Teil 4

Die Reise zum Nordpol

© Jens Mende, 2021
Kapitel:

1

Brumm war sehr beunruhigt, denn eine große Veränderung kündigte sich an. Aber Bären mögen keine Veränderungen - noch dazu eine so gravierende! Bären lieben es, im Sommer in der Sonne zu dösen, viel vom köstlichen Lachs zu essen und als Nachtisch Unmengen süßen Wildbienenhonigs zu verputzen.
Den Winter verschlafen sie am liebsten in ihrer Höhle, bis die Sonne den Schnee von den Bäumen getaut hatte und die Luft mild und klar war und nach Frühling duftete.

Bei Brumm war das inzwischen ganz anders: Seit er mit Kati, dem kleinen Eichhörnchen, befreundet war, verzichtete er auf seinen Winterschlaf und erlebte in der weißen Jahreszeit Dinge, die ihn jedes Jahr aufs Neue faszinierten: Mit den ersten Nachtfrösten bedeckte der Winter den Wald mit einer dünnen Schneehaube - das kleine Eichhörnchen freute sich dann immer sehr und sagte, es sähe aus wie mit Puderzucker bestreut, aber das stimmte nicht. Brumm hatte vom Schnee gekostet und er schmeckte überhaupt nicht süß!

Wenn der Sturm die Schneeflocken in wildem Tanz vor sich her wirbelte und der Frost den Wald erstarren ließ, saßen sie in Brumms warmer Höhle bei einer Tasse Tee und erzählten sich Geschichten. Die meisten davon dachte Brumm sich aus. Sie handelten von einem kleinen Eichhörnchen namens Kati und einem Bären, der immer hungrig und sehr tollpatschig war.
In Brumms Geschichten erlebten die beiden aufregende Abenteuer und oft brachte er mit seinen Erzählungen das kleine Eichhörnchen zum Lachen.

Im Winter hatten die beiden viel Zeit für einander, nachdem der Herbst und das anstrengende Anlegen der Vorräte hinter ihnen lag.
Diese Zeit des Jahres genossen die beiden dann sehr. So kochte Kati nun Brumms Lieblingsgerichte, was der Bär stets mit einem wohligen brummen quittierte, oder buk ihm einen Kuchen, den Brumm dann immer fast ganz alleine aufessen konnte.
Mit Einbruch der Abenddämmerung, die im Winter bereits am Nachmittag beginnt, zündete Kati einige Kerzen an und dann lagen sie eng aneinander gekuschelt und spendeten sich gegenseitig Wärme.
Doch in diesem Jahr sollte alles ganz anders werden und das beunruhigte den Bären gar sehr.

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2

Sorgenvoll dachte der Bär an die bevorstehende Aufregung, die ihm den Appetit verdarb und überhaupt: Warum konnte es in diesem Jahr nicht so sein wie in jedem Jahr?

An sonnigen Wintertagen setzten sie sich ihre dicken Mützen auf, das Eichhörnchen wickelte sich zusätzlich in einen kuscheligen Schal und dann fuhren die beiden Schlitten oder bauten einen Schneemann. Am Ende durfte Kati auf Brumms Schultern klettern und dem Schneemann die Mohrrübennase ins Gesicht stecken. Und Hansi Hase machte sich jedes Jahr einen Spaß und stibitzte die Möhre und steckte dem Schneemann statt ihrer einen Tannenzapfen an.

Brumm dachte an die Weihnachtszeit, die der Bär so gar nicht gekannt hatte, bis Kati ihm zeigte, wie schön diese Zeit ist. Sie dekorierte die Höhle festlich, suchte mit ihm gemeinsam den Weihnachtsbaum aus, den Brumm dann auf seinen starken Schultern nach Hause trug und später schmückten sie den Baum und sangen Weihnachtslieder. Kati mit ihrer hellen, klaren Stimme und der Bär brummelte ein bisschen dazu.

Am Abend, wenn es draußen ganz dunkel war, saßen sie am Weihnachtsbaum, dessen Lichter so schön strahlten und naschten von Katis selbstgemachten leckeren Plätzchen. Brumm mochte am allerliebsten die mit dem Schokoladenüberzug und jedes mal musste das kleine Eichhörnchen ihn liebevoll ermahnen, dass er sich nicht den Magen verdirbt.

Ach ja! Voller Kummer seufzte Brumm bei dem Gedanken, dass das nun in diesem Jahr alles ganz anders werden sollte. Und Schuld hatte ausgerechnet das kleine Schaf!

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3

Und das kam so:
Es war ein außergewöhnlich heißer Sommer. Unbarmherzig schickte die Sonne ihre glutheißen Strahlen vom wolkenlosen Himmel, trocknete die Erde aus, verdörrte das sonst so saftige Gras und verwandelte den Fluss, aus dem die Tiere ihr Wasser schöpften, in ein schmales Rinnsal.

Tagsüber suchten die Tiere Schutz vor der Hitze in den schattigen Tiefen des Waldes. Am Abend, wenn sich die Luft ein wenig abgekühlt hatte, trafen sie sich auf der großen Lichtung, um gemeinsam zu Abend zu essen.
"Es ist immer noch viel zu heiß!", klagte das kleine Schaf und schnupperte gelangweilt an einem welken Stengel Waldklee.
"Ja, viel zu heiß", stimmte Hansi Hase zu. Appetitlos knabberte er an einer Mohrrübe.

"Eine zünftige Wasserschlacht im Fluss täte jetzt gut und würde Abkühlung bringen", murmelte der Bär, "aber der Fluss ist fast ausgetrocknet und ich kann schon keine Fische mehr fangen."
Fred der Fuchs und Prof. Uhu tauschten besorgte Blicke aus.
"Wenn das so weitergeht", sagte der Fuchs, "werden wir bald kein Wasser mehr haben."

Der Professor pflichtete ihm bei. In den kommenden Tagen sei nicht mit Abkühlung oder gar Regen zu rechnen. Und auch das kleine Eichhörnchen litt sehr unter der Hitze. "Wie schön wäre es, wenn jetzt Winter wäre! Dann würde ich ohne Mütze und Schal in eine Schneewehe springen und..."
"Oh ja!", stimmte Schafi begeistert zu. "Ich will mich auch im Schnee vergraben, dann wäre mir nicht mehr so heiß und ich würde auch nicht weinen, weil ich an den Hufen friere. Aber leider dauert es ja noch soooo ewig, bis es bei uns wieder Winter ist", klagte der kleine Mae und legte betrübt seinen Kopf auf den krustigen Waldboden.

Prof. Uhu wollte das Schaf ein wenig ablenken und gab ihm eine Aufgabe: "Schafi, weißt du noch, was ich euch in der Schule über die Jahreszeiten gelernt habe? Wenn es bei uns Sommer ist, ist es auf der anderen Seite der Erde Winter. Erinnerst du dich noch, wo jetzt gerade Winter ist?"
Angestrengt dachte das kleine Schaf nach, aber bei der Hitze wollte ihm die Antwort nicht einfallen.
"Nein", sagte es schließlich kleinlaut, "aber es wäre toll, wenn wir jetzt da sein könnten, wo gerade Winter ist."

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4

Und plötzlich hatte der Fuchs eine Idee: "Wisst ihr noch? Ich hatte euch doch von meinem Vetter Ragnar erzählt, der am Nordpol lebt. Letztes Jahr, als wir Schafis Mama suchten, hatte er mir geschrieben und mich um Hilfe gebeten. Nach dem wir Maes Mama gefunden hatten, bin ich schließlich zu ihm gereist und habe einen dreisten Schlittendiebstahl aufgeklärt. Dort ist es das ganze Jahr über sehr kalt, viel kälter als bei uns zu Weihnachten. Vielleicht sollten wir alle für eine Weile zu meinem Vetter reisen und am Nordpol bleiben, bis die Hitze in unserem Wald abgeklungen ist", schlug der Fuchs vor.

