Teil 5

Das geheimnisvolle Portal

© Jens Mende, 2022
Kapitel:

1

Ein schreckliches Sommergewitter tobte über dem Wald. Die ganze Nacht blitzte und donnerte es, dass die Bewohner des Waldes glaubten, der Untergang ihrer Welt stünde jede Sekunde bevor. Eng aneinander gekuschelt und Schutz suchend, lagen Brumm und das kleine Eichhörnchen im Bett des Bären. Brumm streichelte sanft Katis Rücken. Um sie zu beruhigen, flüsterte er monoton wiederholend in die Dunkelheit, die in einem wilden Rhythmus vom gleißenden Licht der Blitze unterbrochen wurde, "alles wird gut. Ganz bestimmt wird alles gut." Und bei sich dachte der Bär, hoffentlich wird alles gut.

Wenn es nicht gerade donnerte, hörten sie das Rauschen des Regens in den Wipfeln der Bäume. Normalerweise mochte Kati dieses Geräusch. Es erinnerte sie an verregnete Herbsttage, an denen sie den großen Tisch in Brumms Höhle direkt an das Fenster rückten. Dann schauten sie dem Regen zu, aßen Katis selbstgebackene Haselnusskekse, tranken Himbeerlimonade oder Heidelbeertee und erzählten sich vergnügt Geschichten.

Heute Nacht jedoch hörte sich der Regen bedrohlich an. Kati kuschelte sich noch enger an den Bären und hoffte inständig, dass diese schreckliche Nacht bald enden möge. Sie spürte Brumms Unruhe; sein Herz klopfte viel schneller als sonst. Und an der Art, wie er geräuschvoll ausatmete, erkannte sie sein Unbehagen. Auch er fürchtete sich vor dem unerklärlichen Grollen des Himmels da draußen und vor allem vor dem weißen Licht der Blitze. An Schlaf war nicht zu denken!

"Vielleicht sollten wir etwas essen", schlug der Bär flüsternd vor. "Das würde mir gut tun und mich auf andere Gedanken bringen." Und sollte ich diese Nacht nicht überleben, würde ich wenigstens nicht mit leerem Magen sterben, fügte der Bär in Gedanken hinzu.

"Ach Brumm! Dass du jetzt ans Essen denken kannst", antworte Kati verwundert. "Bestimmt ist das Unwetter bald vorbei und dann kannst du nicht schlafen, weil dein Bauch so voll ist."

"Hm", brummelte der Bär mit einer Mischung aus Trotz und Beleidigtsein in die Dunkelheit. Dass Kati immer so vernünftig sein musste! Doch bevor er antworten konnte, zerriss ein wie Blei glänzendes Licht die Finsternis, gefolgt von einem gewaltigen und lang nachhallenden Donner. Brumm und Kati umklammerten sich noch fester und hielten vor Angst den Atem an. Jetzt hörten sie das Splittern von Holz. Es klang, als sei ein riesiger Baum zur Erde gestürzt. Sie kannten beide dieses Geräusch.

Vor einigen Jahren gelangten sie bei einem ihrer Ausflüge in einen Teil des Waldes, der von Menschen bewirtschaftet wurde. Diese hielten kleine Maschinen in den Händen, die einen Höllenlärm verursachten. Und wenn die Menschen diese seltsamen Dinger gegen einen Baum hielten, dauerte es nur wenige Atemzüge, und der Baum fiel zu Boden. Und genau so hatte es sich eben auch angehört. Brumm wurde immer unruhiger, nur mit Mühe unterdrückte er die aufsteigende Panik. Am liebsten wäre er aus dem Bett gesprungen und aus der Höhle geflohen. Aber wohin? Draußen ging ja gerade die Welt unter! Und so murmelte er mit geschlossenen Augen, "alles wird gut. Hoffentlich wird alles gut."

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2

Irgendwann musste Brumm schließlich doch eingeschlafen sein. Als er nun erwachte, drang durchs Fenster hell das Sonnenlicht herein. Das kleine Eichhörnchen lag eng an ihn gekuschelt und schien noch fest zu schlafen. Vorsichtig löste sich der Bär und verließ das Bett. Mann mann mann, dachte Brumm, das war vielleicht eine Nacht! Und was hatte er jetzt für einen Bärenhunger!

Er verließ die Höhle und schnupperte in die klare, noch etwas feuchte Luft. Und plötzlich überwältigte ihn die Freude, diese Nacht unverletzt überstanden zu haben. Denn soviel stand ganz sicher fest: Sie hatten dieses schreckliche Unwetter wohl nur um Haaresbreite überlebt, da war sich der Bär ganz sicher. übermütig tobte er nun vor der Höhle umher, schlug Purzelbäume im vom Regen der Nacht noch feuchten Gras und brummte dabei vergnügt ein kleines Lied.

Schafi, das im Stall neben der Höhle geschlafen hatte, wunderte sich beim Aufwachen sehr über die seltsamen Geräusche da vor dem Stall. Er ging hinaus und sah Brumm wild umhertollen. Hatte ihn mal wieder eine Biene gestochen, weil er wie so oft viel zu ungeschickt versucht hatte, an den leckeren Waldbienenhonig zu kommen? Oder hatte der Bär gar Sauerampfer gefunden? Schafi wurde nicht klug aus dem, was er da sah.

"Brumm? Alles in Ordnung bei dir?", fragte er neugierig und ging vorsichtig auf seinen großen Freund zu.
"Aber ja doch", lachte der Bär. "Warum fragst du?"
"Na ja", antwortete Schafi verlegen, "weil es nicht so aussieht."
"Quatsch, mir geht's gut", bekräftigte Brumm. "Sieh doch, welch Freude es ist, nach dem Weltuntergang noch am Leben zu sein! Die Sonne scheint, die Vögel singen und in der Höhle schläft mein liebes Eichhörnchen und bald wird es leckeres Frühstück geben!" Damit war für den Bären alles gesagt.

Die Welt drehte sich also weiter und überhaupt! Offensichtlich war ja in der vergangenen Nacht gar nichts weiter passiert außer diesem zuckenden Licht und dem doch sehr lauten Donnern und Grollen am Himmel. Aber hey! Das macht doch einem gestandenen Bären nichts aus! Also jubelte Brumm weiter lauthals seine Freude über diesen schönen Sommermorgen in den Wald und rief Schafi auf, es ihm doch gleichzutun.

So tollten die beiden Freunde nun gemeinsam durch das nasse Gras, freuten sich des Lebens, wobei Schafi sich mehrfach erkundigte, welchen Weltuntergang der Bär denn letzte Nacht erlebt haben wollte. Schafi habe geschlafen wie immer. Lang und fest und er war sich ganz sicher, von einer Wiese in einer Gegend geträumt zu haben, die irgend jemand als Erzgebirge bezeichnet hatte. Und auf dieser Wiese wuchs so viel Sauerampfer, dass sich das kleine Schaf nur so die Taschen vollstopfte und sich im Schlaraffenland der Schafe wähnte. Das war ein schöner Traum!

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3

"Jungs? Alles in Ordnung bei euch?"
Das kleine Eichhörnchen war aufgewacht und fand Brumms Seite des Bettes leer. Von draußen hörte sie vergnügtes Singen und Lachen und das machte Kati neugierig. Sie verließ das Bett und öffnete die Höhlentür. Sie sah ihren Brumm und das kleine Schaf um die Wette Purzelbäume schlagen. Dabei lachten die beiden immer wieder und Kati dachte bei sich, die werden doch nicht etwa Sauerampfer...

"Jungs? Alles in Ordnung bei euch?", sprach sie die beiden erstaunt an.
"Wir freuen uns des Lebens, wir freuen uns des Lebens", sang das kleine Schaf und Brumm hielt kurz inne und begrüßte sein liebes Eichhörnchen überschwänglich.

Nach dem Frühstück - Kati war nach der anstrengenden Nacht mit nur wenigen Stunden Schlaf noch sehr müde und legte sich noch einmal ins Bett - zog Brumm los, um leckere Waldhimbeeren als Nachtisch für das Mittagessen zu sammeln. Das kleine Schaf begleitete ihn.

Sie waren schon eine Weile unterwegs, als sie kurz vor jener Lichtung, auf der sie sich vor zwei Jahren zum ersten Mal begegnet waren, die mächtige Eiche, den größten Baum ihres Waldes, quer über dem Weg liegend, vorfanden.
"Das gibt's doch gar nicht", murmelte Brumm erstaunt vor sich hin.
"Doch, bei Roller!", antwortete das Schaf kichernd.
Brumm bemerkte Schafis Scherz nicht. Gedankenversunken erinnerte er sich an das Geräusch von splitterndem Holz letzte Nacht und an den schrecklichsten Donner, den er je in seinem Leben gehört hatte. Der einst imposante Baum lag vor ihnen, niedergestreckt von einem Blitz, dachte Brumm fassungslos.
Die weit ausladende Krone verschwand irgendwo im Dickicht des Waldes und dort, wo einst das mächtige Wurzelwerk die alte Eiche fest im Boden verankert hatte, klaffte nun ein tiefes Loch, das bei genauerem Hinsehen an den Eingang einer Höhle erinnerte.

Neugierig trat Brumm näher. Sichernd schnupperte er in Richtung Höhleneingang. Bei genauerem Hinsehen schien ein sanft fluoreszierendes Licht aus der Höhle zu strömen.
"Siehst du das auch?" fragte der Bär das kleine Schaf.
Schafi nickte. "Sieht aus wie die Lichter am Himmel, die wir letztes Jahr am Nordpol sahen."
Brumm nickte. Schafi hatte recht. In der Höhle schien ein Licht ganz ähnlich der Polarlichter zu leuchten. Und während das kleine Schaf ein bisschen verängstigt zurückwich, trat Brumm neugierig näher, um sich die Höhle genauer anzusehen. Näher und immer näher und... plötzlich war der Bär verschwunden.

Schafi traute seinen Augen nicht. Eben stand der Bär doch noch direkt am Eingang zur Höhle und im nächsten Moment war er verschwunden. Und mit ihm das fluoreszierende Leuchten!
"Brumm?", rief das Schaf leise. Keine Antwort.
"Brumm?!", nun schon etwas lauter. Wieder keine Antwort. Und dann panisch: "Bru-humm!!!" Aber der Bär antwortete nicht und blieb verschwunden.
Oje, dachte Schafi sorgenvoll, was ist denn jetzt passiert? Und während es weiter ängstlich vom Höhleneingang zurückwich, wurde ihm klar, was zu tun war. Ich muss Hilfe holen! Und so schnell es konnte, lief es zum kleinen Eichhörnchen zurück.

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4

So eine Gelegenheit gibt es in 100 Jahren nicht noch mal, dachte Brumm und trat immer näher an den Eingang dieser seltsamen Höhle heran. Vielleicht hat ja ausgerechnet hier der legendäre Jack Bärow, ein berühmter Pirat, von dem Tante Bärnadette dem kleinen Brumm so gern Geschichten vorgelesen hatte, seine reiche Beute versteckt. Und er, Brumm, würde sie nun entdecken und bald mit Gold und Edelsteinen schwer beladen zu seiner Kati zurückkehren und als großer Held im Wald gefeiert werden!

Nein, diese Gelegenheit wollte sich der Bär auf gar keinen Fall entgehen lassen! Näher und immer näher trat er an den Höhleneingang. Und nun sah er ganz deutlich ein eigenartiges Leuchten, das tief aus dem inneren der Höhle zu kommen schien. Plötzlich glaubte er sich inmitten des Lichts zu befinden, stand in der Mitte von einem strahlenden Etwas; undefinierbar, aber so intensiv, dass Brumm geblendet die Augen schloss.
Sein Körper schien zu zerfließen, sein Fell bestand aus Millionen kleiner Funken. Er spürte ein intensives Kribbeln, gerade so, als ob Kati ihn an den Fußsohlen kitzeln würde, ein kalter Lufthauch - und plötzlich war das Leuchten verschwunden. Und mit ihm die Höhle.

Brumm öffnete die Augen, um sie sofort wieder zu schließen. Ihm war, als schwebte er. Höher, stetig höher und der Bär wurde immer leichter, bis er nahezu schwerelos in eine gleißende Sonne zu schweben schien. Im nächsten Moment spürte er sein Gewicht wieder, aber etwas war anders. Das Schweben hatte aufgehört. Vorsichtig öffnete der Bär die Augen.

