Das war ein ganz übler Bursche! Wisst ihr noch, wie er damals die Eier aus Frau Amsels Nest stahl? Die arme Frau ist vor Kummer darüber fast gestorben! Oder als er das kleine Hasenbaby..." Der Hirsch blickte bedrückt zu Boden.
"Ich kenne Matti, der gibt nicht auf, bis er das Eichhörnchen endlich gefressen hat. Der kommt wieder. Ich weiß noch, wie mühsam es war, ihn damals zu fangen. Am Ende gelang es mir, ihn mit meinem Geweih so in die Enge zu treiben, dass die Waldpolizei ihn endlich gefangen nehmen konnte. Wir müssen etwas unternehmen. Jetzt und hier!"

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23

Bis spät in die Nacht hatten die Tiere in Brumms großer Wohnküche diskutiert, aber sie konnten sich nicht darauf einigen, was die beste Variante wäre, den Marder zu vertreiben. Zunächst beschlossen sie, dass an jedem Fenster der Bärenhöhle jeweils ein Wachposten zu stehen hatte. Und vor der Tür postierte sich Opa Hirsch mit seinem imposanten Geweih.
Kati durfte von nun an zu ihrem eigenen Schutz die Höhle nicht mehr verlassen. Das galt ab sofort. Unverzüglich.

Wie nebenher räumte Frau Hase Brumms Höhle nach dem Angriff des Marders auf das Eichhörnchen auf. Fragend blickte sie auf die vielen Tannenzapfen, die wild verstreut in der Küche herum lagen.
"Die hatte Brumm vor zwei Wochen am Waldrand gesammelt. Er wollte daraus kleine Puppen basteln, mit denen er mir zur Ablenkung lustige Geschichten vorspielen wollte", erklärte Kati.
"...zur Ablenkung lustige Geschichten vorspielen...", wiederholte Fred leise. Dann kam ihm eine Idee.
Er bat um Ruhe und erklärte dann den Waldbewohnern, wie sie den Marder mit einer List fangen könnten. Selbst die Mäusezwillinge hörten aufmerksam zu. Immer wieder kicherten sie aufgeregt vor sich hin. Dann machten sich die Tiere daran, Freds Plan umzusetzen. Opa Hirsch nickte zufrieden.

Ganz spät in der Nacht schlichen sich der Fuchs und Opa Hirsch zu Katis Kobel und werkelten im Schutze der Dunkelheit leise vor sich hin. Oben am Eingang zum Kobel machten sich derweil Herr Uhu und Sebastian Spatz zu schaffen.
Zur selben Zeit lag Matti Baummarder in einem verlassenen Hasenbau und konnte sich nicht beruhigen. Was für eine Schmach! Schon wieder war ihm das Eichhörnchen entkommen und zu allem Übel hätte ihn der Fuchs beinahe erwischt. Das hätte böse enden können!

Der Marder zwang sich zur Ruhe. Ich muss einfach den passenden Moment abwarten, sagte er zu sich selbst. Und er beschloss, zum Kobel zurückzukehren und das Eichhörnchen im Schlaf zu überraschen. Diesmal würde es ihm nicht noch einmal entwischen! Sich selbst Mut zusprechend, machte sich der Räuber auf den Weg.

Der Morgen dämmerte bereits, als der Marder sich an den Kobel anschlich; sichernd sah er sich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Ausgezeichnet! Geduckt schlich er näher und näher und plötzlich hielt der Räuber inne. Was war das? Er hatte erwartet, dass das Eichhörnchen noch schlief und er es in seinem Kobel überfallen könnte, nicht aber, dass es um diese frühe Uhrzeit schon auf den Beinen war.
Kein Zweifel: Unbeweglich stand dort drüben am Fuße des Baums das Eichhörnchen und schien in den frühen Morgen zu lauschen.

Ja, sperr' deine Lauscher nur auf, frohlockte der Baummarder. Mich wirst du nicht hören! Der frühe Marder fängt das Eichhörnchen, hi hi!
Er schlich sich von hinten an, kam seinem Ziel immer näher und näher und nun war es nur noch einen Sprung entfernt. Der Marder spannte seinen Körper zum finalen Sprung.
Jetzt! Der Marder hatte seinen Angriff exakt berechnet. Punktgenau landete er auf dem Eichhörnchen, umklammerte es und verbiss sich in seinem Rücken. Ah, jubelte der Räuber, doch dann... was war das? Dieser Eichhörnchenrücken war nicht weich und samtig und schmeckte auch nicht, wie ein Eichhörnchenrücken normalerweise schmeckte. Das war so... so... so tannenzapfig?
Verwirrt ließ der Räuber vom Eichhörnchen ab, da fiel etwas von oben auf ihn, so dass er sich nicht mehr bewegen konnte.