"Zum Nordpol?", fragte Brumm ungläubig. "Da müssen wir bestimmt mit dem Schiff hinfahren... ausgeschlossen! Hab ich euch die Geschichte erzählt, als ich ein kleiner Bär war und meine Tante Bärnadette in den Ferien mit mir Schiff gefahren ist und mir so übel geworden ist, dass ich drei Tage ganz krank war und nichts essen wollte?"

"Nein", antwortete der Fuchs. "Erzähl!"
"Als ich noch ein kleiner Bär war, ist meine Tante Bärnadette in den Ferien mit mir Schiff gefahren und da ist mir so übel geworden, dass ich drei Tage ganz krank war und nichts essen wollte!"
Fred sah den Bären fragend an. "Und weiter?"
"Wie weiter?", fragte Brumm.
"Da muss doch noch was kommen, oder war das schon die ganze Geschichte?"
"Nein, nichts weiter! Ich war krank, konnte nichts essen und bin ganz schlimm abgemagert! Ganz bestimmt setze ich nie wieder meine Hintertatzen auf ein Schiff."

Nun lächelte Fred. "Musst du auch nicht! Ihr kennt doch Karl Kranich, der hinten am Weiher lebt. Der ist Pilot und wird uns mit seinem Flugzeug zu meinem Vetter Ragnar fliegen!"

"Fliegen! Juhu", freute sich Kati. "Ich fliege für mein Leben gern!"
Und auch das kleine Schaf freute sich auf das Abenteur: "Oh ja, mit einem richtigen Flugzeug, das wird toll!" Voller Vorfreude lief es über die Lichtung und imitierte dabei Motorengeräusche - die Ohren hatte es wie Flügel vom Kopf abgespreizt.
"Fliegen? Mit einem Flugzeug?", murmelte Brumm. Und plötzlich wurde ihm schlecht.

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5

Begeistert hatten die Tiere des Waldes Freds Vorschlag zugestimmt und in den folgenden Tagen waren die Waldbewohner emsig mit den Reisevorbereitungen beschäftigt. Die Aussicht auf die Kühle des Nordpols beflügelte sie.

Nur Brumm freute sich nicht. Er lag in seiner Höhle, konnte nicht schlafen und war schon ganz krank vor Aufregung. Das kleine Eichhörnchen saß an seinem Bett, streichelte ihm den Kopf und redete ihm Mut zu: "Mein lieber Brumm, du musst keine Angst haben. Bestimmt wird es eine wundervolle Reise. Wir werden Schlitten fahren, Schneemänner bauen und werden nicht länger unter dieser schlimmen Hitze hier zu leiden haben."

Aber Brumm ließ sich nicht beruhigen. "Die Hitze ertrag ich, das macht mir nichts aus. Aber mit einem Flugzeug fliegen? Bestimmt bin ich viel zu schwer dafür! Und außerdem: Wann werden wir zurück sein? Wir haben jedes Jahr im Sommer auf der Wiese gelegen und abends in den Sternenhimmel gesehen. Wir haben uns Geschichten ausgedacht von Bären und Eichhörchen, die da oben auf fremden Planeten leben und sich so lieb haben wie wir. Im Herbst habe ich dir geholfen, die Vorräte für den Winter anzulegen und ich habe mir alle Verstecke gemerkt. Du hast Kuchen und Plätzchen für mich gebacken und zu Weihnachten haben wir den Baum geschmückt und Lieder gesungen. Und das soll nun in diesem Jahr alles ganz anders sein? Ich möchte das nicht!" Und trotzig drehte er dem kleinen Eichhörnchen den Rücken zu.

"Bestimmt wird es am Nordpol auch ganz toll sein", sagte Kati mit viel Nachsicht in der Stimme. Sie kannte doch ihren Brumm.
Er mochte eben keine Veränderung! Das Eichhörnchen wollte weiter beruhigend auf Brumm einreden, da flog mit einem lauten Knall die Tür zu Brumms Höhle auf und das kleine Schaf tanzte herein, an seinem Mund hingen noch Reste von Sauerampfer.

"Guckt mal, was ich gefunden habe: Ganz frischer Sauerampfer!"
Beseelt tanzte es zu einer Melodie in seinem Kopf. "Und ein neues Lied kann ich auch: Määääääähd World." Schafi sang voller Inbrunst und forderte Brumm auf, mitzutanzen. Aber der Bär war viel zu krank dafür.

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6

Eine ganze Woche lang hatten sich die Tiere des Waldes auf ihren Ausflug zum Nordpol vorbereitet. Sie hatten gepackt, Vorräte zusammen getragen, sich beim Nähen warmer Bekleidung geholfen und nun endlich war der große Tag gekommen. Angeführt vom Fuchs, gingen die Tiere bei Tagesanbruch in einer langen Reihe zum vereinbarten Treffpunkt.

Weit hin war das Brummen der Motoren im Morgengrauen zu hören. Neugierig hoben die Tiere ihre Köpfe und suchten am Himmel nach jenem Punkt, der sich beim Näherkommen als Karl Kranichs Flugzeug herausstellen sollte.
Da! Schnell verlor die Maschine im Landeanflug an Höhe und schon sauste sie über die Baumwipfel hinweg und setzte auf der großen Wiese am Waldrand auf. Das Flugzeug, eine wunderschöne Propellermaschine, rollte aus und blieb mit einem sanften Nicken der Nase auf der Wiese stehen.

Brumm mochte gar nicht hinschauen. Mit weichen Knien folgte er Hansi Hase, der vor ihm lief und vor lauter Begeisterung immer schneller wurde. Dann öffnete sich die Kabinentür und mit einladender Geste forderte Karl Kranich die Tiere zum Einsteigen auf.
Während der Fuchs, Hansi und das Schaf eilig auf das Flugzeug zustürmten, hatte der Bär alle Zeit der Welt. Ihm war so flau im Magen! Um nichts in der Welt wollte er in dieses Flugzeug steigen! Aber es half nichts. Widerstrebend folgte er seinen Freunden und fand sich schließlich inmitten einer aufgeregt lärmenden Reisegesellschaft im Inneren des Flugzeugs wieder.

Kati saß ganz aufgeregt in ihrem Sitz, Karl Kranich persönlich hatte sie angeschnallt. Ganz gespannt wartete sie auf den Start des Flugzeugs. Unentwegt redete sie auf Brumm ein, der neben ihr saß und von Minute zu Minute blasser wurde.
"Was ist los, mein pelziger Freund?", fragte der Fuchs, dem Brumms ängstlicher Blick nicht entgangen war.
"Ach... nichts", antworte Brumm leise und mit belegter Stimme.
Das Eichhörnchen blickte den Bären an: "Du musst keine Angst haben", flüsterte sie liebevoll in sein Ohr. "Ich bin bei dir und beschütze dich. So wie du mich sonst auch immer beschützt."

Für einen Moment entspannte sich der Bär, aber dann begann das Flugzeug ganz laut zu dröhnen und setzte sich donnernd in Bewegung. In panischer Angst suchte Brumm nach einer Fluchtmöglichkeit. Doch die gab es nicht. Er wurde immer kleiner in seinem Sitz und schloss die Augen.

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7

Immer schneller wurde das Flugzeug und dann hob es ab. Zunächst stieg es himmelan und es schien, als wolle es in sekundenschnelle die Wolken durchstoßen, doch dann flog es eine sanfte Linkskurve und verlor mehr und mehr an Höhe. Schließlich setzte es wieder zur Landung auf der Wiese am Waldrand an.