Brumm saß an einem Schreibtisch, von dem er seltsamerweise sofort wusste, dass dieses Ding Schreibtisch hieß. Darauf stand ein flaches, silbern glänzendes Etwas, von dem Brumm wie selbstverständlich wusste, dass man es Laptop nannte.
In sekundenschnelle tippte er Worte in die Tastatur, seine Hände flogen förmlich... und in diesem Moment erstarrte Brumm: Er hatte Hände mit schlanken Fingern, keine mächtigen Tatzen, mit denen er recht geschickt Fische im Fluss fangen konnte. Er glaubte an eine Sinnestäuschung. Vielleicht hatte das fluoreszierende Licht in der Höhle seine Augen getrübt? Aber nein. Er sah jedes Detail: Den Schreibtisch, den Laptop darauf. Seine Hände, seine Arme ohne wuscheligen Fellbewuchs. Je länger er sich betrachtete, um so klarer wurde das Bild: Er war kein Bär mehr, jetzt war er ein Mensch. Er konnte schreiben und - das überraschte ihn in dem Zustand völliger Verwirrung, in dem er sich befand, am meisten - er konnte lesen. So las er also mit großem Interesse die vielen Worte, die auf dem Bildschirm des Laptops zu sehen waren. Es handelte sich um die Schilderung eines Abenteuers, dass er vor einigen Jahren mit Hansi Hase zu bestehen hatte.

Ganz offensichtlich hatte er als Mensch eine Geschichte über sein Leben mit Kati und seinen Freunden im Wald geschrieben. Und je länger er las, um so sehnlicher wünschte er sich zurück in seinen Wald, zurück zu seinen Freunden. Und je stärker der Wunsch in ihm wuchs, umso einsamer fühlte er sich inmitten dieser fremden Umgebung. Was würde er dafür geben, wieder in der seltsamen Höhle mit dem fluoreszierenden Licht zu sein! Aber wie nur sollte er dahin zurück gelangen?

Voller Sehnsucht schloss Brumm die Augen. Mit einer nie gekannten Intensität wünschte er sich zurück in seinen Wald. Schon sah er vor seinem geistigen Auge das fluoreszierende Licht der Höhle... Nur noch einen Schritt, und er ließe die seltsame Höhle hinter sich und liefe, so schnell ihn seine Beine trugen, zurück zu seinem lieben Eichhörnchen...

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5

"Kati, komm schnell! Wir müssen Brumm retten!", rief das kleine Schaf, als es endlich und völlig außer Atem Brumms Höhle erreicht hatte und die Tür schwungvoll aufstieß.
Vor Schreck wäre das Eichhörnchen beinahe aus dem großen Bärenbett gefallen. "Was ist los?", fragte es noch ein wenig schlaftrunken.
"Das ist jetzt schwer zu erklären", antwortete Schafi und rang noch immer nach Luft. "Vielleicht möchtest du mir erst ein Glas von der leckeren Himbeerlimonade anbieten? Da erzählt es sich nämlich viel besser", schlug das Schaf vor. Und während das kleine Eichhörnchen die Limonade in ein Glas goss, setzte sich das Schaf an den großen Tisch und begann zu erzählen.

"Du wirst es nicht glauben", und dabei sah es Kati mit einem Gesichtsausdruck an, den sich das kleine Schaf vielleicht von Charles Dickens oder Mark Twain abgesehen haben könnte, wenn es die beiden Erzähler denn jemals gesehen haben würde. Dann beschrieb es dem Eichhörnchen den Vorfall an der Wurzelhöhle der umgestürzten mächtigen Eiche so genau es nur konnte. Sogar das seltsame Polarlicht vergaß Schafi nicht. "Und plötzlich war der Bär verschwunden!", schloss es seinen Bericht.

Kati war im höchsten Maße besorgt. Was für eine seltsame Höhle konnte das wohl sein, die ihren geliebten Brumm mit einem so magischen Licht anzog? Sie war in großer Sorge! Schnell packte sie ein wenig Proviant zusammen und machte sich gemeinsam mit dem kleinen Schaf auf den Weg zur Höhle. Brumm brauchte ihre Hilfe und sie würde da sein!

So schnell sie nur konnten, eilten Kati und das kleine Schaf durch den Wald. Während das Eichhörnchen von Ast zu Ast und von Baum zu Baum sprang, hoppelte das Schaf auf dem Waldweg vorwärts. Schneller! Noch schneller, mahnte Kati sich zur Eile. Wer weiß, in welch missliche Lage sich ihr Brumm mal wieder gebracht hatte und sicherlich konnte er Hilfe gut gebrauchen. Hoffentlich kommen wir nicht zu spät, dachte das Eichhörnchen voller Sorge.

"Da!", rief auf einmal das Schaf und nun sah auch Kati die umgestürzte Eiche quer über dem Weg in vielleicht 100 m Entfernung vor ihnen liegen. Wagemutig durchpflügte sie die Baumwipfel und landete schließlich mit einem letzten eleganten Sprung wenige Meter vor dem Eingang der Höhle. Einige Augenblicke nach ihr hatte auch das kleine Schaf den Höhleneingang erreicht.

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6

"Seltsam", sagte Kati und sah das Schaf fragend an. "Hattest du nicht von einem Leuchten ähnlich des Polarlichts gesprochen, das aus dem Inneren der Höhle kommt? Ich kann nichts sehen!"
"Hm", sagte das Schaf verlegen, "ich weiß nicht, wo das Leuchten jetzt ist, aber vorhin war es noch da. Ich schwöre!" Und mit großen Augen sah es Kati treu an.

"Seltsam!", wiederholte Kati und bewegte sich zum Höhleneingang. Sie war fest entschlossen, Brumm in der Höhle zu suchen und ihn da herauszuholen. Sicher hatte er sich verlaufen und fand den Ausgang nicht mehr. Manchmal amüsierte es sie doch sehr, wie orientierungslos ihr Brumm doch war! Aber bisher hatte er sich auch noch nicht in so eine gefährliche Situation gebracht und sich in einer fremden Höhle verlaufen.

Nun war der Eingang zur Höhle nur noch zwei Eichhörnchensprünge weit entfernt. Unvermittelt blieb sie stehen.
"Was ist?", fragte das Schaf aus dem Hintergrund.
"Ich trau mich nicht", flüsterte Kati. Der Höhleneingang schien riesig zu sein und dahinter lauerte eine undurchdringliche Finsternis. "Es ist so dunkel da drinnen", sagte Kati mit einer großen Portion Angst in der Stimme.
"Ich weiß", antwortete das Schaf, nun ebenfalls flüsternd.

"Aber wir sollten trotzdem versuchen, gemeinsam in die Höhle zu gehen und Brumm zu finden", schlug Kati vor. "Du könntest mich auf deinen Rücken nehmen, und wir halten zusammen Ausschau. Und wenn es unheimlich wird, läufst du ganz schnell wieder aus der Höhle, ja?" Unsicher nickte das Schaf.
So sprang Kati auf Schafis Rücken und hielt sich gut fest. Aber nach nur zwei Schritten stoppte Schafi schon wieder.

"Was ist?", fragte diesmal das Eichhörnchen. "Ich trau mich nicht", antwortete nun flüsternd das Schaf.
"Wir sind vielleicht zwei Helden", konstatierte Kati und musste über ihre und des Schafes ängstlichkeit schmunzeln.
"Vielleicht ist es besser, wenn wir hier auf Brumms Rückkehr warten?", schlug Schafi vor.
"Nein", antwortete Kati, denn sie glaubte nicht, dass der Bär - orientierungslos, wie er nun einmal war - aus eigener Kraft den Ausgang der Höhle finden würde.

In diesem Augenblick begann es im Inneren der Höhle zu Leuchten. Erst nur ganz zart, dann immer kräftiger, bis Kati in dem fluoreszierendem Licht jenes Himmelsleuchten erkannte, das sie im letzten Winter am Nordpol gesehen und in dessen Glanz ihr der Bär eine wunderbare Liebeserklärung gemacht hatte.
Ein wenig verängstigt trat das Schaf zurück. Und nur eine Sekunde später erschien plötzlich der Bär. Er taumelte aus der Höhle, lief noch zwei Schritte und fiel dann wie vom Blitz getroffen ins warme Gras.

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7

"Brumm?!", rief Kati überrascht und besorgt zugleich. Sie beugte sich über den Bären, der wie schlafend im Gras lag.
"Brumm, was ist mir dir?", sprach sie den Bären an, aber Brumm reagierte nicht.
"Oje, was ist mit ihm?", wandte sich das Eichhörnchen nun ratsuchend an das Schaf. "Am besten, du gehst sofort zu Fred, dem Fuchs. Der weiß bestimmt, was zu tun ist. Oder besser, geh gleich zu Dr. Uhu! Ich glaube, Brumm braucht einen Arzt."

Aber Schafi hatte eine andere Idee. Es legte sich zu Brumm ins Gras, ganz dicht an den Kopf des Bären und flüsterte ihm ins Ohr: "Brumm, Kati hat eine riesengroße Portion Schokoladenpudding für dich!"
Zack! War der Bär wach und schaute neugierig, wenn auch noch ein wenig benommen zuerst Kati und dann das kleine Schaf an. "Schokopudding?"

"Leider nicht", musste Kati den Bären enttäuschen und umarmte ihn dann erleichtert. Und dann musste Brumm viele Fragen beantworten. Warum er denn allein in die Höhle gegangen sei. Und was es da drin aufregendes zu entdecken gab. Und warum er nicht sofort wieder umgekehrt sei, als das Leuchten erlosch.
"Und überhaupt, du dummer, großer Bär!", schimpfte Kati nun doch ein wenig, "mir so einen Schrecken einzujagen. Ich bin noch ganz blass vor lauter Sorge um dich!" Und zärtlich gab sie ihrem Brumm ganz viele Küsschen auf die Nase.

Und dann begann Brumm zu erzählen. Nicht jedoch, ohne vorher Katis mitgebrachten Proviant aufzufuttern. Denn Reisen macht hungrig, brumm!
Der Bär erzählte von dem strahlenden Etwas, in das er geradewegs hinein zu fliegen schien und dem Kribbeln, so als würde er sich auflösen und plötzlich saß er als Mensch an einem richtigen Schreibtisch und tippte eine lustige Geschichte in die Tastatur eines kleinen Computers.

Mit offenem Mund hörten Kati und das kleine Schaf Brumms Geschichte an.
"Das gibt's doch gar nicht!", sagte Kati schließlich, als Brumm geendet hatte. In ihrer Stimme lag eine Mischung aus Zweifel und Erstaunen.
"Bär, du verarschst uns, oder?", fragte in diesem Augenblick der Fuchs, der plötzlich wie aus dem Nichts hinter Kati und dem kleinen Schaf aufgetaucht war.

Wie jeden Tag befand sich Fred auf seinem morgendlichen Streifzug durch den Wald. Schon von weitem konnte er den imposanten Baum erkennen, der nun quer über dem Weg lag. Beim Näherkommen sah er das Eichhörnchen und das kleine Schaf vor dem Bären sitzend aufmerksam zuhören. Neugierig und vollkommen lautlos trat der Fuchs näher und konnte noch den Schluss von Brumms Geschichte mit anhören.

"Bär, du verarschst uns, oder?"
"Nein!", beteuerte Brumm vehement. "Ich hab mir das nicht ausgedacht!" Aber Schafi hatte eine Erklärung für Brumms Erlebnis in der Höhle, und sie war plausibel: "Der Bär hat sich in der Höhle bestimmt mit Sauerampfer vollgestopft und ihr könnt mir glauben, ich erkenne ein Sauerampfer-Delirium auf fünf Meilen Entfernung!"

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8

Und wieder versicherte der Bär, dass er sich die Geschichte nicht ausgedacht habe.
"Da hilft nur eins", sagte der Fuchs. "Selbstversuch." Neugierig und voller Entdeckerlust lief er auf den Höhleneingang zu. Er sah das fluoreszierende Leuchten im Inneren einer ansonsten völlig dunklen Höhle. Witternd wollte Fred seine Nase in die Höhle stecken, aber - was war das? Irgend etwas hinderte ihn daran, in die Höhle einzutreten. Ein Widerstand, sanft, aber unüberwindbar. So, als hätte er sich gestoßen, aber ohne Schmerz.

