Gleich würde Lupus den Jungen in seinem Rudel zeigen, wie er dieses Fellknäuel da mit den langen Ohren packen und...
Er machte sich bereit für den finalen Sprung, aber: Was war das? Hinter dem Hasen geriet ein Wesen in Lupus' Blickfeld, das er nie zuvor gesehen hatte: Unten ähnelte es einem Eisbären mit dunklem Fell. Aber anstelle eines Kopfes saß da etwas, dass einem schmutzigen, überdimensionierten Schneeball ähnelte. Mit nochmal vier Beinen und einem kleinen Kopf mit langer Schnauze.
Sehr seltsam! Und - Lupus gestand es sich nicht gern ein - angsteinflößend! Der Leitwolf wich einen Schritt zurück. Und je näher das Ding kam, um so riesiger wurde es.
"Ob es etwa selbst auf der Jagd nach diesem Fellknäuel ist?", dachte Lupus und duckte sich noch tiefer in den Schnee.
In diesem Moment verlor eines der Jungen die Geduld und sprang hinter der Schneewehe hervor. Seiner Unerfahrenheit geschuldet, verfehlte es den Hasen jedoch um Haaresbreite. Schutzsuchend lief Hansi laut schreiend und in panischer Angst zu Brumm und Schafi, das noch immer Huckepack auf des Bären Schultern saß. Nun verstand Lupus gar nichts mehr. Wieso suchte das Fellknäuel Schutz ausgerechnet bei diesem Monster?
Ein einziges tiefes, aber sehr unmissverständliches Brummen des Bären genügte, dass sich das Wolfsjunge wieder in den Schutz des Rudels hinter der Schneewehe zurückzog. Gespannt schauten die Kleinen auf den Leitwolf.
Da sah sich Lupus genötigt, seine Deckung aufzugeben und alles zu riskieren. Zähnefletschend und mit dem grimmigsten Gesichtsausdruck, zu dem er im Stande war, sprang er hinter der Schneewehe hervor und knurrte und heulte abwechselnd so markerschütternd, dass der Hase vor Angst in Ohnmacht fiel.
Das kleine Schaf hingegen, dass sich auf Brumms Schultern sehr sicher fühlte, sprach den Wolf direkt an: "Sag mal, musst du hier so rumbrüllen? Du ängstigst meinen Freund, also hör auf damit!"
Und weil Lupus tatsächlich für einen Moment still wurde, fügte das Schaf hinzu: "Und überhaupt! Schämt ihr euch nicht? Viele gegen einen ist unfair, sagt meine Mama!"
Lupus verstand nicht, was das Monster sagte, es vernahm nur ein zartes Flüstern, dass unvermittelt zu einem tiefen Brummen wurde, denn Brumm erklärte dem kleinen Schaf gerade, dass dies wohl die von Ragnar und Björn erwähnten weißen Wölfe seien und sie vermutlich den Hasen fressen wollten.
"Waaaas?!", fragte das Schaf entsetzt. "Macht bloß, das ihr wegkommt!", rief es empört. "Ihr werdet es sonst sehr bereuen! Ich bin das böse Schaf des Todes und kann euch auf 52 verschiedene Arten allein durch meine enigmatischen Blicke töten!"
Aus dem zarten Flüstern war ein drohendes, ja agressives Geräusch geworden, dass auf eine subtile Weise Gefahr vermittelte, dass sich Lupus' Fell sträubte und plötzlich verstand er: Die Bestie würde zuerst die Polarwölfe fressen und sich das Fellknäuel, das sich hinter das Monster gerettet hatte und schon wie tot auf dem Eis lag, als Nachtisch gönnen.
Erschrocken wich der Leitwolf zurück. Schafi sah es mit Genugtuung. Es begann, wild mit den Vorderbeinen herumzufuchteln. "Gleich schnapp' ich mir einen von euch und reiße ihn in Stücke! Heute ist ein guter Tag zum sterben, möööh!" blökte es heiser in die eisige Polarluft. Und weil es so schrecklich fror, klapperte es unentwegt mit den Zähnen seines Pflanzenfressergebisses.
Panik stieg in Lupus auf. Was für eine Bestie!
"Bloß weg hier, bevor es uns alle auffrisst!", rief er dem Rudel zu und schon floh er wie vom Blitz getroffen. Die Kleinen, so schnell sie ihre Beine tragen konnten, hinterher.
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