Es war ein seltsamer Herbst. Nach tagelangem Regen stiegen plötzlich die Temperaturen wieder und die Tiere des Waldes genossen das schöne Wetter. Während sich die Tierkinder auf dem Karussell auf der großen Wiese vergnügten, Schafi und Brumm auf einer Decke in der Sonne dösten, langweilte sich Kati im Schatten in ihrer kleinen Hängematte.
Um sich ein bisschen zu bewegen, schlug sie einen Spaziergang vor. Missmutig brummte der Bär vor sich hin und dies bedeute zweifelsfrei, dass er von Katis Vorschlag nicht begeistert war.
"Vielleicht finden wir noch ein paar Pilze, die könnte ich dir zum Abendessen zubereiten", lockte das Eichhörnchen. Da erhob sich der Bär schließlich von der Decke. Beinahe war er eingeschlafen! Aber ein Pilzsuchspaziergang war auch in Ordnung.
Während sie durch den Wald gingen, verdunkelte sich der Himmel immer mehr. Inzwischen war die Sonne schon nicht mehr hinter den dicken Wolken zu sehen, schon kam ein bedrohliches Donnern immer näher, dann setzte der Regen ein. Zunächst suchten Kati und der Bär Schutz im Dickicht, aber als dann auch noch mächtige Blitze am Himmel zuckten, packte sie die Angst.
"Wir müssen uns irgendwo verstecken, wo wir vor den Blitzen sicher sind", rief das Eichhörnchen und war nicht sicher, ob Brumm ihre Worte im lauten Grollen des Unwetters überhaupt verstanden hatte.
"Bis nach Hause ist es jetzt zu weit", schätzte Brumm ein und wünschte sich sehnlichst zurück in seine Höhle. Moment mal, Höhle? Na klar! Da sie sich ganz in der Nähe jener seltsamen Höhle befanden, die der Fuchs als Portal in die Menschenwelt bezeichnete, schlug Brumm vor, dort Schutz zu suchen. So lief der Bär so schnell er nur konnte, das kleine Eichhörnchen in seinen Tatzen tragend, zur umgestürzten großen Eiche und erreichte endlich den Eingang zur geheimnisvollen Höhle.
Just da schlug in unmittelbarer Nähe ein Blitz ein. Er schien den Bären nur um Haaresbreite zu verfehlen. Ein gewaltiger Donnerschlag dröhnte in Brumms Ohren und erschreckte ihn so, dass er über einen Stein stolperte und das kleine Eichhörnchen aus seinen Tatzen verlor, aber da hatte sich der Mechanismus des Portals bereits in Gang gesetzt.
Untypisch war jedoch, dass das fluoreszierende Leuchten in der Mitte der Höhle sofort erlosch. Stattdessen glaubte der Bär nun feurige Blitze aus der Tiefe des Portals auf ihn zuschießen zu sehen; er glaubte, das Eichhörnchen taumelnd als einen leuchtenden Umriss davon schweben zu sehen, höher, immer höher - mein liebes kleines Eichhörnchen, dachte Brumm, dann befand er sich in undurchdringlicher Finsternis.
Benommen öffnete Kati die Augen. Sie glaubte, sich an eine Schiffsreise zu erinnern. Eine unangenehme Erinnerung, denn tagelang war ihr auf dem Schiff schlecht gewesen. Sie erinnerte sich an viele fremde Menschen; fremde Worte in einer fremden Sprache. Sie erinnerte sich an eine Bar, in der sie auf irgend etwas zu warten schien und in der ihr der Barkeeper zu ihrem 50. Geburtstag gratulierte. Wie alt die Menschen doch werden können, dachte das Eichhörnchen verwundert und kam nun völlig zu sich.
Sie lag mit dem Rücken im Schnee und schaute hinauf in den Himmel. Sie sah die kleinen Wölkchen ihres Atems in der eiskalten Nacht irgendwo im Norden Norwegens und sie sah die fluoreszierenden Schlieren der Polarlichter über sich. Aurora borealis, dachte das kleine Eichhörnchen und eine unbändige Freude stieg in ihr hoch. Wie sehr hatte sie sich gewünscht, einmal im Leben dieses Himmelsschauspiel mit eigenen Augen zu sehen!
"So wunderschön!", sagte Kati in die Stille und konnte den Blick nicht vom Himmel wenden. Jetzt wünschte sie sich, nicht allein zu sein. Diesen Moment mit jemandem teilen zu können, der des Teilens der seltenen und schönen Momente des Lebens wert ist.
"Ja, wunderschön dieses Aurora irgendwas", flüsterte plötzlich eine vertraute Stimme in ihr Ohr. Sie kannte diese Stimme, aber sie wusste in jenem Moment nicht, zu wem sie gehörte. In Kati stieg eine Ahnung auf; unbestimmt, wie ein Traum, den es noch zu träumen galt.
Sie sah sich wie auf einer zweiten Ebene unter dem selben Himmel voller Polarlichter im Kreise ihrer Freunde, - ein Fuchs, ein Eisbär namens Björn, ein Hase, ein Schaf, und der liebste Braunbär, den man sich überhaupt vorstellen kann.
Fasziniert und verwirrt schaute sie in den Himmel, der ein prächtiges Schauspiel bot.
"Das ist das schönste auf der Welt, das ich je gesehen habe", sagte die Flüsterstimme ganz nah an Katis Ohr und fügte zärtlich hinzu: "Gleich nach dir." Und eine Wärme zog durch Katis Körper, die sie sonst nur spürte, wenn ihr lieber Brumm mit ihr kuschelte. Und in diesem Moment verstand Kati, dass sie in jenem geheimnisvollen Portal wohl von Brumm getrennt wurde und nun allein in die Menschenwelt gereist war.
Aber wie sollte sie zurückkehren? Wie hatte Brumm es ihr erklärt? "Du musst die Augen schließen und dir ganz fest wünschen, wieder zu Hause im Wald zu sein. Du musst es dir nicht nur wünschen, du musst es dir auch vorstellen und zwar so intensiv, dass es Wirklichkeit wird."
Und Kati schloss die Augen, holte ganz tief Luft und stellte sich vor, wieder bei ihrem Brumm im Wald zu sein...
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