Fred versuchte es noch einmal, wieder ohne Erfolg. Es gelang ihm auch mit größter Anstrengung nicht, in das Innere dieser seltsamen Höhle zu gelangen. "Das gibt's doch gar nicht!", murmelte er verwundert und setzte sich ratlos ins Gras. Er müsse nachdenken.
"Lass mich mal", rief das Schaf und stürmte ungestüm auf den Höhleneingang zu. "Nein Schafi, nicht!" rief das Eichhörnchen noch voller Sorge, aber da prallte Schafi bereits am Höhleneingang ab und fiel rücklings ins weiche Gras. Sofort war Kati bei ihm und erkundigte sich, ob Schafi auch nichts fehle.

Brumm war unterdessen aufgefallen, dass jedes mal, wenn jemand den Höhleneingang berührte, sich das seltsame Leuchten im Inneren der Höhle veränderte. Es schien, als würde es für einen Moment wellenförmig gebeugt. "Gerade so wie die Oberfläche eines Sees, in den jemand ein Steinchen wirft", sinnierte Brumm, als er seinen Freunde seine Beobachtung schilderte.
"Interessant", sagte der Fuchs. "Und mysteriös zugleich. Was das wohl sein kann?", fragte er mehr zu sich selbst gewandt.

"Ich vermute, dahinter steckt das plancksche Strahlungsgesetz", mutmaßte der Bär und seine Freunde sahen ihn überrascht an.
"Bitte was?!", fragte Fred.
"Das plancksche Strahlungsgesetz", fuhr Brumm fort. "Nach Max Planck, einem berühmten deutschen Physiker. Das von ihm entdeckte Gesetz verband das Wiensche mit dem Rayleigh-Jeans-Gesetz, die beide als Grenzfälle betrachtet werden können."
Stille.

Kati fasste sich als erste. "Brumm, geht es dir gut?" Und besorgt legte sie ihr Pfötchen auf des Bären Stirn um zu prüfen, ob er vielleicht Fieber habe. Aber der Bär schien kerngesund.
"Blankes Strahlenverpetz!", versuchte Schafi die Worte Brumms zu wiederholen und schüttelte den Kopf.
"Ich glaube, nach der Aufregung dieses Tages brauchen wir alle eine Pause", sagte schließlich der Fuchs. "Lasst uns nach Hause gehen, uns ausruhen und nachdenken. Morgen nach dem Frühstück treffen wir uns wieder hier. Und zu niemandem ein Wort!"

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9

Am nächsten Morgen trafen sich die Freunde wieder am Eingang der geheimnisvollen Höhle. Fred hatte seine gesamte kriminalistische Ausrüstung, die er zur Spurensuche an Tatorten benötigte, dabei. Akribisch untersuchte er mit all seinem Spürsinn, mit all seiner Kombinationsgabe, den Eingang zur Höhle und das unmittelbare Umfeld.

Der Fuchs arbeitete ruhig und konzentriert, er nahm sich viel Zeit, doch er fand keinerlei Hinweise, die ihm weiterhelfen konnten. Irritiert hielt er inne und musste sich eingestehen: Er, der berühmte Detektiv Fred der Fuchs, war ratlos. Dabei hatte er bislang noch jeden Fall, und war er noch so verworren, lösen können. Doch hier: Nichts, aber auch gar nichts schien erklären zu können, wie es dem Bären gelungen war, in das Innere der Höhle zu gelangen, während dies dem Fuchs, dem Eichhörnchen und dem kleinen Schaf verwehrt geblieben war. Nachdenklich kratzte sich Fred am Hinterkopf und ließ seine Freunde an seinen Gedanken teilhaben: "Ich glaube, ich bin doch nur ein durchschnittlicher Detektiv."

"Aber das stimmt nicht!", widersprach Kati. "Du bist der klügste Detektiv der Welt, ganz bestimmt!" Schafi und Brumm nickten. "Und wenn du diesen Fall nicht lösen kannst, liegt es vielleicht daran, dass es gar keinen Fall gibt."
Verblüfft sah Fred das kleine Eichhörnchen an, während Kati weitersprach: "Außerdem wurde ich nicht wie du und Schafi von der Höhle abgewiesen", fuhr Kati fort. "Ich hatte zwar versucht, in die Höhle zu gelangen um nach Brumm zu suchen, aber dann fürchtete ich mich doch zu sehr. Und als ich gemeinsam mit Schafi einen neuen Versuch unternehmen wollte, kehrte Brumm gerade aus der Höhle zurück."

"Das heißt, wir müssen jetzt überprüfen, ob du in die Höhle gelangen kannst", folgerte Fred und sah das kleine Eichhörnchen an. Er bemerkte Katis zögern. "Es ist für die Wissenschaft", versuchte Fred sie zu motivieren. "Und für die Kriminalstatistik", ergänzte er.

"Für die Kriminalstatistik?", fragte Brumm zweifelnd. "Ja, na klar!", bekräftigte der Fuchs. "Falls es sich hier um einen richtigen Fall handelt, wäre es das erste Mal, dass ich ihn nicht gelöst haben würde, und das wollen wir doch alle nicht, oder?"
Das sah Kati ein. Zögernd bewegte sie sich auf den Höhleneingang zu. Sie sah das gleichmäßige Leuchten im Inneren der Höhle und das verstärkte ihre Furcht. "Warte", rief da der Bär. Kati hielt inne.

Brumm spürte Katis Unbehagen und wollte ihr beistehen. So verließ er seinen Platz im weichen Gras und stellte sich neben sein geliebtes Eichhörnchen unmittelbar vor dem Höhleneingang. "Ich bin an deiner Seite und nichts kann dir geschehen", flüsterte er zärtlich in Katis Ohr.
Dankbar nahm sie seine Pfote und ging einen weiteren kleinen Schritt auf die Höhle zu. Und noch ein Schritt und noch einer; noch immer ihr Pfötchen in der des Bären, erreichte sie schließlich den Höhleneingang, und dann geschah es: Aus dem gleichmäßigen, fast zarten Leuchten wurde ein grelles Strahlen. Kati war, als würde ihr Fell vibrieren. Sie sah an sich herunter und befand sich plötzlich inmitten des blendenden Lichts. Bevor sie die Augen schützend schloss, vergewisserte sie sich, das Brumm noch immer an ihrer Seite war. Dann wurde sie von einer sanften Kraft unwiderstehlich in eine undefinierbare Richtung gezogen. Das kleine Eichhörnchen verschmolz mit dem Licht. Und mit ihr der Bär.

Schafi und Fred beobachteten die Szene aus sicherer Entfernung und trauten ihren Augen nicht. Plötzlich war das Leuchten im Inneren der Höhle erloschen. Kati war verschwunden und der Bär ebenso. Schafi und Fred schauten sich ratlos an.

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10

Kati bemerkte verwundert, dass sie keine Angst mehr empfand. Sie glaubte sich in der Mitte von einem strahlenden Etwas; undefinierbar, aber so intensiv, so gleißend, dass sie die Augen nicht öffnen konnte. Ihr Körper schien zu zerfließen, Katis Fell bestand aus Millionen kleiner Funken.

Sie spürte ein intensives Kribbeln, gerade so, als ob Brumm sie an den Fußsohlen kitzeln würde, ein kalter Lufthauch - und plötzlich war das Leuchten verschwunden. Und mit ihm die Höhle. Kati öffnete die Augen, um sie sofort wieder zu schließen. Ihr war, als schwebte sie. Höher, stetig höher und das Eichhörnchen wurde immer leichter, bis sie nahezu schwerelos in eine gleißende Sonne zu schweben schien. Im nächsten Moment spürte sie ihr Gewicht wieder, aber etwas war anders. Das Schweben hatte aufgehört. Vorsichtig öffnete Kati erneut die Augen.

Sie befand sich in einem hell erleuchteten, großen Raum. An den Wänden Regale voller Bücher, selbst inmitten des Raumes, der mehr wie eine Halle anmutete, standen dicht an dicht und hoch bis zur Decke Regale voll mit Büchern. Es gab Tische und Stühle, auf denen vereinzelt Menschen saßen und in den Büchern lasen.

Kati erschrak: Menschen! Doch bevor ihr Fluchtinstinkt greifen konnte, gewahrte sie, dass sie selbst auch eine Menschengestalt angenommen hatte. Ganz genau so, wie Brumm es beschrieb, als er von seinem ersten Ausflug in die seltsame Höhle berichtet hatte. Und überhaupt? Wo ist Brumm, durchfuhr es Kati. Noch immer spürte sie ihr Pfötchen in seiner großen Pranke. Aber etwas war anders. Sie drehte ihren Kopf zur Seite und lächelte erleichtert. Da stand ihr Brumm. Er war wie sie ein Mensch, zwar nicht mehr so groß wie als Bär, jedoch mit einem kleinen Bärenbäuchlein, welches dass T-Shirt, das er trug, ein wenig ausbeulte.

Und Brumm? Der Bär war vor lauter Begeisterung völlig sprachlos. Er sah sein geliebtes Eichhörnchen nun in Menschengestalt. Er sah Katis wunderschönes Haar, das die Farbe ihres buschigen Eichhörnchenschwanzes hatte. Er bewunderte ihren schönen Körper, spürte ihre Hand in seiner Hand, spürte die Wärme, die von ihr ausging und hatte den sehnlichen Wunsch, dieses liebe Geschöpf ganz fest zu umarmen und nie mehr freizugeben. Er sah ihr Lächeln, dass ihm direkt ins Herz fuhr und so geschah es, dass sich der Bär innerhalb einer einzigen Sekunde nun auch als Mensch in seine Kati verliebt hatte.

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11

So führte sie ihre erste gemeinsame Reise in die Menschenwelt also ausgerechnet in eine Bibliothek. Das überraschte Brumm gar nicht, denn zu Hause im Wald liebte Kati es, in ihrem Kobel im Schaukelstuhl zu sitzen und zu lesen. Sie hatte dort ein großes Regal voller Bücher und Brumm wusste, dass sie sie alle gelesen hatte. Warum sollte Kati dann ausgerechnet in der Menschenwelt etwas anderes tun, als in einer Bibliothek zu arbeiten?

Für Kati war die Menschenwelt spannend und verwirrend zugleich. Sie wusste sofort viele Dinge, konnte aber nicht sagen, woher. Zum Beispiel, dass sie Aufzüge in Gebäuden nur ungern benutzte und abwärts lieber die Treppe nahm. Dass sie Musik liebte und gern tanzte, aber große Menschenmengen mied, wenn es irgend möglich war. Besonders schlimm war, dass sie viele Speisen der Menschen mochte, aber nur wenige davon vertrug, während Brumm wahllos alles in sich hineinschaufeln konnte und keinerlei Probleme bekam.

Aber immer, wenn sie in der Menschenwelt waren, geschah etwas merkwürdiges mit ihnen: Aus einem unbekannten Grund gelang es Brumm nie, seiner Kati in die Augen zu sehen. So sehr Kati sich das wünschte, weil sie es innig fand und die Augen die Fenster zur Seele seien, wie ein Menschensprichwort sagte und sie ihrem Brumm zu gern auf den Grund seiner Seele geschaut hätte, gelang es Brumm einfach nicht, ihren Blick zu erwidern und sich im grau-blau ihrer Augen zu verlieren. Sehr merkwürdig, dachte Brumm. Vielleicht hat ja der Fuchs eine Erklärung dafür.

Auch in der Menschenwelt hatte Kati einen Kobel, nur dass er hier Wohnung hieß und aus Zimmern mit Fenstern und Türen bestand. Und wie ihr Kobel im Wald war auch dieser Kobel voll mit ganz vielen wichtigen Dingen, die ein Eichhörnchen nun mal zum überleben braucht. Zum Beispiel ungefähr 400 Tassen in Regalen und Schränken, "denn es könnten ja 399 davon kaputt gehen und dann habe ich wenigstens noch eine Tasse", antwortete Kati auf die entsprechende Frage Brumms.

Und dann gab es da noch ein Ding namens Fernseher in Katis Menschenkobel, und dieser Fernseher nahm sie sehr gefangen. Dort wurden viele Filme gezeigt, in denen Verbrechen geschahen. Die hießen Krimis und die sah Kati am liebsten. Schnell erkannte sie das diesen Filmen innewohnende Muster: Es geschah ein Verbrechen, dann gab es ein paar Verdächtige und am Ende wurde der Täter überführt. Kati brachte es innerhalb kürzester Zeit zur Perfektion und konnte oft schon nach nur wenigen Minuten vorhersagen, wer der Täter war.