Als das Flugzeug ausrollte und wenig später zum Stillstand kam, öffnete Brumm seine Augen. Nun verstummten die Motoren und der Bär begann zu jubeln: "Juhu, wir sind da und wir sind alle noch am Leben!", freute er sich und wollte sich schon abschnallen und seinen Bärenfreudentanz aufführen, doch dafür war es noch zu früh...

Die Tiere sahen Karl Kranich, den Piloten, mit fragenden Blicken an, als er zu ihnen in den Passagierraum trat.
"Was ist los, Käpt'n?", fragte Fred, der Fuchs, den Kranich. "Stimmt was nicht?"
"Der da, der Dicke", antwortete Karl und zeigte dabei auf Brumm, "muss sich woanders hinsetzen. Mehr in die Mitte." Und er wies Brumm einen neuen Platz genau in der Mitte des Flugzeugs zu.
"Wenn ich die Last nicht verteile, schaffen wir es nie bis zum Nordpol!"

Oje! Das hatte dem Bären noch gefehlt! Als ob die schreckliche Flugangst, unter der er litt, nicht schon reichen würde. Nein, jetzt wurde er auch noch seines massigen Körpergewichts wegen vor seinen Freunden bloßgestellt. Mit rotem Kopf folgte Brumm den Anweisungen des Piloten. Hilfesuchend sah er das kleine Eichhörnchen an. Und Kati wusste wie immer, was zu tun war.

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8

Das Eichhörnchen hüpfte hinter dem Bären her und wich nicht von seiner Seite.
Fragend sah der Kranich sie an.
"Ich muss neben Brumm sitzen und ihn beschützen", erklärte Kati. Da lächelte der Kranich und klopfte Brumm auf die Schulter. "Wird schon, Großer!", munterte er den Bären auf. Dann ging er zurück ins Cockpit und startete das Flugzeug von neuem.

Doch Brumms Angst wuchs ins Unermessliche. Er wollte weg, ganz weit weg, nur ganz schnell raus aus dieser donnernden Röhre, die sich gleich in die Lüfte erheben würde.
Panisch griff er nach dem Gurt und versuchte sich abzuschnallen. Kati redete sanft auf ihn ein und versuchte ihn zu beruhigen.
Da hatte das kleine Schaf eine Idee: "Wenn ich abends im dunkeln nicht einschlafen kann, weil mir die Schatten über meinem Bett Angst machen, singt mir Mama Lieder vor. Dann singe ich mit und irgendwann schlafe ich ein. Vielleicht sollten wir mit Brumm gemeinsam singen und verjagen so seine Angst?"

"Das ist eine gute Idee", pflichtete ihm Hansi Hase bei. "Das mache ich mit meinen Kleinen auch immer so." Und fröhlich stimmte er das erstbeste Lied an, dass ihm einfiel: "Fuchs, du hast die Gans gestohlen..."
"Aber ich muss doch sehr bitten!", rief Fred empört. "Das sind alles nur bloße Behauptungen, da ist überhaupt noch gar nichts bewiesen!"
Verschämt verstummte der Hase und schaute betreten zu Boden.

Einige Tage zuvor und einige tausend Kilometer weiter nördlich hielt der Polarfuchs Ragnar eine Postkarte in den Händen. Staunend las er die Nachricht und rief dann seine Familie zusammen: "Ihr werdet es nicht glauben, aber Fred, unser Verwandter aus Europa, wird uns in Kürze wieder besuchen. Und er bringt alle seine Freunde mit. Bei ihnen zu Hause muss es so schrecklich heiß sein, dass sie dringend eine Abkühlung brauchen. Außerdem wird das Wasser bei ihnen langsam knapp."

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9

Nach mehreren Stunden Flug lag nun eine riesige weiße Fläche unter ihnen, die keinen Anfang und kein Ende zu haben schien und die in der Sonne glitzerte.

Aufgeregt hüpfte das kleine Eichhörnchen zum Fenster und sah hinunter. "Das musst du dir ansehen, Brumm!", rief es staunend über die Schulter in Richtung des Bären, der es aber vorzog, lieber fest angeschnallt auf seinem Sitz zu bleiben und bloß ja keine Veränderung herbeizuführen, die möglicherweise Auswirkungen auf den Flugverlauf haben könnte.
So beschrieb Kati, was sie sah: "Eine ganze Welt voller Schnee und Eis!", flüsterte sie und es klang, als könne sie nicht glauben, was sie sah.

"Und gar keine Bäume, so weit das Auge reicht", ergänzte Hansi Hase, der sich zum Eichhörnchen ans Fenster gesellt hatte. "Kein Wald, keine Wiese, nichts. Nur Schnee und Eis", beschrieb das Eichhörnchen die Landschaft unter ihnen. Kopfschüttelnd setzte sich der Hase wieder auf seinen Platz. Er konnte sich gar nicht vorstellen, wie man in dieser Eiswüste leben sollte.

"Keine Bäume?", fragte Brumm ungläubig.
"Nein, keine Bäume, aber viele bunte Punkte, die lustig hüpfen", ergänzte Schafi, dass nun ebenfalls bei Kati stand und seine Nase gegen das Fenster drückte.
"Du hast doch nicht etwa wieder Sauerampfer...", wollte das Eichhörnchen schon schimpfen, doch tatsächlich! Da unten bewegten sich viele kleine bunte Punkte und es sah so aus, als hüpften sie.

Die bunten Punkte, die lustig hüpften, waren Polarfuchs Ragnar mit seiner Familie und seinen Freunden, die auf die Ankunft des Flugzeugs warteten. Nun sahen sie die Maschine schnell immer näher kommen - vor Freude hüpften sie auf und nieder. Mit bunten Fähnchen hatten sie gestern Abend noch die Landebahn markiert, damit der Pilot das Flugzeug ohne Schwierigkeiten an der richtigen Stelle zur Erde bringen kann.

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10

Karl Kranich saß im Cockpit und suchte nach einer Landestelle. Vor Anstrengung hatte er die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen. Seit Stunden bestand die Welt unter ihm nur noch aus Eis und Schnee. Die Monotonie der Landschaft setzte dem Piloten zu; konzentriert suchte er nach einer markierten Landefläche.

Da, endlich! Nun entdeckte er die vereinbarte Markierung auf dem eisigen Boden unter sich. Karl griff zum Fernglas und sah viele bunte und sich bewegende Punkte am Boden. Er stellte die Sehschärfe des Fernglases nach und aus den bunten Flecken im Schnee wurden Eisbären und Polarfüchse, die freudig in Richtung des näher kommenden Flugzeugs winkten und aufgeregt auf und nieder hüpften.

Karl erwiderte die Begrüßung auf Pilotenart: Querruder links, Querruder rechts - und das Flugzeug neigte sich einmal nach links und einmal nach rechts. Es schien, als würde es mit den Tragflächen winken.
Während die Tiere an Bord ob des Flugmanövers begeistert jubelten und dem Piloten applaudierten, krallte sich Brumm noch fester in seinen Sitz und nahm in Gedanken Abschied von der Welt. Nie und nimmer hätte er sich auf diese Reise einlassen dürfen! Wie lautete noch das alte Bärensprichwort, das Tante Bärnadette so gern zitierte? "Bär, bleib in deiner Höhle!"

Aber nun war es zu spät - adé du schöne Welt! Du warst schön, weil es Platz auf dir gab für das liebste Wesen, dass ich je getroffen habe, dachte Brumm, ganz in sein Schicksal ergeben. Und sollten wir jemals wiedergeboren werden, dann werde ich mein kleines Eichhörnchen genau wieder so lieb haben wie heute. Und während der Bär also Abschied nahm von seinem Eichhörnchen und der Welt, drückte Karl Kranich kühn die Nase des Flugzeugs nach unten und setzte zur Landung an.