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24

Da lag er nun, der Räuber! Gefangen in Brumms Hängematte, in der der Bär so gern manchen Sommertag im Schatten verschlief und die nun zum Marderfangnetz umfunktioniert worden war.
Freds Plan war tatsächlich aufgegangen: Die Tiere des Waldes hatten aus Tannenzapfen eine Eichhörnchenpuppe gebaut und der Fuchs und Opa Hirsch hatten diese am Fuße des Baums unter dem Eingang zum Kobel einladend für den Marder platziert. Sebastian Spatz und Dr. Uhu befestigten Brumms Hängematte an den Ästen oberhalb der Eichhörnchenpuppe und ließen sie dann im Moment des Marderangriffs auf den Räuber herab fallen.

Opa Hirsch hatte bereits die Waldpolizei informiert. Jeden Moment würden sie hier sein und den Baummarder zurück ins Gefängnis bringen.
"Beim Schwanze meines Großvaters", sagte der Fuchs. "Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!" Und er konnte sich gar nicht erinnern, woher er diesen Spruch kannte.

Das kleine Eichhörnchen hatte von all der Aufregung gar nichts mitbekommen. Es hatte die ganze Nacht in Brumms Bett geschlafen. Als Kati nun aufwachte, erzählte ihr der Fuchs sogleich von den Ereignissen der vergangenen Stunden.
Ach, was war das Eichhörnchen erleichtert, als es von der Gefangennahme des Marders hörte.
"Ihr seid so gute Freunde", sagte sie zu Tränen gerührt. "Die besten, die man sich wünschen kann."
Da hatte auch der Fuchs einen Klos im Hals. "Jetzt aber raus aus den Federn und frühstücken", sagte er und räusperte sich dabei immer wieder. Doch Kati hatte erneut dolles Bauchweh und wollte lieber im Bett bleiben. Sie hatte keinen Hunger und auf nichts Appetit.

"Gleich sind wir zuhause!", jubelte der Bär. Gerade hatten Hansi und Brumm die große Wiese erreicht, die jetzt tief verschneit vor ihnen lag. Nun war es nicht mehr weit und vergnügt begann der Bär, ein Lied zu brummen. Und weil der Hase so sehr erschöpft war von der weiten Reise, trug Brumm ihn auf seinem Rücken die letzten Meter bis nach Hause. Er setzte ihn direkt am Hasenbau ab.
Hansi konnte sich kaum der Freude der Hasenkinder erwehren, die laut juchzend ihren Papa begrüßten, der so lange unterwegs gewesen war. Die Freunde verabschiedeten sich mit einer langen Umarmung.

Und dann stand Brumm endlich vor seiner Höhle. Den Geräuschen nach zu urteilen musste es da drinnen zugehen wie im Taubenschlag! Vorsichtig öffnete er die Tür und traute seinen Augen nicht. In seiner Wohnküche feierten die Waldbewohner ein großes Fest. Er sah Isabell Igel mit den Mäusezwillingen tanzen, er hörte Sebastian Spatz lachen, er sah Opa Hirsch vergnügt mit dem Geweih zur Musik wippen. Und Fred der Fuchs öffnete soeben eine Flasche Holunderwein, als er Brumm in der Tür stehen sah und freudig ausrief: "Hallelujah, der Bär ist zurück!"

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25

Ach, war das ein schönes Wiedersehen! Der Bär wurde freudig umarmt und geherzt, seine Pfote wurde heftig geschüttelt und er wurde von seinen Freunden mit 1.000 neugierigen Fragen überhäuft.
"Wo ist der Hase? Geht es ihm gut? Wart ihr erfolgreich? Habt ihr die Silberne Tanne gefunden? Sind die Zapfen da in deiner Tasche?" Und der Bär kam in all dem Durcheinander gar nicht dazu, auch nur eine Frage zu beantworten.

Der Fuchs zog Brumm aus dem Gewühl und schob ihn hinüber ins Schlafzimmer. Da lag sein kleines liebes Eichhörnchen und sah ihn mit großen Augen an.
"Du bist zurück?" Und voller Freude hüpfte sie in die Arme des Bären und gab ihm viele kleine Küsschen, dass dem Bär ganz komisch im Bauch wurde. Also ein Stück höher, so mehr beim Herzen. Endlich war er wieder bei seiner lieben Kati und er konnte sein Glück kaum begreifen!

Später saßen sie alle gemeinsam in der Küche des Bären. Inzwischen war auch der Hase mit seiner Frau herüber gekommen und sie erzählten von ihren Abenteuern auf dem Weg zur Silbernen Tanne. Gebannt lauschten die Tiere den Erzählungen der beiden und hielten den Atem an, als es über den vereisten Baumstamm über die tiefe Schlucht zu klettern galt. Und die Nacht des schrecklichen Schneesturms! Und die Wölfe!