Aber bei all den aufregenden Sachen in der Menschenwelt sehnte sie sich doch wieder zurück in ihren Wald. Und so fragte sie Brumm, wie sie zurück nach Hause kommen können. Das war dem Bären zunächst auch nicht so klar.
"Vielleicht müssen wir hier nach einer Höhle suchen, die uns aus der Menschenwelt zurück nach Hause bringt?"

Aber dann fiel ihm ein, wie er von seiner ersten Reise in den Wald zurückkehrte. "Wir müssen beide ganz fest die Augen schließen und uns wünschen, wieder im Wald zu sein. Und wir müssen es uns so genau vorstellen, dass es sich anfühlt, als wären wir wieder zu Hause." Und so fassten sie sich an den Händen, schlossen die Augen und wünschten sich sehnlichst die Rückkehr nach Hause.

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12

"Langweilig!", sagte das Schaf und starrte mit müden Augen auf den Höhleneingang. "Langsam könnten sie jetzt aber wirklich mal zurück kommen!"
Seit Tagen bewachte er nun schon gemeinsam mit dem Fuchs den Eingang zur Höhle. Aber nichts geschah! Die Höhle war einfach nur dunkel, denn mit Brumm und Katis Verschwinden war das fluoreszierende Licht erloschen.

Anfangs fragten sie sich, ob sie sich sorgen müssten. Aber das verneinte der Fuchs. "Kati ist doch bei Brumm, was soll da schon passieren?"
Aber je länger die beiden fort waren, um so größer wurde die Unruhe, die das kleine Schaf erfasste. "Wenn es stimmt, was Brumm sagte und sie tatsächlich in der Menschenwelt sind, dann wird schon alles gut gehen. Kati wird schon vorsichtig sein und auf den Bären aufpassen." Was aber, wenn die beiden ganz woanders sind? Irgendwo, von wo aus sie den Weg nach Hause nicht finden können? Darüber wollte der Fuchs lieber nicht nachdenken.

"Da!", rief das Schaf und deutete auf die Höhle. Und nun sah es Fred auch. Die Dunkelheit im Inneren der Höhle wich einem zarten Leuchten, das immer kräftiger wurde. Es schien, als wölbte sich der Eingang zur Höhle nach außen und plötzlich waren Brumm und Kati wieder da. Schwungvoll, gerade so, als würde sie jemand von hinten schubsen, stürzten sie kopfüber aus der Höhle und fielen ins weiche Gras.

"Der Wiedereintritt ist ziemlich heftig", dachte Brumm ein wenig verärgert, dann schloss er benommen die Augen. Und auch Kati musste sich erst ein wenig von der Reise erholen, bevor sie dem Fuchs von ihren Erlebnissen berichten konnte.
Haarklein befragte Fred das Eichhörnchen. Jedes Detail war wichtig und natürlich interessierte ihn, was in der Höhle geschah und auf welche Weise sie wieder zurückkehrten.

Schafi hatte sich zu Brumm gesellt, der inzwischen auch wieder erwacht war. Bequem lag das Schaf nun mit dem Kopf auf dem Bärenbauch und hörte Katis Erzählung interessiert zu.
Je länger Kati berichtete, desto stärker wuchs in Fred eine Vorstellung von dem, was es mit dieser seltsamen Höhle auf sich hatte.

Als das Eichhörnchen schließlich ihren Bericht beendet hatte, dachte der Fuchs noch eine Weile nach. Manchmal wiegte er mit geschlossenen Augen seinen Kopf, dann wieder schien es, als malte er imaginäre Zeichen mit seinen Pfoten in die Luft. Dann endlich ließ er die Freunde an seinen überlegungen teilhaben: "Wir wissen, dass diese Höhle keine gewöhnliche Höhle ist. Offensichtlich handelt es sich um ein Portal zu einer anderen Welt, zu der aber nur ausgewählte Tiere Zugang haben. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, ob ihr die einzigen seid, die das Portal betreten dürfen oder ob euch noch jemand begleiten darf."

Sie vereinbarten für den nächsten Tag einen weiteren Test und gingen nach Hause. Der Fuchs brauchte dringend ein Bad nach all den Tagen des Wartens am Höhleneingang.
Brumm freute sich auf Schokoladenpudding mit Waldhimbeeren.

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13

Am darauffolgenden Morgen trafen sich die vier Freunde wieder vor der Höhle.
"Ich habe mir etwas überlegt", begann der Fuchs seine Ausführungen zum heutigen Experiment. "Wir wissen, dass Brumm entweder allein oder gemeinsam mit Kati durch das Portal reisen kann. Wenn wir ergründen möchten, wer Brumm außer dem Eichhörnchen begleiten darf, müssen wir nun Kati durch einen anderen Probanden austauschen. Dann bliebe die für die Reise notwendige Menge an Portationsenergie die gleiche wie bei der gestrigen Reise. Was meint ihr?"

"Stimmt", antwortete Kati. "Aber Fred ist schwerer als ich und das Schaf ist schwerer als der Fuchs", wandte sie ein.
"Falls das Gewicht überhaupt eine Rolle spielt", fügte das Eichhörnchen noch hinzu.
"Falls es sich überhaupt um Portationsenergie handelt, von der wir übrigens noch gar nicht wissen, woher sie kommt", warf der Fuchs ein.
"Bestimmt von den 1.21 Gigawatt, die sich beim Blitzeinschlag in die alte Eiche entladen haben", vermutete Brumm. Die anderen sahen ihn mit großen Augen an. Woher zum Geier hatte der Bär plötzlich dieses Wissen?

Der Fuchs betrachtete Brumm argwöhnisch. Ob sein Gehirn während der Reisen durch das Portal irgendwelchen Strahlungen ausgesetzt war, die seine Denkkraft erhöhten? Ich muss dringend selbst diese Erfahrung machen, dachte Fred und mahnte zur Eile: "Gut, dann begleite ich den Bären jetzt als nächster auf seiner Reise." Er stellte sich direkt vor den Höhleneingang und forderte Brumm auf, sich neben ihm zu positionieren.

"Darf ich bitten?", fragte der Fuchs und bot dem Bären seine Vorderpfote.
"Ach ja!", sagte der Bär und hatte verstanden. Ohne ihn würde der Fuchs ja keinen Zutritt zur Höhle bekommen, also mussten sie sich an den Pfötchen halten.
"Und los!", gab Fred das Kommando. Sie hätten mit nur einem Schritt in die Höhle eintreten können, aber eine sanfte Kraft verwehrte ihnen den Zutritt. Das Leuchten im Höhleninneren nahm für einen Moment ab, dann strahlte es wie zuvor.
"Es funktioniert nicht", sagte der Fuchs enttäuscht.
"Sei nicht traurig", versuchte Kati zu trösten. "Es liegt bestimmt nicht an dir. Vielleicht ist die Höhle ja kaputt?"
"Quatsch!", widersprach Fred. "Warum auch immer - ich darf nicht durch das Portal reisen. Wenn ich nur den Grund dafür wüsste!"

"Darf ich es jetzt mal versuchen?", fragte das kleine Schaf und begab sich sofort zum Höhleneingang. Gerade wollte es Brumms Pfote anfassen, da griff Kati ein: "Wartet! Haltet ihr es wirklich für eine so gute Idee, allein in die Menschenwelt zu reisen? Mir wäre wohler, wenn ich dabei wäre und auf Schafi aufpassen könnte."
Und noch bevor der Bär, das Schaf oder der Fuchs etwas erwidern konnten, war sie mit zwei eleganten Eichhörnchensprüngen bei Brumm am Höhleneingang angelang und kuschelte sich in sein Fell.
"Jetzt!", dirigierte sie. Daraufhin unternahmen Brumm und Schafi gemeinsam den letzten Schritt hin zum Höhleneingang - und waren verschwunden.
Der Fuchs blieb mit einer Mischung aus Verwunderung und Enttäuschung zurück.

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14

Das kleine Schaf spürte eine sanfte Kraft, die ihn einhüllte und mit sich zog. Es glaubte sich in der Mitte von einem strahlenden Etwas; undefinierbar, aber so intensiv, so gleißend, dass es die Augen nicht öffnen konnte. Sein Körper schien zu zerfließen, Schafis Fell bestand aus Millionen kleiner Funken. Es spürte ein intensives Kribbeln, gerade so, als ob seine Mama es an den Füßen kitzeln würde; ein kalter Lufthauch - und plötzlich war das Leuchten verschwunden. Und mit ihm die Höhle.

Schafi öffnete die Augen, um sie sofort wieder zu schließen. "Ich schwebe", dachte das Schaf verwundert. Es fühlte sich an, als hätte es zuviel Sauerampfer genascht. Höher, stetig höher stieg das kleine Schaf und wurde immer leichter, bis es nahezu schwerelos in eine gleißende Sonne zu schweben schien. Im nächsten Moment spürte es sein Gewicht wieder, aber etwas war anders. Das Schweben hatte aufgehört. Vorsichtig öffnete das kleine Schaf erneut die Augen.
Es befand sich in Katis Kobel in der Menschenwelt. Es lag auf der Couch, eng angeschmiegt an Brumm, der zu schlafen schien, aber alles war nun ganz anders. Brumm war ein richtiger Mensch und Kati war ein richtiger Mensch und das kleine Schaf war...

Seltsamerweise war das kleine Schaf auf der anderen Seite des Portals nicht lebendig, sondern ein sehr süßes, schwarzes Kuschelschaf. Es konnte sprechen, obwohl sein Mund nur aus einem aufgenähten Faden bestand. Und es hatte eine Tasche in seinem Fell, in dem sich ein Schlüssel befand. Den trug das kleine Schaf in der Menschenwelt voller Stolz mit sich, denn es wusste, dass es das Schnapsschränkchenschlüsselchen war. Und obwohl es nicht wusste, was das ist und von wem es diesen Schlüssel überhaupt bekommen hatte, war dem Schaf klar, dass es sich um etwas ganz besonderes handeln musste.

Die dritte Reise sollte sie in eine Stadt namens Oberwiesenthal führen. Hier wollten Kati und Brumm ein paar Tage Urlaub verbringen. Und weil Kati ein wunderschönes Auto besaß und Brumm sogar wusste, wie man es fuhr, erlebten sie eine entspannte Anreise, auf der sie gemeinsam Lieder sangen und Kati ihren Brumm gern auf besonders schöne Wolken am Himmel oder Vögel in den Bäumen aufmerksam machte, was der Bär mit einem unbestimmten Brummen und den Worten, er müsse auf den Verkehr achten, quittierte.

Ein Erlebnis auf dieser Reise blieb dem kleinen Schaf besonders gut in Erinnerung. Brumm und Kati fuhren mit einer kleinen Dampfeisenbahn. Das Schaf durfte als blinder Passagier in Katis Rucksack mitfahren. Unterwegs aber verließ das Schaf den Rucksack - und wir fragen an dieser Stelle nicht, wie es das wohl angestellt haben mag angesichts der Tatsache, dass es sich um ein Schaf aus Plüsch handelte und die Beantwortung nur mit der Existenz von Paralleluniversen in Form von Schäfchenwolken und einem Raum-Zeit-Kontinuum voller Sauerampfer möglich wäre - aber lassen wir das.

Das Schaf gelangte also auf wundersame Weise zu einem geöffneten Fenster und streckte seinen Kopf in den kühlen Fahrtwind. Die Welt zog langsam an ihm vorbei und gerade, als es den Moment am meisten genoss, wurde es von Kati fotografiert. Diese Bild sollte zu einem von Brumms und Katis Lieblingsfotos werden. Aber das ist war ja auch kein Wunder. Es stellte sich nämlich heraus, dass Kati immer den Blick für die schönsten Motive hatte und jede ihrer Reisen fotografisch festhielt.
"Weil ich doch so vergesslich bin und mich immer daran erinnern möchte, wie schön unser Leben ist."

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15

Und weil diese Reise so schön war, beschlossen die drei, von nun an - wie eine richtige Familie - gemeinsam zu reisen. Sie erlebten wunderbare Momente in einer Stadt namens Arosa, in der Mitte September innerhalb nur eines Tages soviel Schnee fiel, dass sie wie kleine Kinder durch die weiße Pracht tobten und glaubten, einen sanften Hauch von Weihnacht zu verspüren.