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11

"Ich bin ein Flieger! Ich bin ein Flieger!", jubelte Brumm, als er nach der Landung am Nordpol als erster die Gangway hinunter stürmte. Nun hatte er die Reise in einem Flugzeug tatsächlich überlebt! Der Bär konnte es noch gar nicht glauben!

Eben noch hatte er innerlich Abschied genommen. Die Pfoten vor dem Gesicht, die Augen fest zusammengekniffen, erwartete der Bär das Ende. Und als die Maschine immer schneller sank und mit einem dumpfen Geräusch den eisigen Boden berührte, öffnete der Bär für einen Moment die Augen. Er sah aufgewirbelten Schnee an den Bullaugen und Brumm schien es, als würde er mit einem Feuerwerk aus leuchtenden Eiskristallen im Bärenhimmel willkommen geheißen. Gleich wird es eine üppige Lachsmahlzeit geben, dachte der Bär und schloss die Augen wieder. Und ob es wohl möglich sei, in den Eichhörnchenhimmel überzusiedeln?

Der völlig verängstigte Bär brauchte dann noch eine ganze Weile um zu verstehen, dass das Flugzeug soeben sicher und völlig unversehrt am Nordpol gelandet war. Die Maschine rollte noch einige hundert Meter aus, dann verstummten die Motoren. In der einsetzende Stille hörte Brumm sein Herz schlagen, gleichmäßig und kräftig.
Was war es doch für eine Freude, zu leben! Er hatte sein kleines liebes Eichhörnchen, er war gesund und er hatte Freunde - was braucht ein Bär mehr, um glücklich zu sein? Außer vielleicht noch Schokoladenpudding, Schwarzwälder Nusstorte, Waldbienenhonig und frische Himbeeren vom Strauch?

Jubelnd verließ Brumm die Maschine. "Ich bin ein Flieger! Ich bin ein Flieger!" Mit viel Schwung erreichte er den eisigen Boden dieser seltsamen Welt, verlor das Gleichgewicht (man sollte Warnschilder aufstellen, fuhr es ihm durch den Kopf) und rutschte auf dem Rücken einige Meter über das Eis, dass der Schnee nur so aufwirbelte.
Kati hüpfte auf das Bärenbäuchlein und gab ihrem Brumm ein Küsschen auf die Nase. "Du bist der tapferste Bär auf der ganzen Welt!"

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12

Voller stolz schritt Brumm - das kleine Eichhörnchen auf seiner Schulter - neben Fred auf das Empfangskomitee zu, das abseits des Flugzeugs bereits auf sie wartete.

Da stand Ragnar, der Polarfuchs, mit seiner Familie und alle freuten sich sehr über das Wiedersehen mit Fred. Und da stand auch Björn, der Eisbär. Herzlich begrüßte er Brumm: "Schön, dass wir uns endlich kennenlernen. Fred hatte mir letztes Jahr schon von dir erzählt, aber ich wollte ihm partout nicht glauben, dass du so ein dunkles Fell hast. Dich kann man ja aus dem Weltall noch ohne Fernglas erkennen, wenn du hier über das Eis läufst!" Lachend schüttelte er Brumms Pranke und klopfte ihm freudig auf die Schulter.

Dann musterte er Kati. "So ein Tier wie dich hab ich noch nie gesehen", sagte der Eisbär nachdenklich. "Na wenigstens bist du am Schwanz gut gefüttert, da wird dir die Kälte hier nichts anhaben können", und beeindruckt sah er, wie Kati mit ihrem buschigen Schwanz ihren gesamten Körper bedecken konnte und so vor dem eisigen Polarwind gut geschützt war.

Ragnar begrüßte seine Gäste und freute sich sehr, die Freunde seines Vetters endlich kennenzulernen. "Fred hat mir schon viel von euch erzählt", sagte er. Er musterte Kati und Brumm. "Ah, das Eichhörnchen und der Bär. Ihr seid ein schönes Paar!", befand er.
Dann fiel sein Blick auf Hansi Hase. "Und du bist der tapfere Hase, der die Wölfe mit fürchterlichem Gebrüll verjagte. Gut, dass du hier bist. Bei uns gibt es nämlich auch Wölfe. Sie haben ein weißes Fell wie wir und sind im Schnee nur schwer zu erkennen."

Ängstlich schaute sich der Hase um. "Sie sollen nur kommen, diese weißen Wölfe", sagte er mit unsicherer Stimme und rückte näher an Brumm heran.
Dann gingen sie gemeinsam zu dem auf sie wartenden Schlitten, vor dem vier Rentiere gespannt waren.

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13

Schafi tapste mit unsicheren Schritten hinterher. Mae war immer noch der Meinung, dass es eine gute Idee war, der brütenden Hitze daheim zu entfliehen. Die Temperaturen hier am Nordpol empfand er auch als sehr angenehm kühl, schließlich war er ja durch seine dicke Wolle gut vor dem arktischen Wind geschützt. Aber eine Sache gab es, die dem kleinen Schaf gar nicht gefiel: Mit seinen Hufen wurde jeder Schritt auf dem vereisten Untergrund zu einem Abenteuer.

Wäre es jetzt auf Sauerampfer, hätte es lässig zwischen seinen Pflanzenfresserzähnchen hervor gepresst: "Scheißglatt hier überall!" Und noch cool eine Pirouette gedreht. So aber tapste es den anderen vorsichtig hinterher und war froh, nach den Füchsen endlich den Schlitten zu erreichen.

Während der Schlittenfahrt lobte Fred seinen Vetter: "Übrigens, tolle Idee, die Landebahn mit bunten Fähnchen zu markieren", sagte Fred anerkennend zu Ragnar. "Wo habt ihr die eigentlich her?"
"Ach, das ist eine lange Geschichte", antwortete der Polarfuchs. "Stell dir vor, es ist uns gelungen, die Seidenspinnerraupe auch unter unseren hier klimatisch doch sehr anspruchsvollen Bedingungen zum Arbeiten zu bewegen. So hat sie in den letzten sechs Wochen das Material für die Landebahnmarkierung hergestellt." Fred blieb vor Erstaunen der Mund offen. Ungläubig starrte er Ragnar an.

"Quatsch!", lachte nun der Polarfuchs lauthals los. "Seit vielen Jahren betreiben die Menschen gar nicht weit von hier eine Forschungsstation. Die hatten mit den Fähnchen wohl Löcher im Eis markiert. Da ist aber anscheinend nie jemand reingefallen. Und da die Menschen die Fähnchen also offensichtlich gar nicht brauchten, haben wir sie uns geborgt, um die Landebahn für euch zu markieren."
"Genial!", antwortete Fred beeindruckt.

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14

Weniger beeindruckt, dafür maximal erzürnt zeigte sich einige Kilometer entfernt der Leiter der Forschungsstation. Letzte Nacht hatte irgendein Spaßvogel sämtliche Markierungen von den Eislöchern entfernt. In der Folge waren bis Tagesanbruch bereits vier Wissenschaftler während ihrer Außeneinsätze in das eiskalte Wasser gefallen und mussten ärztlich versorgt werden.

Der Leiter glaubte nicht an einen dummen Scherz. Er hielt es für Sabotage. Zudem verwirrte ihn eine Nachricht des Funkers, auf die er sich überhaupt keinen Reim machen konnte.
Der Funker hatte gegen Mittag ein anfliegendes Flugzeug auf dem Radar gesichtet, das in relativer Nähe der Station gelandet sein musste. Aber das war völlig unmöglich! Die Station erwartete weder einen Versorgungsflug, noch konnte es sich um die Ablösung des Forscherteams handeln; die nächsten Wissenschaftler würden erst im neuen Jahr planmäßig auf der Station erwartet.

