Isabel Igel hatte versprochen, Kati bei der Anprobe ihres Brautkleides behilflich zu sein. Und während Brumm am neuen Stall werkelte, passte Isabel den Stoff an Katis Körper an. Heftete hier ein bisschen, legte dort den Stoff in zwei Falten, nahm prüfend Abstand und nickte zufrieden.
Kati platzte vor Neugier. "Wie seh' ich aus, wie seh' ich aus?", fragte sie und wollte sich unbedingt im Spiegel betrachten.
"Halte still, warte!", wies Isabel das Eichhörnchen freundlich, aber bestimmt zurecht.
Aber Kati wollte nicht warten. Voller Ungeduld sehnte sie den Moment herbei, sich nun endlich wie die Menschen in ihrer Lieblingsfernsehsendung im großen Spiegel betrachten zu können.
"Hier noch ein bisschen... jetzt halt doch mal still!", sagte Isabel Igel nun sehr energisch und drapierte den überschüssigen Stoff zu einer beeindruckenden Schleppe. "Jetzt", sagte sie und forderte Kati auf, sich dem Spiegel zuzuwenden.
"Oh wie toll!", sagte Kati, als sie sich in ihrem wunderschönen Brautkleid sah. Zwei kleine Tränen kullerten über ihr Gesicht. "Das hast du gut gemacht", sagte sie zu Isabel voller Dankbarkeit und deutete eine Umarmung an. Aber natürlich kommt niemand, der seiner Geisteskraft mächtig ist, auf die Idee, einen Igel zu umarmen. Noch dazu, wenn er ein Brautkleid angezogen hat!
Da landete Erika Elster auf der Fensterbank und beäugte Kati lange. "Oh, ist das komisch!", lachte die Elster schließlich lauthals, als sie Kati in ihrem Brautkleid sah. "Das Eichhörnchen hat sich in einer Gardine verheddert! Oh wie komisch, ha ha ha!"
"Aber Frau Elster! Kati hat ein Brautkleid an, siehst du denn das nicht?", stellte Isabel Igel richtig. "Ich finde, sie ist eine wunderschöne Braut."
"Papperlapp, ich sehe doch, was ich sehe", widersprach die Elster. "Ich sehe ein Eichhörnchen, verheddert in einer Gardine! Oh wie komisch!" Und wieder wollte sie sich ausschütten vor Lachen.
Erst war Kati sprachlos, dann wechselte ihr Gemütszustand zu wütend. Und innerhalb einer Zehntelsekunde zu sehr wütend. Darauf folgte schließlich Eskalationsstufe Eichhörnchen-wütend. Sie packte eine Haselnuss und warf sie der Elster mit voller Wucht an den Kopf. Die flatterte erschrocken davon.
"Also sowas, nein! Das Eichhörnchen hat mich mit Steinen beworfen! Bestimmt habe ich jetzt eine Gehirnerschütterung!", schimpfte sie, während sie das Weite suchte.
"So eine Arschkuh!", begann Kati zu schimpfen und wollte sich partout nicht von Isabel Igel beruhigen lassen. Zur Verdauung von Erika Elsters Taktlosigkeit trank Kati ein ganzes Glas Heidelbeerlikör.
"Die kann mir gestohlen bleiben!", schimpfte das Eichhörnchen und schickte der Elster ein weiteres "Arschkuh!" hinterher. Dann goss sie sich ein weiteres Glas des leckeren Likörs ein.
"Hörst du", rief sie der längst davon geflogenen Elster hinterher, "du kannst mir gestohlen bleiben! Du bist hiermit ganz offiziell von der Hochzeitsfeier ausgeladen! Hörst du?" Und benebelt fügte sie nuschelnd zur Bekräftigung ein weiteres "Arschkuh" hinzu.
"Aber Kati", versuchte Isabel Igel zu schlichten, "sie hat es bestimmt nicht so gemeint. Sie wäre bestimmt sehr traurig, nicht an der Hochzeitsfeier teilnehmen zu dürfen."
"Is mir wumpe!", antwortete Kati, nun vom Heidelbeerlikör arg berauscht. Und um zu unterstreichen, wie wumpe ihr die Elster war, ballte sie ihr Pfötchen zu einer kleinen Faust und drohte in die Richtung, in der die Elster davon geflogen war.
Dann setzte die finale Wirkung des Likörs ein. Der Kopf des Eichhörnchen sank wie in Zeitlupe auf den Tisch, dann fielen Kati die Äuglein zu. Kaum hörbar murmelte sie noch einmal "wumpe!". Dann schlief sie ein.
Nach oben