Oder jener unvergessliche Abend in der größten Stadt, die Brumm je gesehen hatte. Es gab da einen sehr hohen Turm mit einer Kugel in der Mitte und das Wappentier dieser Stadt war ein Bär mit einem ebensolchen kugelrunden Bäuchlein, wie Brumm es hatte. So etwas verbindet! Und es gab da sogar eine riesig große Waldbühne. Dort besuchten sie das Konzert ihrer Lieblingsband und tanzten bis spät in die laue Sommernacht.

Doch eines Tages wartete der Fuchs nicht mehr vor der Höhle auf ihre Rückkehr. Fred war es einfach leid, Tag und Nacht auszuharren, irgendwann von Brumm die tollsten Abenteuer erzählt zu bekommen, die die drei auf der anderen Seite des Portals erlebt hatten und er selbst war von all diesen Reisen ausgeschlossen! Außerdem wollte er die Aufmerksamkeit der Waldtiere nicht auf den Eingang zum Portal lenken, in dem er Tag und Nacht an der umgestürzten alten Eiche ausharrte und Löcher in die Luft guckte. Denn inzwischen war den anderen Tieren aufgefallen, dass man das Eichhörnchen, den Bären und das kleine Schaf nur noch sehr selten zu sehen bekam.

"Wo treibt ihr euch denn schon den halben Sommer lang herum?", wollte die neugierige Elster wissen, als ihr eines Tages zufällig Brumm über den Weg lief. "Man sieht euch ja gar nicht mehr."
Brumm malte nervös mit seiner Hintertatze Kreise in den Staub des Waldweges und stammelte dabei etwas von Ferien und dass man einer Frau wie Kati schon etwas bieten müsse, aber die Elster sah ihn nur verständnislos an und verdrehte skeptisch die Augen.

Inzwischen hatte der Fuchs weiter an seiner Theorie gearbeitet, mit der er die Eigenschaften der seltsamen Höhle beschreiben wollte. Es war ihm unmöglich zu verstehen, weshalb Brumm und Kati weder das Ziel der Reise noch die Zeit, in die sie reisten, bestimmen konnten. Sie wussten lediglich, dass die Reisen durch das Portal nur gelangen, wenn Brumm dabei war.
"Brumm ist quasi das Medium", folgerte Fred. Aufmerksam hörten Kati und das kleine Schaf zu. Der Bär folgte Freds Erläuterungen scheinbar teilnahmslos. Es war einer jener Abende, an denen sie an Brumms großem Tisch saßen und bis spät in die Nacht diskutierten.

Nach einer längeren Pause des Nachdenkens nahm der Fuchs den Faden wieder auf: "Kati und das Schaf können dich zwar begleiten, weil sie deine Familie sind", sprach er den Bären direkt an, "aber ohne dich kann scheinbar kein anderes Tier das Portal passieren. Es ist, als ob das Portal auf dich gewartet hätte. Als seist Du der Auserwählte."

"Aber warum denn ausgerechnet Brumm", wollte das Eichhörnchen wissen. Darüber konnte Fred nur mutmaßen.
"Vielleicht weil Brumm ein universelles Medium ist, quasi die gigantische kosmische Fluktuation."
Verständnislos schaute das kleine Schaf den Fuchs an. "Aber genauso gut könnte es daran liegen, dass er der Verfressendste von allen Tieren des Waldes ist", murmelte Schafi und fügte hinzu: "Glaub mir, der ich auf der anderen Seite des Portals einfach nur ein Kuscheltier bin: Das Universum hat manchmal einen seltsamen Humor!"

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16

Was dem Fuchs ebenfalls ein Rätsel blieb war der Umstand, dass Brumm, seit er durch das Portal reisen konnte, plötzlich um so viel klüger war als vorher. Zwar war Fred das alte Sprichwort bekannt, wonach Reisen bilden, aber das konnte doch unmöglich die Erklärung für den plötzlichen Wissenszuwachs des Bären sein. Früher war er einfach der verfressene, tollpatschige Brumm, den man einfach lieb haben musste. Ein guter Freund, auf den man sich verlassen konnte und der zufrieden war, wenn er satt zu essen hatte und es seiner Kati gut ging.
Seit neuestem aber kannte der Bär physikalische Gesetzmäßigkeiten und konnte stundenlang über das Weltall philosophieren. Darauf konnte sich Fred einfach keinen Reim machen.

Kati hatte eine Idee: "Vielleicht kommt das daher, weil er in meinem Kobel in der Menschenwelt immer mit Schafi auf dem Bauch auf meiner Couch liegt und Bildungsfernsehen anschaut."
"Und warum ist dann das Schaf nicht auch so klug?", entgegnete der Fuchs.
"Weil ich eigentlich immer nur dann zuhöre, wenn es um Sauerampfer geht", antwortete das Schaf. "Den Rest des Tages habe ich lustige Melodien im Kopf und summe dazu leise vor mich hin."

Brumm beteiligte sich nicht am Gespräch. Wie abwesend sitzt er da, dachte Kati. Nach seiner Meinung gefragt, antwortete der Bär, dass ihn das Reisen durch das Portal schrecklich müde mache und er am liebsten gar nicht mehr zu jener seltsamen Höhle gehen möchte. Ihn verwirrten die Reisen in die Menschenwelt zunehmend und inzwischen war er der festen überzeugung, dass ihn die vielen Ausflüge krank machten.

"Wir sollten vielleicht gar nicht mehr reisen. Oder wenigstens eine Pause einlegen", schlug Brumm zaghaft vor. "Wir könnten uns von den Abenteuern in der Menschenwelt erholen. Denn so schön die Erlebnisse mit dir und Schafi sind", und dabei sah er seine Kati bittend an, "strengt mich das doch alles sehr an und dann freue ich mich immer auf die Zeit, in der ich meine Höhle so gut wie nie verlassen muss."

"Ach Brumm", sagte da das kleine Eichhörnchen. "Wir müssen nicht verreisen, wenn du das nicht möchtest." Und während der Bär vor Freude jubelnd durch seine Höhle tanzte, dachte Kati, dass es ja nicht für immer sein muss. Sie liebte diese Reisen so sehr! Es war so aufregend in der Menschenwelt! Und was es da alles zu sehen gab! Sobald der Bär sich erholt hat, dachte sie im stillen, könnten wir ja wieder zum Portal gehen. Und so sehr sie ihren Brumm auch liebte und wünschte, dass es ihm gut geht, so sehr freute sie sich auf die Momente, in denen sie unterwegs waren und die Menschenwelt erkundeten.

So vergingen also die letzten Sommertage, die Kati und Brumm nun mit viel kuscheln und ausruhen verbrachten. Dann wurde der Wind kühler und mit jedem der nun folgenden verregneten Tage färbten sich die Blätter an den Laubbäumen bunter, bis sie schließlich herab fielen und als bunte Kleckse den Waldboden zierten.

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17

Nun war es also Herbst geworden.
Kati plagte schon seit Tagen eine seltsame Unruhe, dass Brumm schon Dr. Uhu rufen wollte, weil er befürchtete, sein liebes Eichhörnchen könne krank geworden sein. Doch Kati beruhigte den Bären. Sie beschrieb es als Fernweh. Doch damit konnte Brumm überhaupt nichts anfangen.

"Was soll das denn sein, Fernweh?", fragte er. Und Kati erklärte es dem Bären mit Worten, die er verstand: "Es ist die Sehnsucht nach dem Abend, da wir gemeinsam mit Schafi am Strand der Nordsee saßen und den Sonnenuntergang beobachteten. Erinnerst du dich? Wie faszinierend sich der Himmel verfärbte! Erst feuerrot und zum Schluss violett und es schien, als würde die Sonne im Meer versinken. Oder die vielen Abende, an denen wir tanzten und du ein bisschen Bier getrunken hast und wir in den schönen Hotels geschlafen haben. Ich vermisse das sehr!"

Ja, nun verstand Brumm. Er wollte nicht, dass seine Kati seinetwegen unglücklich war oder unter dieser seltsamen Krankheit namens Fernweh leidet. Und so einigten sie sich darauf, eine gemeinsame Liste zu schreiben mit Dingen, die sie in der Menschenwelt gut oder nicht gut fanden. Und wenn das Gute am Ende überwiegt, würden sie wieder reisen. Wenn nicht, dann nicht.

Sie setzten sich an Brumms großen Tisch und begannen zu schreiben.
Was Kati in der Menschenwelt gefällt: Musik, Tanzen, Fotografieren, neue Städte erkunden, aufs Geradewohl mit dem Auto über Landstraßen fahren, Kino, Hühnchenburger bei McDonalds. Aber nicht lange, und ihr tat das Pfötchen vom Schreiben weh. Nach einer kleinen Pause schrieb sie auf die andere Seite der Liste, was Kati in der Menschenwelt nicht gefällt: Es gibt zu viele laute Kinder und zu wenig aufmerksame Eltern.

Hm, dachte Brumm, da hat sie ordentlich vorgelegt. Er machte ein wichtiges Gesicht und begann seinerseits zu schreiben:
Was Brumm in der Menschenwelt gefällt: Es gibt Lachs in Folie zu kaufen. Es gibt Honig in Gläsern zu kaufen. Es gibt Schokoladenpudding in kleinen Plastikbechern zu kaufen.
Auf die andere Seite der Liste schrieb der Bär: Was Brumm in der Menschenwelt nicht gefällt: Dass überall so viele Menschen sind.

Tja, damit war die Sache eigentlich schon entschieden, denn auch Brumm erkannte sofort, dass die positiven Dinge in der Menschenwelt überwogen. Und weil der Bär sein kleines Eichhörnchen über alles liebte und wollte, dass sie glücklich ist, und wenn das Verreisen für sie nun mal so wichtig ist, dann musste er eben tapfer sein und seine Höhle - entgegen Tante Bärnadettes Rat - doch ab und zu verlassen, brumm!

Und so beschlossen sie, wieder gemeinsam durch das Portal in die Menschenwelt zu reisen.

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18

Während einer ihrer folgenden Reisen - das kleine Schaf war diesmal nicht mit dabei, weil es lieber mit den Hasenkindern auf der großen Wiese Karussell fahren wollte - entdeckte Kati ein wunderschönes Kuschelschaf namens Luise. Es hatte bezaubernde Augen, die jedoch die meiste Zeit des Tages geschlossen waren, da Luise von der Gattung der Schlafschafe abstammte und deshalb immer müde war und meistens schlief.

Kati beschloss, Luise durch das Portal hinüber in ihre Welt in den Wald zu bringen. Der Gedanke schien ihr ganz logisch: Wenn Schafi im Wald ein Leben als kleines Schaf führte und sich im Portal auf der Reise in die Menschenwelt in ein Kuscheltier verwandelte, müsste es doch andersherum auch funktionieren, dass Luise nämlich im Portal zum Leben erweckt würde und eine tolle Freundin für Schafi im Wald werden könnte. Kati war sich sicher, dass ihr Plan funktionieren würde, aber leider...

Leider gelang es ihr nicht, die Heimreise in den Wald anzutreten, so lange sie Luise bei sich trug. Das geheimnisvolle Portal gewährte ihr einfach keinen Zutritt, egal wie sehr sie sich anstrengte und gleichgültig, wie gut sie Luise auf der Rückreise versteckte. Das Portal ließ sie nicht passieren. So beschloss das kleine Eichhörnchen, Luise in ihrem Kobel in der Menschenwelt zurückzulassen und es zu einem späteren Zeitpunkt - vielleicht standen dann die Sterne für ihr Vorhaben günstiger - noch einmal zu versuchen.

Einige Tage später, und diesmal reiste Schafi wieder mit, weil es noch immer darauf hoffte, endlich von Brumm zur legendären Sauerampferwiese, von der der Bär neuerdings immerzu erzählte, irgendwo in eine Gegend namens Erzgebirge geführt zu werden, machten sich die drei erneut auf den Weg in die Menschenwelt. Leider führte sie diese Reise wieder nicht an Schafis Wunschziel. Zu dumm aber auch, dass Brumm nie den Austrittsort und die Ankunftszeit bei ihren Reisen durch das Portal bestimmen konnte!

Es war ein gewöhnlicher Donnerstagabend. Brumm lag dösend auf der Couch in Katis Kobel in der Menschenwelt, das kleine Schaf auf Brumms Bauch, als Schafi plötzlich das in seinen Augen aller schönste Schaf der Welt entdeckte.
Zusammengerollt lag es in Katis Lieblingssessel und schien zu schlafen. Vorsichtig näherte sich Schafi und begann an dem fremden Schaf zu schnuppern. Oh, wie gut sie doch duftete! Und wie weich und glänzend ihr schneeweißes Fell war!