Eine entsprechende Nachfrage beim Institut auf dem Festland war mit Gelächter und Spott beantwortet worden. Ob er vielleicht noch mal nachsehen möchte? Am Ende war es gar kein Flugzeug, sondern ein UFO? Vielleicht möchten die Außerirdischen die Forschungen unterstützen, damit der geschätzte Herr Kollege auch endlich zu etwas Zählbarem komme? Ha ha ha...

Die spöttischen Kommentare der Kollegen auf dem Festland schmerzten ihn sehr. Verärgert und ratlos blickte der Leiter der Forschungsstation durch die vereiste Scheibe seines Bürofensters. Wäre sie nur etwas weniger vereist gewesen, hätte er am Horizont einen wunderschönen Schlitten sehen können, der von vier Rentieren gezogen wurde.

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15

Nun waren sie schon eine ganze Weile unterwegs. Der monotone Klang der Glöckchen am Geschirr der Rentiere sowie die immer gleich aussehende Landschaft hatte auf Brumm eine einschläfernde Wirkung. Er döste im Schlitten, während das Eichhörnchen eng an ihn gekuschelt fasziniert Ausschau hielt. Es war kaum zu glauben, hier gab es nicht einen einzigen Baum!

Hinter einen meterhohen Schneewehe bog der Schlitten nach links ab und dann waren sie endlich angekommen.
Vetter Ragnar bewohnte mit seiner Familie einen wunderschönen Bau, der tief in die eisige Schneedecke des Nordpols gegraben war. Hier unten war es heimelig warm und "je mehr Gäste, um so wärmer ist es für alle", fügte Ragnar lachend hinzu.

Für Brumm, Kati und das kleine Schaf hatten die Polarfüchse mithilfe der Eisbären ein geräumiges Iglu gebaut. Der Eingang befand sich auf der dem Wind abgewandten Seite. Das beeindruckte das kleine Eichhörnchen sehr. "Jahrelange Erfahrung", quittierte Björn Katis Kompliment.

Brumm ließ sich auf sein Bett fallen und schwor, mindestens drei Tage durchschlafen zu müssen nach all der Aufregung dieses Tages!
"Daraus wird nichts!", widersprach das kleine Eichhörnchen und hüpfte auf den Bauch des Bären. "Hier gibt es soviel zu entdecken, da müssen wir die Zeit gut nutzen! Ach was freu ich mich auf die vielen Erkundungen mit dir!" Und voller Vorfreude gab sie ihrem Bären einen Kuss auf die Nase.

Da hörten sie ein Räuspern. Unbemerkt war Ragnar in den Iglu getreten und suchte verlegen nach Worten.
"Tut mir leid, dass ich störe, aber wir haben da ein, ähm, ich nenne es mal ein logistisches Problem. Der Hase..." Da tauchte auch schon Hansi Hase hinter Ragnar auf und sagte: "Habt ihr hier noch einen Platz für mich? Unter gar keinen Umständen werde ich bei den Polarfüchsen schlafen!"

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16

Für den Abend hatte Ragnar mit seiner Familie die Gäste zu einem großen Willkommensfest eingeladen. Dazu hatten die Polarfüchse die leckersten ihnen bekannten Köstlichkeiten für ihre Gäste vorbereitet: Gekochter Fisch, inzwischen aber bereits wieder im einstelligen Temperaturbereich. Gebratener Fisch, ebenfalls an die Umgebungstemperaturen angepasst. Roher Fisch, partiell tiefgefroren.
Brumm war sehr begeistert von der Auswahl und bediente sich unzählige Male mit großem Appetit vom Buffet.

Kati dagegen schnupperte vorsichtig an einem der Fischgerichte und entschied sich dann doch, lieber von ihren mitgebrachten Nüssen zu essen.
"Immer noch Magenprobleme?", missdeutete Ragnar Katis Verhalten. "Fred hatte mir erzählt, dass du sehr krank warst und der Hase und der Bär für dich die Zapfen von der Silbernen Tanne holten, aus denen Medizin für dich gewonnen wurde. Ja ja, das Bäuchlein", sinnierte er, "gut Ding will Weile haben." Kati quittierte Ragnars Anteilnahme mit einem freundlichen Lächeln.

Der Hase, der die Unterhaltung mitbekommen hatte, schlug sich mit dem Pfötchen vor die Stirn und verdrehte ungläubig die Augen. Auch ihm sagten die angebotenen Speisen nicht zu. Also kramte er aus seiner Tasche eine Mohrrübe hervor. Das nenne ich ein Essen für einen Hasen von echtem Schrot und Korn, dachte er bei sich und biss herzhaft zu.

Unvermittelt gesellte sich Karl Kranich zu Brumm. Er tat sehr geheimnisvoll und flüsterte dem Bären zu, ohne ihn dabei anzusehen: "Großer, ich weiß, du fliegst nicht gern. Aber du musst mir helfen, euch wieder nach Hause zu bringen."
Brumm sah Karl Kranich verständnislos an. "Aber ich kann doch gar kein Flugzeug fliegen. Du bist doch der Pilot. Wie soll ich dir denn helfen können?"

Mit einer Bewegung des Flügels wischte Karl den Einwand Brumms weg. "Ich werde in den nächsten Tagen auf dich zu kommen. Wenn dir dann also ein Kranich begegnet, der aussieht wie ich und dich mit dem Codewort 'Schneeflocke' anspricht, wirst du keine Fragen stellen und einfach tun, was der Kranich, der so aussieht wie ich, von dir verlangt. Okay?"

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17

Am nächsten Morgen saßen Kati, Schafi und der Hase dicht aneinander gekuschelt auf einem Schlitten und ließen sich von Brumm durch die arktische Landschaft ziehen. Der Wind wehte eisig von vorn und Kati versteckte sich so gut es ging in Schafis Fell. Komisch, dachte sie, vor ein paar Tagen haben wir es vor Hitze zu Hause im Wald nicht ausgehalten und sehnten uns nach Abkühlung, und wenn man sie dann hat, ist es auch nicht recht. Fröstelnd kuschelte sie sich noch enger an das kleine Schaf.

"Was macht ihr denn hier?", hörten sie plötzlich von hinten eine Stimme.
"Ihr habt euch wohl verlaufen?" Björn, der Eisbär, stand unvermittelt hinter ihnen und freute sich, seinen Verwandten mit dem dunklen Fell wiederzusehen.
"Wir sitzen vor Langeweile im Schlitten und frieren uns den Arsch ab!", antwortete Hansi Hase ungehalten und klapperte vor Kälte mit den Zähnen. Glucksend lachte Schafi und rief: "Der Hase hat 'Arsch' gesagt!"

"Seid nicht so vorlaut!", wies Kati die beiden zurecht. Und zu Björn gewandt: "Wir erkunden die Gegend, aber es gibt überall nur Schnee und Eis!"
"Dann habt ihr ja schon alles gesehen!", sagte der Eisbär lächelnd. "Mehr kommt nicht."
"Prima", freute sich Brumm. "Dann können wir ja zurück ins Iglu und ich kann mich endlich mal richtig ausschlafen."
"Ach Quatsch", antwortete Björn, "wenn ihr schon mal da seid, kann ich euch auch zeigen, wo der Weihnachtsmann wohnt."

"Der Weihnachtsmann?", fragte das kleine Schaf ungläubig.
"Weiß doch jedes Kind, dass der Weihnachtsmann am Nordpol wohnt", warf Brumm altklug ein.
"Stimmt", bestätigte der Eisbär. "Und wo seid ihr hier? Richtig: Am Nordpol!"

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18

Gemeinsam zogen Björn und Brumm den Schlitten, auf dem Hansi, das Schaf und Kati saßen. Der kleine Mae hatte vor lauter Aufregung schon ganz rote Bäckchen: Angeblich wusste der Eisbär, wo der Weihnachtsmann wohnt. Das wird spannend! Hoffentlich ist er zu Hause, dachte das Schaf hoffnungsvoll. Dann könnte ich ja vielleicht schon eins der Geschenke für mich mitnehmen. Oder zwei.

