"Es muss hier sein!", sagte der Hase und sah sich suchend um. Das Kreuz auf der Zeichnung - es markierte ihr Ziel, die Silberne Tanne - war zwar verwaschen, aber der steil aufragende Berg dahinter mit der Silhouette eines schlafenden Kätzchens war deutlich zu erkennen.
"Vielleicht da, die kleine Anhöhe hinauf?", schlug Brumm vor.
Hansi nickte. Gemeinsam erklommen sie den Ausläufer des Berges. Die Bäume hier waren tief verschneit.
"Woran erkennt man die Silberne Tanne?", fragte Brumm.
"Am silbernen Glanz ihrer Zweige und Nadeln?", schlug der Hase vor.
"Was für ein Glück, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen Tieren nicht farbenblind bin", frohlockte der Bär. "Aber zu dumm, dass man bei all dem Schnee auf den Bäumen deren Farbe nicht sieht."
Unterdessen war der Hase ganz nah an den Stamm des Baums vor ihm getreten und untersuchte diesen.
"Nein", sagte er dann und untersuchte den nächsten Stamm. "Auch nicht", murmelte er enttäuscht und ging weiter, um den daneben stehenden Baum zu überprüfen. Hansi betastete dessen Stamm, schnupperte an ihm, ging einen Schritt zurück und sagte dann fachmännisch: "Abies procera glauca. Kein Zweifel, wir sind am Ziel."
"Bitte was?!" Brumm sah den Hasen fragend an.
"Abies procera glauca, lateinisch für Silberne Tanne", erklärte der Hase mit einer großen Portion Stolz in der Stimme.
Der Bär war begeistert. "Toll, was du alles weißt!", staunte er über Hansis Wissen.
"Wir haben die Silberne Tanne tatsächlich gefunden!", flüsterte der Hase, der nun endgültig begriffen hatte, dass sie am Ziel ihrer beschwerlichen Reise waren.
Und dann jubelten die beiden Freunde und tanzten singend um den Stamm der Silbernen Tanne: "Wir haben sie gefunden, wir haben sie gefunden!"
Voller Glück und Freude tanzten der Bär und der Hase durch den Schnee, tobten und purzelten umher.
Nachdem sie sich den Schnee aus dem Fell geklopft und sich ein bisschen ausgeruht hatten, sagte der Hase: "Lass uns so viele Zapfen einsammeln, wie wir tragen können, und dann ab nach Hause!"
Und sofort machte sich der Bär an die Arbeit. Er wühlte mit aller Kraft im Schnee unter der Silbernen Tanne, aber die beiden Freunde fanden nicht einen einzigen Zapfen!
Ratlos legten sie eine Pause ein.
"Ich fürchte, wir müssen am Stamm hochklettern, um an die Zapfen zu gelangen!", sagte der Hase.
Oje, dachte Brumm.
Die Silberne Tanne war ein alter und mächtiger Baum. Die ersten Äste wuchsen in einer Höhe, dass es dem Bär wieder schwindelig wurde.
Er betastete den Stamm der Silbernen Tanne. Hm, schön rau, dachte Brumm. Da werden die Krallen guten Halt beim Klettern haben. Ich darf nur nicht nach unten sehen!
Brumm richtete sich auf und begann an dem Stamm nach oben zu klettern. Einmal, zweimal rutschte er ab und hielt erschrocken inne.
Hansi feuerte ihn an: "Das machst du toll! Weiter so, Brumm! Die Hälfte hast du schon fast geschafft!" Aber da fand der Bär keinen Halt mehr und rutschte am Stamm der Silbernen Tanne wieder hinunter.
Betrübt hielt er kurz inne, holte Brumm tief Luft und nahm Anlauf. So schnell er konnte, kletterte er den Stamm hinauf und er war den ersten Ästen mit den reifen, schweren Zapfen schon ganz nah, da verlor er wieder den Halt und rutschte hinunter.