Unterdessen betrat Kati das Wohnzimmer. Ihr Blick fiel auf Schafi, der verzückt jenes hinreißende Geschöpf im Sessel betrachtete. "Ach ja, ich wollte dir noch Luise vorstellen", sagte Kati. Aber da war es längst um Schafi geschehen. Es gibt nämlich doch die Liebe auf den ersten Blick! Und als es zum Aufbruch für die Rückreise in den Wald kam, entschied Schafi, vorerst in der Menschenwelt bleiben zu wollen. Er und Luise hätten sich ja noch so viel zu erzählen...

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19

"Brumm?", fragte Kati.
"Was ist?", antwortete Brumm ein wenig abwesend, denn er hatte es sich gerade in seinem Lieblingssessel in seiner Höhle gemütlich gemacht, das Feuer loderte behaglich im Kamin und seine ganze Aufmerksamkeit galt einer Schale voller Kekse, die er gestern Nacht zufällig unter seinem Bett fand und der er sich nun widmen wollte.

"Ich vermisse Schafi. Mir fehlt sein Geplapper. Und überhaupt!", ließ Kati ihren Gedanken freien Lauf. "Ich mache mir Sorgen. Er ist da mit Luise ganz allein in der Menschenwelt und auch wenn sie meinen Kobel dort nicht verlassen können, ist es ja doch bestimmt ein bisschen unheimlich, so allein in einer fremden Welt zu sein."
"Hm", wog Brumm den Kopf hin und her. "Die sind nicht alleine. Die haben sich." Und wie, dachte der Bär und schmunzelte. Er hatte doch gesehen, wie Schafi und Luise sich anschmachteten. "Die würden nicht mal bemerken, wenn ein Komet direkt neben ihnen einschlüge!"

"Trotzdem", beharrte Kati auf ihrer Meinung, dass man sich um die beiden Schafe Sorgen machen müsse. "Am besten, wir reisen gleich zu ihnen und sehen nach dem rechten, ja?", schlug sie vor und ließ sich von Brumm auch nicht mehr von ihrem Vorhaben abbringen.
Und weil Brumm sein kleines Eichhörnchen über alles liebte und Kati ja doch die meiste Zeit Rücksicht auf ihn nahm, verzichtete er auf den gemütlichen Abend in der Höhle und machte sich mit Kati auf den Weg zum Portal. Aber nicht, ohne vorher noch die Keksschüssel bis auf den allerletzten Krümel auszuschlecken.

"Wo kommt ihr denn auf einmal her?", fragte Schafi verwundert als wie aus dem Nichts plötzlich Kati und Brumm vor ihm standen. "Ich hab euch gar nicht kommen hören."
Die beiden Schafe lagen eng aneinander gekuschelt auf der Couch in Katis Menschenkobel. Luise schien tief und fest zu schlafen.
"Wir wollten nur mal sehen, ob es euch gut geht", sagte Kati und war doch sehr erleichtert, die beiden Schafe unversehrt vorzufinden. "Außerdem habe ich eine Idee, wie Brumm dich doch noch zur Sauerampferwiese bringen kann."
Jetzt war Schafi hellwach. "Erzähle!", forderte er das kleine Eichhörnchen auf.

Nun, im Grunde war es keine große Sache, aber Kati war schließlich eine Idee gekommen, wie man das Portal überlisten könne. Wenn Brumm weder den Ort noch die Zeit ihres Eintritts in die Menschenwelt bestimmen konnte und es vielleicht unmöglich war, durch das Portal direkt zur Sauerampferwiese zu reisen, dann müsste man eben einen Umweg nehmen. Zum Beispiel über Katis Kobel in der Menschenwelt und von dort mit dem schönen Auto, das Brumm so gern fuhr, zur Sauerampferwiese reisen.

"Juhu!", jubelte das kleine Schaf leise, um Luise nicht aufzuwecken. "Lasst uns sofort losfahren, ja? Ja ja ja ja ja?", und vorsichtig löste es sich mit einem sanften Kuss aus Luises Umarmung.

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20

Zwar wusste Brumm nicht, weshalb er den Weg zur Sauerampferwiese in jenem Land namens Erzgebirge kannte, aber er hätte die Strecke dahin mit verbundenen Augen fahren können. Und er hätte nicht mal dieses praktische Ding namens Navigationsgerät dafür gebraucht! übrigens eine tolle Erfindung für den orientierungslosesten Bären, den der Wald je gesehen hatte.

So waren sie also unterwegs. Der Bär am Steuer des Wagens, die Melodie eines Liedes, das gerade im Radio gespielt wurde, vergnügt mitbrummend. Kati auf dem Beifahrersitz, Schafi auf ihrem Schoß und alle gemeinsam voller Freude über diesen schönen Tag, an dem Schafis sehnlichster Wunsch in Erfüllung gehen sollte.

Schon hatten sie die Autobahn verlassen, das Land wurde bergiger, die Straßen enger und dann waren sie angelangt. Tatsächlich: überall Sauerampfer! Eine ganze Wiese voller Sauerampfer! Ich werde verrückt, dachte Schafi voller Freude und konnte sein Glück gar nicht fassen.
"Da wirste ja bekloppt im Kopf", murmelte es fassungslos. Und dann tobten sie über die Wiese und lachten gemeinsam und Kati und der Bär freuten sich mit dem in diesem Moment glücklichsten Schaf der Welt. Dann pflückten sie Sauerampfer und verstauten einen Vorrat in Schafis Tasche, in der sich bereits das Schnapsschränkchenschlüsselchen befand.

Es war ganz genau so, wie es Brumm versprochen hatte. Nur viel schöner, weil es ja nun in Wirklichkeit geschah und nicht wie in jener Nacht des schrecklichen Gewitters, als Schafi von genau diesem Ausflug zur Sauerampferwiese geträumt hatte. Ganz plastisch hatte er jetzt die Traumbilder vor Augen und es war, als liefe er mit seinen Freunden durch seinen eigenen Traum. Das war schon ein bisschen unheimlich! Und weil er sich das alles gar nicht erklären konnte, ließ er Kati und Brumm an seiner Verwirrung teilhaben.

"Das nennt sich Deja vu und bedeutet soviel wie schon mal erlebt, dabei ist das aber Quatsch, weil du diese Situation hier auf der Sauerampferwiese ja noch gar nicht erlebt haben kannst", erklärte der Bär in altklugem Tonfall und es klang ein bisschen wie die Sprecher in den Sendungen des Bildungsfernsehens, die der Bär in Katis Menschenkobel so gern sah.
"Es sei denn, du glaubst an die Theorie, dass wir alle in einer fehlerhaften Matrix leben und dir der Mandela-Effekt eben jenes Deja vu vorgaukelt. Aber das ist unwissenschaftlich!", erklärte Brumm und mahnte dann zur Eile. Er wollte zum Abendessen wieder zurück im Wald in seiner Höhle sein.

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21

Eine andere Reise führte die drei durch das geheimnisvolle Portal in ein bergiges Land namens Schweiz. Schmale Straßen mit engen Kurven führten hinauf in kleine, idyllische Städtchen, die sich an steil aufragende Felsen zu schmiegen schienen.
Ein sehr bergiges Land, wie Brumm bei der Anreise feststellen musste. Es war gar nicht so einfach, das schöne Auto mittig auf den Serpentinen zu halten, während Kati das kleine Schaf an sich drückte und begeistert ein ums andere mal auf das atemberaubende Panorama hinwies.

Kati freute sich auf die bevorstehenden Tage in diesem schönen Land und wollte unbedingt hinauf auf die allerhöchsten Berge, die selbst im Sommer noch verschneit waren und aus der Ferne wie mit Zucker überpudert wirkten. Doch auf die höchsten Gipfel führten leider keine Straßen, wie Brumm besorgt feststellen musste.

"Da nehmen wir die Seilbahn", schlug Kati unbekümmert vor.
Ja super, dachte Brumm. Kati hatte gut reden. Ihr machte die Höhe nichts aus. Sie war es gewohnt, in den höchsten Wipfeln der Bäume hin und her zu springen und dabei noch eine Nuss im Schnäuzchen in den Kobel zu transportieren. Aber Brumm hatte Höhenangst! Er bekam schon bei dem Gedanken ganz weiche Knie, in so einer kleinen Gondel über den tiefsten Abgründen hinauf bis zum Gipfel schweben zu müssen. Und als es dann ans Einsteigen ging, schlug ihm das Herz bis zum Hals. Die Türen schlossen sich und mit einem sanften Ruck setzte sich die Gondel in Bewegung. Zu spät, dachte Brumm panisch und wusste, dass er gefangen war in diesem kleinen Etwas aus Plexiglas und keinerlei Flucht mehr möglich war. Fast fühlte es sich so an wie letztes Jahr im Flugzeug, als Karl Kranich mit ihnen an Bord gen Nordpol startete. Besser, Brumm schloss wie damals die Augen und sah gar nicht hinunter in diesen lähmenden Abgrund und den dort lauernden zerklüfteten und wie Nadeln spitz aufragenden Steinen!

Kati bemerkte Brumms Unruhe. Beruhigend nahm sie den verängstigten Bären in die Arme und beschützte ihn mit ihrem Körper vor dem Ausblick in die bodenlose Tiefe unter der kleinen Gondel. Sanft redete sie auf ihn ein und bald beruhigte sich Brumm ein bisschen. Kurze Zeit später empfing sie der Gipfel mit Schnee und einem kalten Wind. Wie in einer anderen Welt, dachte Brumm und weil eine solche gefahrvolle Reise bis hinauf in die Wolken hungrig machte, schlug der Bär den Besuch des Gipfelrestaurants vor.

Da saßen sie nun, das kleine Eichhörnchen und der Bär. Sie hielten einander an den Händen, Kati dankbar für das begeisternde Panorama, das sich vor den Fenstern ausbreitete, Brumm dankbar, dass er die Fahrt mit der Gondel überlebt hatte. Und dankbar war der Bär auch dafür, dass ihn seine Kati beschützt und ihm in seiner Angst beigestanden hatte. So, wie sie ihm immer beigestanden hatte; bedingungslos und voller Liebe.

Und voller Dankbarkeit und Liebe sah nun Brumm seine Kati an. Er dachte an all die schönen Momente, die sie zusammen erlebt hatten. Er bemerkte die Liebe in ihren Augen und dass diese Liebe ihm galt. Eine Sicherheit spendende Wärme, gleich einer unerschütterlichen Kraft, beruhigend und beschützend zugleich, schien in seine Augen zu dringen und in sein Herz zu strömen. In diesem Moment realisierten die zwei, dass sie sich in der Menschenwelt in die Augen sehen konnten. Zuerst war Brumm verwirrt, dann genoss er die Freude über diesen großartigen Moment.
Es war der 1. September 2021 und Brumm wusste, dass er diesen Tag nie wieder in seinem Leben vergessen würde.

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22

Es war ein seltsamer Herbst. Nach tagelangem Regen stiegen plötzlich die Temperaturen wieder und die Tiere des Waldes genossen das schöne Wetter. Während sich die Tierkinder auf dem Karussell auf der großen Wiese vergnügten, Schafi und Brumm auf einer Decke in der Sonne dösten, langweilte sich Kati im Schatten in ihrer kleinen Hängematte.
Um sich ein bisschen zu bewegen, schlug sie einen Spaziergang vor. Missmutig brummte der Bär vor sich hin und dies bedeute zweifelsfrei, dass er von Katis Vorschlag nicht begeistert war.

"Vielleicht finden wir noch ein paar Pilze, die könnte ich dir zum Abendessen zubereiten", lockte das Eichhörnchen. Da erhob sich der Bär schließlich von der Decke. Beinahe war er eingeschlafen! Aber ein Pilzsuchspaziergang war auch in Ordnung.

Während sie durch den Wald gingen, verdunkelte sich der Himmel immer mehr. Inzwischen war die Sonne schon nicht mehr hinter den dicken Wolken zu sehen, schon kam ein bedrohliches Donnern immer näher, dann setzte der Regen ein. Zunächst suchten Kati und der Bär Schutz im Dickicht, aber als dann auch noch mächtige Blitze am Himmel zuckten, packte sie die Angst.
"Wir müssen uns irgendwo verstecken, wo wir vor den Blitzen sicher sind", rief das Eichhörnchen und war nicht sicher, ob Brumm ihre Worte im lauten Grollen des Unwetters überhaupt verstanden hatte.