Nach einer Weile blieb der Eisbär abrupt stehen. "Weiter können wir nicht heran", sagte er mit gedämpfter Stimme. "Seht ihr da vorn das flache Gebäude im Schnee?" Angestrengt starrten die Tiere in die von Björn gezeigte Richtung.
Tatsächlich, in einiger Entfernung waren die Umrisse eines flachen Gebäudes zu sehen, an dessen Südseite einige Fenster erleuchtet zu sein schienen.

Der Eisbär erklärte: "Das ist die Forschungsstation der Menschen. Seit die dort steht, wohnt da auch der Weihnachtsmann."
"Aha", sagte das Eichhörnchen nachdenklich. "Und wie kommt ihr darauf?"
"Das haben unsere empirischen Studien belegt."
"Bitte was?", fragte Brumm.

"Das haben unsere Beobachtungen ergeben", fasste es der Eisbär nun in einfachere Worte. "Die Menschen dort feiern jedes Jahr in der längsten Nacht des Jahres Weihnachten und als Höhepunkt erscheint ein Wesen mit einem langen weißen Bart, einem roten Mantel und einem großen Sack auf dem Rücken und bringt Geschenke für alle in der Station. Die Menschen begrüßen ihn begeistert und sehr liebevoll und nennen ihn den Weihnachtsmann. Sie sagen ihm zu Ehren Gedichte auf und singen gemeinsam Lieder. Anschließend sitzen sie noch lange bei gutem Essen zusammen und betrinken sich." Der Eisbär unterbrach kurz seine Erläuterung.
Auf dem Schlitten herrschte atemlose Stille.

"Aus diesen Beobachtungen konnten wir schlussfolgern, dass der Weihnachtsmann da wohnen muss, denn wir sehen ihn nie ankommen oder weggehen."
Mit vor Staunen offenen Mündern sahen sich das Schaf und der Hase, Brumm und Kati an.

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19

Inzwischen waren die Waldbewohner schon fast drei Wochen zu Besuch am Nordpol. Fast jeden Tag trafen sich Brumm und Björn, die inzwischen eine enge Freundschaft verband. Sie gingen zusammen fischen und liebten es, gemeinsam über das Eis zu toben.

Der Hase hingegen wurde jeden Tag schwermütiger; er litt sehr unter der grau-trüb-weißen Monotonie, die sie umgab. Außerdem war er sehr genervt von der Kälte und jammerte jeden Tag kläglicher, dass er umgehend nach Hause wolle.
Kati blieb beim Hasen im Iglu und pflegte ihn, während das kleine Schaf Brumm auf seinen Ausflügen mit Björn begleitete.

Und so tobten die beiden Bären auch heute wieder übermütig über das Eis und versuchten, einander zu fangen. Björn vorweg, der im zick zack Haken schlug und dem Braunbären immer wieder geschickt auswich; Brumm hinterher, bemüht, Björn zu fangen.

Der Braunbär lief so schnell er nur konnte und verfolgte seinen Verwandten mit dem schneeweißen Pelz, spreizte dann aber die Vorderpfoten und rutschte mit der Nase über das Eis. Brumm hatte großen Spaß an diesem Spiel! Das kannte er sonst nur vom Schlittenfahren, wenn er bäuchlings den Rodelhang zu Hause im Wald hinabsauste. Aber als im letzten Winter Hansi Hases Schlitten unter Brumms Gewicht zusammenbrach, hatte der Bär es vorgezogen, lieber den anderen Tieren beim Rodeln zuzusehen, als es noch einmal zu solch einer Peinlichkeit kommen zu lassen.

So jagten sich die beiden Bären eine ganze Weile gegenseitig, dann brauchte Björn eine Abkühlung. Mit großen Schritten lief er auf die Eiskante zu und sprang ins Wasser. Brumm hinterher.
Schafi fand das ganz toll. Mit großem Anlauf rannte es ebenfalls über das Eis, rief "Achtung, Arschbombe!" und sprang mit angezogenen Beinen ins Wasser.

An dieser Stelle muss der Autor anerkennend bemerken, dass dies die mit Abstand schönste Arschbombe war, die jemals ein Schaf im Polarmeer zu Wasser brachte. Nachteilig allerdings sollte sich der Umstand herausstellen, dass das kleine Schaf gar nicht schwimmen konnte.

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20

Arschkälte.
So nannte Hansi Hase die Temperaturen außerhalb des Iglus. Wenn er wüsste, wie kalt das Wasser hier ist, müsste er sich noch einen neuen Begriff dafür ausdenken, dachte das Schaf, während es wie gelähmt im eisigkalten Polarmeer nach unten sank. Verwundert bemerkte es, dass es nicht atmen und sich nicht bewegen konnte. Dann plötzlich spürte es den eisigen Ring um seine Brust, der das Atmen unmöglich machte, nicht mehr. Stattdessen wurde es nun heiß und immer heißer und Schafi dachte beinahe belustigt, dafür hätten wir nicht zum Nordpol fliegen müssen. Heiß genug war es auch zu Hause schon. Dann spürte es auch die Hitze nicht mehr. Es flog hinein in eine gleißende Dunkelheit. Schneller und immer schneller, tiefer und immer tiefer.

Der Schmerz im rechten Vorderbein kam überraschend. Dann schmerzte auch das Genick. Das kleine Schaf wollte sich gegen den Schmerz wehren, aber es schien wie gelähmt in einer unsichtbaren Umklammerung verharren zu müssen. Irgendetwas schien an ihm zu zerren, aber Schafi wollte das nicht. Schafi wollte wieder zurück in die friedliche Hitze und zurück in die schützende, gleißende Dunkelheit.

Zuerst applaudierte Björn dem kleinen Schaf. "In meinem ganzen Leben habe ich noch keine schönere Arschbombe gesehen", gestand er anerkennend. Und auch Brumm war begeistert. Dann wunderten sich die beiden Bären, weshalb das kleine Schaf so lange brauchte, um wieder zur Oberfläche hinauf zu schwimmen.
"Vielleicht taucht es noch ein bisschen?", mutmaßte Björn, der für sein Leben gern tauchte.
"Vielleicht kann Schafi gar nicht schwimmen?", dachte Brumm nach einer Weile laut nach.

Sofort sprang Björn ins Wasser und tauchte dem kleinen Schaf hinterher. Verzweifelt versuchte er im dunklen Wasser die Umrisse des Schafes zu erkennen.
Dort? Nein! Da? Auch nicht! Verdammt! Mit schnellen Stößen seiner kräftigen Hinterbeine tauchte der Eisbär immer tiefer hinab. Und da! Plötzlich bekam er ein Vorderbein des Schafes zu fassen. Verwundert bemerkte der Eisbär, dass sich das kleine Schaf gegen seine Rettungsversuche wehrte.
Nun verbiss sich Björn sanft im Nacken des kleinen Schafes, damit er es mit kräftigen Schwimmbewegungen zurück zur Wasseroberfläche ziehen konnte.

Oben angekommen, half Brumm, das Schaf auf den Schnee zu legen. Doch Schafi rührte sich nicht.
"Was nun?", fragte Brumm ratlos.
"Herzdruckmassage, los! 1-2-3-4 und beatmen", schlug der Eisbär vor und legte seine riesigen Pfoten auf den nassen und kalten Oberkörper des Schafes.
"Herzdruckmassage, 1-2-3-4 und beatmen!"

Und tatsächlich: Plötzlich bäumte sich das kleine Schaf auf und entledigte sich all des geschluckten Wassers. Dann sah es die beiden Bären mit großen Augen an und stammelte vor Kälte: "Habt ihr... habt ihr gesehen? Habt ihr das gesehen? Hab ich eine... tolle Arschbombe gemacht?"