"Brumm!", rief Hansi Hase erschrocken, gefolgt von einem enttäuschten "Schade!"
Brumm war völlig außer Puste von der anstrengenden Kletterei. Er saß ratlos im Schnee und glaubte, dass nun alles umsonst gewesen sei. Nie im Leben würde er es bis zu den Ästen mit den Zapfen der Silbernen Tanne schaffen! Im Klettern war er noch nie der beste Bär gewesen. Er saß lieber geduldig am Fluss und fing Fische oder tapste zum Bienenstock, um Honig zu naschen.
Da kam dem Hasen eine Idee: "Brumm, wir machen es so."
Und er erklärte dem Bären, wie sie vielleicht doch an die Zapfen der Silbernen Tanne gelangen könnten.
Zweifelnd sah ihn der Bär an. "Hase, du bist verrückt!" Er erhob sich und sagte: "Also los!"
Hansi sprang auf den Rücken des Bären und krallte sich so fest er nur konnte in Brumms Fell. Dann nahm der Bär noch einmal Anlauf und rannte zur Silbernen Tanne, als wollte er den Baum mit der Schulter umstoßen. Im letzten Moment riss er seine Vordertatzen nach oben und stieß sich mit den kräftigen Hinterbeinen ab.
In wilder Hatz kletterte Brumm nach oben, Stück für Stück, Meter um Meter, immer näher kamen die Äste mit den schweren Zapfen und immer kraftloser fühlte sich der Bär, dessen Tatzen schmerzten und der schon kaum noch seine Hinterbeine spüren konnte.
Und dann kam der Bär zum Stehen. Er blickte nach oben und sah die Zapfen, aber er konnte sie nicht erreichen. Nur ein kleines Stück noch, dachte er verzweifelt.
"Halt' still, Brumm!", bat der Hase und kletterte auf Brumms Schultern. Doch Brumm fühlte sich schrecklich müde und schwach und er wusste, dass er sich nicht mehr lange festhalten konnte und er würde auch keinen weiteren Versuch mehr schaffen.
"Halt' still, Brumm!", bat der Hase noch einmal. Er stand auf den Schultern des Bären und streckte sich nach oben. Vor lauter Anstrengung wurde Brumm ganz schwarz vor Augen. Jeden Moment fürchtete er, sich nicht mehr halten zu können und mit dem Hasen in die Tiefe zu stürzen.
"Nur noch einen Augenblick", flüsterte der Hase, "denk daran, welche Gefahren wir überstanden haben und wie wir unsere Ängste besiegt haben! Denk an deine Kati und wie es sein wird, wenn du wieder bei ihr bist!" Und der Hase streckte sich und stand ganz sicher auf den Schultern des Bären. Er machte sich so groß er nur konnte und begann, die Zapfen der Silbernen Tanne zu pflücken.
Plopp! Plopp! Plopp!
Zapfen um Zapfen fiel zu Boden und Brumm durchfuhr ein tiefes, warmes Glücksgefühl. Beim Gedanken an sein liebes Eichhörnchen verspürte er eine seltsame Kraft, die ihn aushalten ließ. Seine Pranken umklammerten den Baum, die scharfen Krallen tief in die Rinde geschlagen.
Und wie der Hase so auf Brumms Schultern stand und sich nach den Zapfen streckte, erinnerte sich der Bär daran, wie der Hase am Abend der großen Versammlung in Brumms Höhle erschien und darum bat, den Bären zur Silbernen Tanne begleiten zu dürfen.
Der Hase hatte gesagt: "Ich möchte auch einmal ein Held sein! Nicht immer der Angsthase, der wegläuft! Ich bin nicht klein und schwach. Wenn es nötig ist, kann ich mich
so groß machen." Und er hatte sich auf die Zehenspitzen gestellt und streckte die Vorderpfötchen steil in die Höhe.
"Guckt! So groß!
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