"Bis nach Hause ist es jetzt zu weit", schätzte Brumm ein und wünschte sich sehnlichst zurück in seine Höhle. Moment mal, Höhle? Na klar! Da sie sich ganz in der Nähe jener seltsamen Höhle befanden, die der Fuchs als Portal in die Menschenwelt bezeichnete, schlug Brumm vor, dort Schutz zu suchen. So lief der Bär so schnell er nur konnte, das kleine Eichhörnchen in seinen Tatzen tragend, zur umgestürzten großen Eiche und erreichte endlich den Eingang zur geheimnisvollen Höhle.

Just da schlug in unmittelbarer Nähe ein Blitz ein. Er schien den Bären nur um Haaresbreite zu verfehlen. Ein gewaltiger Donnerschlag dröhnte in Brumms Ohren und erschreckte ihn so, dass er über einen Stein stolperte und das kleine Eichhörnchen aus seinen Tatzen verlor, aber da hatte sich der Mechanismus des Portals bereits in Gang gesetzt.
Untypisch war jedoch, dass das fluoreszierende Leuchten in der Mitte der Höhle sofort erlosch. Stattdessen glaubte der Bär nun feurige Blitze aus der Tiefe des Portals auf ihn zuschießen zu sehen; er glaubte, das Eichhörnchen taumelnd als einen leuchtenden Umriss davon schweben zu sehen, höher, immer höher - mein liebes kleines Eichhörnchen, dachte Brumm, dann befand er sich in undurchdringlicher Finsternis.

Benommen öffnete Kati die Augen. Sie glaubte, sich an eine Schiffsreise zu erinnern. Eine unangenehme Erinnerung, denn tagelang war ihr auf dem Schiff schlecht gewesen. Sie erinnerte sich an viele fremde Menschen; fremde Worte in einer fremden Sprache. Sie erinnerte sich an eine Bar, in der sie auf irgend etwas zu warten schien und in der ihr der Barkeeper zu ihrem 50. Geburtstag gratulierte. Wie alt die Menschen doch werden können, dachte das Eichhörnchen verwundert und kam nun völlig zu sich.

Sie lag mit dem Rücken im Schnee und schaute hinauf in den Himmel. Sie sah die kleinen Wölkchen ihres Atems in der eiskalten Nacht irgendwo im Norden Norwegens und sie sah die fluoreszierenden Schlieren der Polarlichter über sich. Aurora borealis, dachte das kleine Eichhörnchen und eine unbändige Freude stieg in ihr hoch. Wie sehr hatte sie sich gewünscht, einmal im Leben dieses Himmelsschauspiel mit eigenen Augen zu sehen!

"So wunderschön!", sagte Kati in die Stille und konnte den Blick nicht vom Himmel wenden. Jetzt wünschte sie sich, nicht allein zu sein. Diesen Moment mit jemandem teilen zu können, der des Teilens der seltenen und schönen Momente des Lebens wert ist.
"Ja, wunderschön dieses Aurora irgendwas", flüsterte plötzlich eine vertraute Stimme in ihr Ohr. Sie kannte diese Stimme, aber sie wusste in jenem Moment nicht, zu wem sie gehörte. In Kati stieg eine Ahnung auf; unbestimmt, wie ein Traum, den es noch zu träumen galt.

Sie sah sich wie auf einer zweiten Ebene unter dem selben Himmel voller Polarlichter im Kreise ihrer Freunde, - ein Fuchs, ein Eisbär namens Björn, ein Hase, ein Schaf, und der liebste Braunbär, den man sich überhaupt vorstellen kann.
Fasziniert und verwirrt schaute sie in den Himmel, der ein prächtiges Schauspiel bot.
"Das ist das schönste auf der Welt, das ich je gesehen habe", sagte die Flüsterstimme ganz nah an Katis Ohr und fügte zärtlich hinzu: "Gleich nach dir." Und eine Wärme zog durch Katis Körper, die sie sonst nur spürte, wenn ihr lieber Brumm mit ihr kuschelte. Und in diesem Moment verstand Kati, dass sie in jenem geheimnisvollen Portal wohl von Brumm getrennt wurde und nun allein in die Menschenwelt gereist war.

Aber wie sollte sie zurückkehren? Wie hatte Brumm es ihr erklärt? "Du musst die Augen schließen und dir ganz fest wünschen, wieder zu Hause im Wald zu sein. Du musst es dir nicht nur wünschen, du musst es dir auch vorstellen und zwar so intensiv, dass es Wirklichkeit wird."
Und Kati schloss die Augen, holte ganz tief Luft und stellte sich vor, wieder bei ihrem Brumm im Wald zu sein...

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23

Ein gewaltiger Donnerschlag dröhnte in Brumms Ohren. Panik stieg in ihm hoch. Bloß schnell in die Höhle, in Sicherheit, dachte er und stolperte auf seiner Flucht vor dem Gewitter über einen Stein. Im Reflex riss er seine Pranken nach vorn, um den Sturz abzufangen, dabei verlor er das kleine Eichhörnchen aus seinen Tatzen.
Nein! Durchfuhr es Brumm, aber da hatte sich der Mechanismus des Portals bereits in Gang gesetzt.

Schlagartig erlosch das fluoreszierende Leuchten in der Mitte der Höhle. Oh, dachte der Bär erschrocken, das ist neu. Stattdessen schossen nun feurige Blitze aus der Tiefe des Portals auf ihn zu und er glaubte, das Eichhörnchen taumelnd als einen leuchtenden Umriss davon schweben zu sehen, höher, immer höher... Mein kleines liebes Eichhörnchen, waren Brumms letzte Gedanken, dann befand sich der Bär in undurchdringlicher Finsternis.

Als Brumm wieder zu sich kam, fand er sich in seiner Menschenwohnung wieder. Sofort tauchten die Bilder der missglückten Transmission vor ihm auf. Er sah das Eichhörnchen davon schweben und hatte ursprünglich gehofft, Kati auf der anderen Seite des Portals wiederzufinden, doch sah er sich getäuscht.
Kati war nicht hier und Brumm hatte überhaupt keine Idee, wo sie jetzt sein könnte. Und er hatte niemanden hier in der Menschenwelt, den er um Rat hätte fragen können. Voller Gram lief er unschlüssig in dieser Menschenwohnung auf und ab und wusste nicht, was zu tun war.

Dann fiel sein Blick auf die Musikinstrumente, die an der Wand in einer Halterung treppenförmig aufgebaut waren. Synthesizer, fuhr es Brumm durch den Kopf und seltsamerweise wusste er sowohl mit diesem Wort als auch mit dem Instrument etwas anzufangen.
Und wie selbstverständlich setzte er sich an die Instrumente und begann voller Sehnsucht ein Lied für sein liebes Eichhörnchen zu schreiben.
"Dich zu lieben ist gar nicht so schwer, weil du so bist, wie du bist.
Und ich geb dich um nichts wieder her, weil du bist, wie du bist."

Und in seinem tiefsten Inneren spürte der Bär, wie sehr er seine Kati liebte, weil sie so war, wie sie war. Sie stellte ihren Kobel mit allerlei Krimskrams voll und hätte dies liebend gern auch mit seiner Höhle getan, aber er wehrte sich vehement dagegen und liebte seine Kati trotzdem.
Sie war so lieb zu ihm und sorgte dafür, dass er sich immer wohl fühlte. Sie lachte genau so gern wie er und auch wenn das Eichhörnchen manchmal sehr laut sein konnte, liebte er dieses quirlige Wesen und wollte sie um nichts in der Welt wieder missen.
Und nun wurde dem Bären klar, dass er jede Minute bedauerte, die er ohne Kati sein musste. Vor überraschung stockte ihm der Atem. Verwundert bemerkte Brumm, dass er sich ohne sein Eichhörnchen verloren fühlte. Einsam. Allein.

Im Grunde mochte Brumm das Alleinsein. Man musste mit niemandem teilen, musste auf niemanden hören, konnte den ganzen Winter verschlafen und im Sommer wann immer man wollte zum Fluss zum Angeln gehen. Aber das änderte sich, als er sein liebes kleines Eichhörnchen kennenlernte und er verstand, dass er mehr gewonnen als verloren hatte.
Als Brumm so zurück dachte an all die schönen Momente mit seiner Kati, wollte es ihm vor Sehnsucht beinahe das Herz zerreißen. Da klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch vor ihm.

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24

Irgendetwas ist komplett schief gelaufen, dachte Kati, als sie die Augen wieder öffnete. Sie hatte die Rückreise aus Norwegen genau so eingeleitet, wie Brumm es ihr erklärt hatte: Du musst die Augen ganz fest schließen und dir so intensiv du nur kannst vorstellen, wieder im Wald zu sein.
Aber sie war nicht durch das Portal zurück in ihren Wald gereist. Als sie die Augen öffnete, fand sie sich in ihrem Kobel in der Menschenwelt wieder.

Ob der Blitzeinschlag vielleicht das Portal zerstört hatte? Unsinn. Dann hätte sie ja nicht in die Menschenwelt reisen können. Es musste daran liegen, dass sie bei der Transmission von Brumm getrennt wurde. Also musste sie den Bären suchen, um mit ihm gemeinsam in den Wald zurückkehren zu können.
Aber wo sollte sie ihn suchen? Sie wusste ja nicht einmal, ob er überhaupt durch das Portal gereist war oder im Wald zurückgeblieben ist. Und wenn er noch im Wald war und sie ohne ihn nicht mehr zurück durch das Portal reisen konnte, was sollte sie dann anfangen in der Menschenwelt, so ganz allein ohne ihren lieben Brumm? Und wenn der Bär tatsächlich nach dem Blitzeinschlag noch durch das Portal gereist war, wo könnte er jetzt sein? Wo sollte sie ihn suchen? Die Sorge schnürte ihr fast die Kehle zu.
Mein lieber Brumm, dachte Kati und Tränen kullerten über ihr schönes Gesicht. Mein lieber, lieber Brumm...

Dann fiel ihr Blick auf das kleine Mobiltelefon, dass auf dem Tischchen neben der Couch lag.
Kati mochte dieses Ding. Man musste es ja nicht zwingend zum telefonieren benutzen, wie die Menschen es taten. Es gab da sehr schöne Spiele, die man darauf beim Krimi gucken spielen konnte. Also nahm sie das Telefon und wählte Brumms Nummer. Inständig hoffte sie, den Bären zu erreichen. Sie hörte das Klingelzeichen und hielt den Atem an. Vielleicht war Brumm ja wie sie in der Menschenwelt und gleich bemerkte er ihren Anruf und...

Da meldete sich Brumm mit kratziger Stimme. Noch bevor der Bär etwas sagen konnte, sprudelten die Worte aus Kati heraus.
Wie sehr sie ihn vermisst hatte und welch Sorgen sie sich machte und dass sie so glücklich ist, ihren Brumm nun am Telefon zu hören und "ob du mich vielleicht heiraten möchtest? So wie die Menschen das machen?", fragte Kati und fuhr fort: "Das ist doch ein schönes Versprechen, dich zu lieben bis an mein Lebensende und immer mit dir zu sein in guten wie in schlechten Tagen. Was meinst du dazu?"

Brumm durchströmte bei diesen Worten eine nie gekannte Wärme. Eine Geborgenheit, eine unerschütterliche Gelassenheit, weil er wusste, dass Kati diese Worte nicht einfach so daher sagte. Weil er wusste, dass das, was sie sagte, sein wird. Wie der sehnlichste Wunsch, der sich plötzlich erfüllte. Und Brumm fühlte es auch und er wollte seinem lieben Eichhörnchen auch gern das Versprechen geben. Ich werde immer für dich da sein, dich beschützen, mit dir lachen und weinen, mit dir schweigen und sprechen und in jedem deiner Kämpfe an deiner Seite sein.

Und dann sagte Brumm in jenem Moment vielleicht das kratzigste Ja, das jemals an einem Telefon gesagt wurde. Wenige Minuten später fuhr er mit dem schönen Auto zu Katis Kobel in der Menschenwelt und dann umarmten sich die beiden innig und lange. Und während sie so in der Umarmung vereint waren, stellte sich Brumm mit aller Intensität, zu der er fähig war, vor, mit seiner Kati wieder zu Hause in ihrem Wald zu sein.