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21

"Schneeflocke!"
"Bitte was?" Erschrocken blickte Brumm in die Dunkelheit.
Er wollte sich gerade noch ein wenig die Beine vor dem Iglu vertreten. Drinnen las das kleine Eichhörnchen dem Hasen und Schafi, das sich inzwischen schon wieder recht gut von seinem Badeausflug erholt hatte, eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Aber der Bär war noch nicht müde. Da hörte er wieder diese Stimme in der Dunkelheit: "Schneeflocke!"

Wie aus dem Nichts stand plötzlich Karl Kranich vor ihm.
"Ach Karl, du bist's", sagte Brumm erleichtert. "Du hast mich ganz schön erschreckt!"
"Ich bin nicht Karl Kranich", widersprach der Kranich. "Ich bin irgendein Kranich und wir sind uns nie zuvor begegnet. Ich habe dir das Codewort genannt und jetzt muss du mir in einer streng geheimen Mission helfen!"
Und schon saß Karl auf einem großen Schlitten und wies Brumm an, ihn zu ziehen.
"Da lang", zeigte er auf ein unbestimmtes Ziel in der Dunkelheit.

Brumm fügte sich schließlich und zog den Schlitten durch die Nacht. Nach einer Weile tauchten kleine Lichtpunkte in der Ferne auf. Beim Näherkommen erkannte Brumm, dass es sich um die beleuchteten Fenster der Forschungsstation der Menschen handelte. Wohnte da nicht auch der Weihnachtsmann?

"Karl", fragte der Bär, als sie ganz nahe an die Station herangekommen waren, "was machen wir hier?"
"Wir borgen uns Kerosin", antwortete Karl. Verständnislos sah der Bär den Kranich an.
"Kerosin? Flugbenzin? Noch nie gehört? Wir brauchen den Stoff für den Heimweg. Oder glaubst du, das Baby" - und damit meinte er sein Flugzeug - "fliegt elektrisch?"

Inzwischen waren sie an einem flachen Nebengebäude der Station angekommen.
"Mach auf!", wies der Kranich den Bären an.
Brumm betätigte die Klinke, aber die Tür ließ sich nicht öffnen. "Abgeschlossen", konstatierte er.
"Logisch. Die Menschen scheinen einander nicht zu trauen. Deshalb haben sie die Tür des Kerosinlagers abgeschlossen", belehrte ihn Karl. "Da musst du einfach mal wie ein Bär dagegen treten, dann geht die Tür schon auf!"

Einen Einbruch später und vier gestohlene Kerosinfässer auf einem Schlitten abtransportiert kehrte Brumm spät in der Nacht und völlig außer Atem zum Iglu zurück. Kati schreckte aus dem Schlaf und fragte den Bären leise, woher er jetzt komme.
Brumm druckste ein bisschen herum. Er legte sich in sein Bett und tat so, als wäre er auf der Stelle eingeschlafen, aber an der Art, wie er atmete, erkannte Kati, dass Brumm etwas auf dem Herzen hatte. Sie hüpfte auf seine Brust und kuschelte sich an ihn. "Worüber machst du dir Sorgen, mein lieber Brumm?"

"Ich werde in diesem Jahr ganz sicher nichts zu Weihnachten bekommen!", brach es schließlich aus dem Bären hervor.
"Wieso das denn?", fragte das Eichhörnchen erstaunt.
"Stell dir vor, Karl Kranich und ich haben dem Weihnachtsmann das Flugbenzin gestohlen! Das wird er uns sehr übel nehmen. Aber du musst mir glauben, es war für eine gute Sache!"

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22

"Der Hase muss mal an die frische Luft!", sagte Kati sehr energisch zu Brumm. Sie brauchte dringend eine Pause, denn die ganztägige Betreuung eines depressiven Hasen kann ein kleines Eichhörnchen schon sehr an die Grenze der Belastbarkeit bringen. Und jetzt war der Punkt erreicht, an dem sie Hansis Gejammer einfach nicht mehr hören konnte!

"Den ganzen Tag diese Arschkälte, da frieren einem ja die Ohren ab! Und nachts ist es noch viel kälter! Und überall dieses schreckliche Weiß! Ich will nach Hause, zurück in den Wald! Lieber die Hitze daheim ertragen und eine welke Möhre essen als ständig diese Tiefkühlkost hier!"
Und wenn er sich gerade einmal nicht beklagte, lag er zusammengerollt in seinem Bett und starrte trübsinnig ins Leere. "Ich kann dieses Weiß nicht mehr sehen!", murmelte er wieder und wieder leise vor sich hin.

Also verließen der Bär, das kleine Schaf und der Hase den Iglu und gingen wandern. Ursprünglich wollten sie Schlittenfahren, aber Hansi hatte keine Lust.
Schneemann bauen? Der Hase schüttelte desinteressiert den Kopf.
Eine Schneeballschlacht und wild herum toben? Hansi winkte apathisch ab.
Brumm und Schafi sahen sich ratlos an. So liefen sie aufs geradewohl los, der Hase trottete mit gesenktem Blick hinterher.

Nach einer Weile, der Wind wehte stetig von vorn, wurden dem Schaf die Beine schwer. Brumm nahm es huckepack und lief weiter. Nun jammerte der Hase, dass er auch getragen werden möchte. Brumm lehnte ab. "Kati hat gesagt, dass du Bewegung brauchst."
"Aber mir ist kalt!"
"Dann beweg dich schneller!"

Trotzig schlug der Hase nun eine andere Richtung ein und ging auf eine große Schneewehe zu.
"Es kommt auf uns zu", freute sich Lupus, der ein kleines Rudel arktischer Wölfe anführte. Er lag just hinter jener Schneewehe auf der Lauer, auf die Hansi mit schlurfenden Schritten zu lief.

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23

Gleich würde Lupus den Jungen in seinem Rudel zeigen, wie er dieses Fellknäuel da mit den langen Ohren packen und...
Er machte sich bereit für den finalen Sprung, aber: Was war das? Hinter dem Hasen geriet ein Wesen in Lupus' Blickfeld, das er nie zuvor gesehen hatte: Unten ähnelte es einem Eisbären mit dunklem Fell. Aber anstelle eines Kopfes saß da etwas, dass einem schmutzigen, überdimensionierten Schneeball ähnelte. Mit nochmal vier Beinen und einem kleinen Kopf mit langer Schnauze.

Sehr seltsam! Und - Lupus gestand es sich nicht gern ein - angsteinflößend! Der Leitwolf wich einen Schritt zurück. Und je näher das Ding kam, um so riesiger wurde es.
"Ob es etwa selbst auf der Jagd nach diesem Fellknäuel ist?", dachte Lupus und duckte sich noch tiefer in den Schnee.

In diesem Moment verlor eines der Jungen die Geduld und sprang hinter der Schneewehe hervor. Seiner Unerfahrenheit geschuldet, verfehlte es den Hasen jedoch um Haaresbreite. Schutzsuchend lief Hansi laut schreiend und in panischer Angst zu Brumm und Schafi, das noch immer Huckepack auf des Bären Schultern saß. Nun verstand Lupus gar nichts mehr. Wieso suchte das Fellknäuel Schutz ausgerechnet bei diesem Monster?

Ein einziges tiefes, aber sehr unmissverständliches Brummen des Bären genügte, dass sich das Wolfsjunge wieder in den Schutz des Rudels hinter der Schneewehe zurückzog. Gespannt schauten die Kleinen auf den Leitwolf.
Da sah sich Lupus genötigt, seine Deckung aufzugeben und alles zu riskieren. Zähnefletschend und mit dem grimmigsten Gesichtsausdruck, zu dem er im Stande war, sprang er hinter der Schneewehe hervor und knurrte und heulte abwechselnd so markerschütternd, dass der Hase vor Angst in Ohnmacht fiel.