Opa Hirsch blickte den Hasen anerkennend an. "Tapferer kleiner Kerl, dass du den Wölfen sogar noch mit der Faust gedroht hast, Respekt!" So jedenfalls trug sich die Geschichte in Brumms Erzählung zu. Da hatte der Hase an seiner Seite heldenhaft gegen die Wölfe gekämpft und zum Schluss in schwindelerregender Höhe die Zapfen herunter gepflückt, als Brumm am Stamm der Silbernen Tanne nicht weiter hinauf kam. Der Hase senkte verlegen den Blick, aber seine Frau war in diesem Augenblick die stolzeste Hasenfrau auf der ganzen Welt.

Dr. Uhu hatte sofort nach Brumms Rückkehr mit der Zubereitung der Medizin aus den Zapfen der Silbernen Tanne begonnen. Er war überrascht, dass Hansi und Brumm so viele Zapfen mitgebracht hatten. Doch da hatte Prof. Rabe eine Idee: "Wir könnten die übrigen Zapfen, die unser verehrter Dr. Uhu nicht zur Medizinherstellung benötigt, im Frühjahr im Garten der Universität eingraben. Meine Studenten werden die Setzlinge pflegen und eines Tages, wenn wir wieder einmal dringend Medizin aus den Zapfen der Silbernen Tanne brauchen, muss sich niemand mehr auf die gefährliche Reise begeben. Dann ernten wir sie einfach im Garten unserer Universität."

Am späten Abend, als die Tiere dann Brumms Höhle verlassen hatten, lag der Bär endlich in seinem Bett, seit Wochen zum ersten Mal wieder in seinem Bett. Das kleine Eichhörnchen hatte sich auf Brumms Bauch gelegt und sich eingekuschelt.
Er war so dankbar für diesen Moment. Besonders, seit Fred ihm von der Rückkehr des Marders erzählt hatte. Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn seine Freunde nicht so gut auf sein liebes Eichhörnchen aufgepasst hätten! Und vorsichtig deckte der Bär Kati zu.
Das kleine Eichhörnchen kuschelte sich noch enger an den Bären. So ein Brumm im Bett ist schon eine praktische Sache. Er wärmt und ist schön kuschelig, dachte Kati und dann war sie auch schon eingeschlafen.

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26

Wie schnell sich das Jahr doch dem Ende zuneigt, dachte Kati, das kleine Eichhörnchen, am Weihnachtsmorgen und schmückte voller Vorfreude den Baum in Brumms Höhle.
Geschickt hüpfte sich zwischen den Ästen umher und brachte glänzende Kugeln und selbstgebastelte Schneeflocken an den Zweigen der Tanne an, die Brumm gestern Nachmittag zur Höhle getragen hatte.

Das war lustig! Gemeinsam waren sie losgezogen, um sich einen Weihnachtsbaum auszusuchen. Und weil es an diesem Nachmittag besonders kühl war, hatte Kati ihr Geschenk schon vor der Bescherung erhalten: Eine neue, warme Wintermütze mit einer Bommel obendrauf, die mindestens genau so beeindruckend war, wie ihr buschiger Eichhörnchenschwanz. Die alte Mütze war ja nach des Marders Angriffs leider nicht mehr zu gebrauchen...

Fachkundig hatte Brumm einige infrage kommende Bäume untersucht, aber dann durfte das kleine Eichhörnchen entscheiden. Es wählte eine imposante Tanne von dichtem Wuchs und einer kerzengeraden Krone. Benni Bieber fällte den Baum äußerst professionell, wie der Bär voller Respekt bemerkte. Dann hatte sich Brumm den Weihnachtsbaum über seine rechte Schulter gelegt, während Kati sich in die Krone setzte. Auf dem Weg zu Brumms Höhle sangen sie gemeinsam Weihnachtslieder. Katis helle Stimme klang fröhlich durch den Wald, untermalt vom Brummen des Bären.

Und nun saßen sie in Brumms Höhle. Kati hatte ihm einen leckeren Lachsauflauf zubereitet und zum Nachtisch gab es eine Riesenportion Schokoladenpudding. Was für ein leckeres Weihnachtsessen, dachte der Bär voller Freude. Das Eichhörnchen naschte auch ein bisschen vom Pudding, so gut ging es ihm inzwischen schon wieder. Und Brumm sagte, "das ist das schönste Geschenk überhaupt, dass es dir wieder besser geht!"

Da gab das kleine Eichhörnchen dem Bären ganz zärtlich ein Küsschen auf die Nase und dann tanzten sie gemeinsam im Schein der Lichter des Weihnachtsbaumes Brumms ganz persönlichen Bärenfreudentanz. Und den tanzte er, wie wir inzwischen wissen, immer nur dann, wenn er wirklich außergewöhnlich glücklich war.

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