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25

Eine einzige Reise sollte es noch werden. Nach all der Aufregung des Getrenntseins während der missglückten Transmission nach dem Blitzeinschlag hatte Brumm Kati gebeten, das Portal nicht mehr zu benutzen.
"Wir haben es doch schön hier in unserem Wald", sagte er. "Außerdem verwirrt mich dieses Reisen ganz sehr und ich glaube, es macht mich schon wieder krank." Und leidend senkte er den Blick.
Manchmal litt der Bär sogar an Schlaflosigkeit, wenn er daran dachte, was alles während der Transmission schief gehen könnte. Dann verließ er sein Bett und machte sich über die Vorräte her. Und das sein Bauch so dick war, daran hatte auch dieses seltsame Portal schuld, brumm!

Da musste Kati lächeln. Aber im Grunde gab sie dem Bären recht. In der letzten Zeit waren sie vielleicht doch ein wenig zu oft unterwegs gewesen. Die Reisen durch das Portal hinüber in die Menschenwelt sollten aber etwas ganz besonderes sein und auf gar keinen alltäglich. Und je öfter sie hinüber reisten, um so mehr schien Brumm unter den Reisen zu leiden. Und das wollte das Eichhörnchen auf gar keinen Fall!

Aber einen Wunsch hatte Kati noch und der ließ sich nur erfüllen, wenn sie das Portal noch einmal benutzten: Kati wollte unbedingt wissen, wie es ist, Weihnachten in der Menschenwelt zu feiern. Und da Brumm wusste, wie sehr Kati die Weihnachtszeit liebte, konnte er ihr diesen Wunsch unmöglich abschlagen.

So reisten sie noch einmal gemeinsam mit Schafi in die Welt der Menschen. Brumm stellte sich während der Transmission ganz fest vor, sie reisten in eine verschneite Landschaft mit Häusern, deren Fenster von Schwibbbögen hell erleuchtet waren. Auf öffentlichen Plätzen war Weihnachtsmusik zu hören, Menschen standen im Freien um festlich geschmückte Weihnachtsbäume und tranken Glühwein, die Luft roch nach Weihrauch...

Und genau so geschah es. Nach der Transmission fanden sie sich auf einem eben solchen Platz wieder. Kati bestaunte mit glänzenden Augen dieses Treiben namens Weihnachtsmarkt. Es war nicht besinnlich, aber es war schön. Sie sang mit ihrem Brumm Weihnachtslieder, kaufte an den vielen kleinen Hütten allerlei Tand und naschte Nüsse und mit Schokolade überzogene Früchte.
Brumm wiederum schlug sich den Bauch voll mit Bratwürsten und Crepes, die mit Schinken und Käse belegt waren und überhaupt! Der Bär konnte gar nicht genug bekommen von jenen leckeren Fischbrötchen. Am liebsten wollte er gar nicht mehr fort von hier! Aber es gab da noch eine Sache, die Kati unbedingt noch erledigen wollte...

Das Eichhörnchen hatte eine Idee und flüsterte sie dem Bären ins Ohr. Der schluckte den letzten Bissen seines Fischbrötchens hinunter und nickte freudig.
So machten sie sich also auf den Weg und kauften einen Weihnachtbaum, fuhren ihn mit dem schönen Auto zu Katis Kobel in der Menschenwelt und schmückten ihn so festlich, wie Kati es sonst immer mit dem Baum in Brumms Höhle getan hatte.

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26

Später, als der Weihnachtsbaum festlich geschmückt im warmen Lichterglanz erstrahlte, saßen Kati, Brumm, Schafi und Luise um den Baum herum und der Bär las aus der Geschichte, die er für Kati während seiner ersten Reise in die Menschenwelt geschrieben hatte, vor.
Es war eine schöne Brumm-Geschichte, die von Liebe und Freundschaft und von Weihnachten handelte und all ihre Freunde aus dem Wald kamen darin vor. Und natürlich gab es auch ein Happy End, also ein glückliches Ende, aber so sagen die Menschen heute schon lange nicht mehr.

Kati freute sich ganz sehr und gab Brumm einen dicken Kuss. Aber dann war sie doch auch ein bisschen traurig, weil sie wusste, dass dies vorerst ihre letzte Reise in die Menschenwelt sein würde.
Sie löschten die Lichter des Weihnachtsbaums, Schafi verabschiedete sich von Luise, denn er wollte Weihnachten auch mit seinen Freunden im Wald feiern und dafür hatte Luise auch Verständnis, denn schließlich war sie auch schon wieder müde und würde bestimmt die nächsten Tage ohnehin verschlafen...

So umarmten sich der Bär, das Eichhörnchen und das kleine Schaf und erwarteten jede Sekunde die Transmission durch das Portal zurück nach Hause.
Als sie auf der anderen Seite des Portals angekommen waren, standen sie eine Zeit lang unschlüssig vor dem Eingang zu jener seltsamen Höhle. Für Kati war es ein Abschiednehmen, denn sie wusste nicht, wann sie jemals wieder in die Menschenwelt reisen würde.

Brumm wollte Katis Gedanken nicht stören und starrte Löcher in die Luft. Dabei betastete er seinen Bauch und überlegte, ob es nicht Zeit für eine Zwischenmahlzeit sei.
Schafi aber wirkte seltsam verändert. Es starrte auf den Eingang des Portals, als plötzlich eine Ahnung in ihm aufstieg. So groß und seltsam, dass das kleine Schaf zunächst gar nicht fassen konnte, was mit ihm geschah.
Einer Eingebung folgend, nahm es das kleine Schlüsselchen aus seiner Tasche und führte es in ein imaginäres Schloss an der Seite des Eingangs zum Portal. Schnell drehte Schafi den Schlüssel zweimal im Uhrzeigersinn und sprach dabei die magischen Sätze:

Der Wächter des Portals befiehlt
selbst wenn man mir den Schlüssel stiehlt
Verschlossen sollst du bleiben
und niemals dich als Eingang zeigen
Bis dass der Wächter hier erscheint
und Schloss mit Schlüssel sich vereint
dann öffne dich, oh hehres Tor
und sei Portal uns wie zuvor

Kaum hatte Schafi die magischen Sätze beendet, erlosch das fluoreszierende Licht im Inneren des geheimnisvollen Portals.
Verwundert sahen sich Kati und Brumm an. Dem Bären schien es, als hätte sich der Eingang zum Portal sehr verändert. Der sah jetzt nur noch wie der Eingang zu einer ganz gewöhnlichen Höhle aus. Da könnte jetzt glatt ein Bär drin wohnen!
"Kaum zu glauben", murmelte Brumm erstaunt. "Vielleicht haben wir das alles nur geträumt?", wandte er sich fragend an Kati. Die aber zuckte ratlos mit den Schultern.

Zufrieden schob das kleine Schaf den Schlüssel wieder in seine Tasche im Fell und sagte amüsiert zu Kati und Brumm: "Ihr habt wirklich geglaubt, dass dies das Schnapsschränkchenschlüsselchen sei, hm?", und lachend machte es sich auf den Heimweg.
Als Brumm und das Eichhörnchen vor Erstaunen noch immer wie angewurzelt vor dem Höhleneingang standen, rief es über die Schulter: "Kommt ihr?"

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27

Heilig Abend.
Kati hatte Brumms Höhle wieder zauberhaft geschmückt. Sie saßen gemeinsam mit Schafi und Fred am großen Tisch und ließen die letzte Zeit Revue passieren. Es hatte sich also herausgestellt, dass Schafi auf wundersame Weise im Besitz des Portalschlüssels war und nun ergab auch alles einen Sinn: Das kleine Schaf war der Hüter des Portals und durfte in der Menschenwelt nicht lebendig sein, weil es sonst womöglich - sprunghaft und voller Unfug im Kopf, wie es nun einmal war - großes Unheil angerichtet hätte, verlöre es den Schlüssel zum Portal. Stattdessen musste das kleine Schaf von Brumm und Kati jederzeit beschützt werden.

"So jedenfalls will es die Prophezeiung", sagte der Fuchs mit einem wissenden Lächeln.
"Welche Prophezeiung?!", fragten Schafi, das Eichhörnchen und Brumm wie aus einem Mund.
"Weiß ich jetzt auch nicht", wich der Fuchs aus und setzte neu an: "Sicher ist doch aber, dass ihr", und dabei sah er Kati und den Bären an, "immer gut auf Schafi acht geben musstet, dass es nie den Schlüssel zum Portal verlieren würde."
"Aber wir wussten doch gar nicht, dass Schafi den Schlüssel zum Portal besitzt", wandte Kati ein.
"Ist doch auch egal", wischte Fred Katis Einwand beiseite. "Nur so ist es zu erklären, weshalb Schafi in der Lage war, seinen Freund, den Bären, zu beschützen, in dem es das Portal verschloss und Brumm zunächst weitere Reisen ersparte." So also erklärte der Fuchs, inzwischen schon ein wenig angetrunken, die Vorgänge um das geheimnisvolle Portal und war insgeheim ein wenig neidisch, nie bei diesen Reisen dabei gewesen zu sein.

Die Freunde saßen gemeinsam in Brumms Höhle und tranken vom kräftigen Punsch, den das kleine Eichhörnchen nach einem Rezept zubereitet hatte, welches es aus der Menschenwelt hinüber in den Wald geschmuggelt hatte.
"Deine Erklärung weist einige Logiklücken auf", sagte Brumm zu Fred in einem Anflug jener Klugheit, die den Fuchs sprachlos machte. "Aber das spielt auch keine Rolle, denn das ganze Leben besteht aus Logiklücken, nicht wahr?", fragte der Bär in die Runde und erhob das Glas auf seine Freunde.

"Verrückt", sagte Fred und ließ sich noch einmal von Schafi den Schlüssel zum Portal zeigen.
"Aber nur gucken, nicht anfassen", ermahnte das kleine Schaf den Fuchs. Und beinahe begannen die beiden zu streiten. Aber nun war es Zeit für die Bescherung und da wird nicht gestritten!

Brumm bekam von Kati ein Fotobuch geschenkt. Es enthielt die schönsten Fotos ihrer Reisen in die Menschenwelt. Brumm freute sich so sehr, dass er beinahe sein noch halb gefülltes Punschglas umstieß. Den Fuchs dagegen wunderte, wie Kati es wohl gelungen war, das Buch durch das Portal in den Wald zu bringen.
"Das ist alles Magie", kam das Schaf Kati mit einer Antwort zuvor und naschte noch eins der leckeren Haselnussplätzchen, die Kati extra für den Heiligen Abend gebacken hatte.
Fred wollte zu einer Entgegnung ansetzen, aber Schafi unterbrach ihn, noch bevor er überhaupt ein Wort sagen konnte.

"Man kann nicht alles erklären, lieber Fred. Das musst du akzeptieren. Du bist bestimmt mit Abstand der Klügste von uns allen hier, aber gegen Magie kommst du mit dem Verstand nicht an." Da blieb dem Fuchs nichts weiter übrig, als zustimmend zu nicken. Sieh mal einer an, dieses Schaf, dachte Fred und nahm einen großen Schluck Punsch.

Und so saßen sie gemeinsam bis spät in die Nacht im Licht des Weihnachtsbaums, genossen das Zusammensein und sangen Weihnachtslieder. Später erzählte Schafi dem Fuchs ganz begeistert von Luise, während Kati sich an Brumm kuschelte und mit einem "weißt du noch" ließ sie die schönsten Erlebnisse ihrer Reisen in die Menschenwelt noch einmal lebendig werden. Da war jener Moment, als Kati ihren Brumm anrief und ihn fragte, ob er sie heiraten möchte und Brumm wurde fast schwindelig vor Freude. Ganz zärtlich küsste er sein liebes Eichhörnchen und dieser Augenblick war so innig, dass sie sich beide an jenen denkwürdigen Moment erinnerten, als sie sich damals in der Schweiz auf dem Gipfel des Berges zum ersten Mal in die Augen sehen konnten.

Und wieder schauten sie sich tief in die Augen. Brumm glaubte in Katis Pupillen die Lichter des Weihnachtsbaumes zu sehen und auf einmal war er so voller Glück, dass er vergnügt zu seinem ganz persönlichen Bärenfreudentanz ansetzte.
Und wie wir inzwischen wissen, tat er dies nur, wenn er außergewöhnlich glücklich war.

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