Das kleine Schaf hingegen, dass sich auf Brumms Schultern sehr sicher fühlte, sprach den Wolf direkt an: "Sag mal, musst du hier so rumbrüllen? Du ängstigst meinen Freund, also hör auf damit!"
Und weil Lupus tatsächlich für einen Moment still wurde, fügte das Schaf hinzu: "Und überhaupt! Schämt ihr euch nicht? Viele gegen einen ist unfair, sagt meine Mama!"

Lupus verstand nicht, was das Monster sagte, es vernahm nur ein zartes Flüstern, dass unvermittelt zu einem tiefen Brummen wurde, denn Brumm erklärte dem kleinen Schaf gerade, dass dies wohl die von Ragnar und Björn erwähnten weißen Wölfe seien und sie vermutlich den Hasen fressen wollten.

"Waaaas?!", fragte das Schaf entsetzt. "Macht bloß, das ihr wegkommt!", rief es empört. "Ihr werdet es sonst sehr bereuen! Ich bin das böse Schaf des Todes und kann euch auf 52 verschiedene Arten allein durch meine enigmatischen Blicke töten!"

Aus dem zarten Flüstern war ein drohendes, ja agressives Geräusch geworden, dass auf eine subtile Weise Gefahr vermittelte, dass sich Lupus' Fell sträubte und plötzlich verstand er: Die Bestie würde zuerst die Polarwölfe fressen und sich das Fellknäuel, das sich hinter das Monster gerettet hatte und schon wie tot auf dem Eis lag, als Nachtisch gönnen.

Erschrocken wich der Leitwolf zurück. Schafi sah es mit Genugtuung. Es begann, wild mit den Vorderbeinen herumzufuchteln. "Gleich schnapp' ich mir einen von euch und reiße ihn in Stücke! Heute ist ein guter Tag zum sterben, möööh!" blökte es heiser in die eisige Polarluft. Und weil es so schrecklich fror, klapperte es unentwegt mit den Zähnen seines Pflanzenfressergebisses.

Panik stieg in Lupus auf. Was für eine Bestie!
"Bloß weg hier, bevor es uns alle auffrisst!", rief er dem Rudel zu und schon floh er wie vom Blitz getroffen. Die Kleinen, so schnell sie ihre Beine tragen konnten, hinterher.

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24

Nach dem Rendezvous mit den Polarwölfen lag der Hase regungslos auf seinem Bett und starrte apathisch an die Decke des Iglus. Er hatte nur noch einen Wunsch: So schnell wie möglich zurück nach Hause! Und auch Brumm würde am liebsten auf der Stelle zurück in seinen Wald wollen, wäre da nicht die Angst, wieder ins Flugzeug steigen zu müssen. Vielleicht mit dem Rentierschlitten?

"Alles ist gut", redete das kleine Eichhörnchen unterdessen sanft auf den Hasen ein. "Du bist in Sicherheit, hier kann dir nichts geschehen." Und um ihn zu beruhigen, kraulte Kati seine langen Ohren.
"Ich will nach Hause!", jammerte Hansi immer und immer wieder leise vor sich hin. Da betrat Fred das Iglu.
"Ich habe soeben mit Karl gesprochen, er fliegt uns morgen nach Hause."
Während der Hase, als hätte er Freds Worte nicht gehört, weiter an die Decke starrte und leise vor sich hin murmelte, stritten in Brumm zwei Gefühle: Freude und Angst.
Freude darüber, dass er morgen wieder nach Hause zurückkehren würde. Nach Hause in den Wald, in dem er seine Höhle hatte und mit seinem Eichhörnchen wieder das altvertraute Leben führen konnte. Und Angst davor, in das Flugzeug steigen zu müssen.

Kati bemerkte Brumms Zwiespalt. Mit zwei, drei sehr eleganten Sprüngen setzte sie sich auf die Schulter des Bären und sprach sanft auf ihn ein. "Sieh mal, mein lieber Brumm. Du musst dich nicht fürchten, du bist schon geflogen und du hast das sehr tapfer ertragen. Also schaffst du das morgen auch noch einmal und außerdem bin ich bei dir und werde wie auf dem Hinflug gut auf dich aufpassen. Außerdem werden wir rechtzeitig zurück sein, so dass wir zu Hause Weihnachten feiern können so wie in jedem Jahr: Ich dekoriere die Höhle, du holst den Baum. Ich backe uns Plätzchen und dann schmücken wir gemeinsam unseren Weihnachtsbaum und haben eine schöne Zeit mit ganz viel Kuscheln, ja?"

Und da begann der Bär zu lächeln. Die Furcht wich aus seinem Blick. Vergnügt begann Brumm seinen ganz persönlichen Freudentanz zu tanzen. Und wie wir inzwischen wissen, tat er dies nur, wenn er außergewöhnlich glücklich war.

Und während der Bär noch tanzte, betrat Ragnar den Iglu. "Bevor ihr abreist, möchte ich euch noch etwas zeigen. Ich bin mir sicher, so etwas habt ihr noch nie gesehen!"
Was kann das schon sein, dachte Brumm. Polarwölfe, die sich vor einem Schaf in die Hose machen? Hab ich schon gesehen!
Was kann das schon sein, dachte der kleine Mae. Ein Eisbär, der ein Schaf wiederbelebt? Hab ich schon gesehen!

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25

Inzwischen war es ganz dunkel geworden.
Kati saß mit Brumm und dem kleinen Schaf gemeinsam mit Ragnar, Fred und Björn in einem festlich geschmückten Schlitten, der von sechs Rentieren durch die Nacht gezogen wurde. Die Glöckchen an den Geschirren der Zugtiere klangen hell und weit in die Dunkelheit.

Über dem Schlitten wölbte sich ein sternenklarer Himmel. Vor Kälte wurden dem Eichhörnchen die Augen feucht. Immer wieder wischte es mit seinen Pfötchen die Tränen aus den Augenwinkeln. Da bemerkte es am Himmel ein kurzes Flimmern, das sich in Sekundenbruchteile zu einem Leuchten erwuchs, in sich zusammenfiel und sich anschließend einer Welle gleich von Neuem vom Horizont aus über das gesamte Firmament ausbreitete.

"Was ist das?", fragte Kati tonlos, als befürchtete sie, mit ihren Worten dieses grandiose Schauspiel am Himmel zu stören.
"Aurora borealis", antwortete Ragnar in die atemlose Stille. "Oder einfach Polarlichter. Na, hatte ich zu viel versprochen?" Dann erklärte er seinen Gästen das Naturschauspiel: "Was ihr da seht, sind kleine Elektrometeore. Es handelt sich um energiereiche geladene Stickstoff- und Sauerstoffatome, die von der Sonne ausgestoßen wurden und in der Hochatmosphäre mit dem Magnetfeld der Erde wechselwirken und dadurch zum Leuchten angeregt werden."

Und nun sahen es die anderen auch: Der Nachthimmel phosphoreszierte in wohl tausend Nuancen zwischen gelb und grün, vermischte sich mit dem kosmischen Schwarz des Himmels über ihnen; vermischte sich mit dem unbestimmten Weiß des Schnees und der eisigen Umgebung um sie herum.

"So wunderschön!", sagte Kati und konnte den Blick nicht von diesem Schauspiel am Himmel wenden.
"Ja, wunderschön dieses Aurora irgendwas", bestätigte der Bär und blickte glücklich zu seinem Eichhörnchen, das entzückt in den Himmel starrte.
"Das ist das schönste auf der Welt, das ich je gesehen habe", sagte Brumm staunend und fügte leise flüsternd hinzu: "Gleich nach dir."

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